AfD-Erfolg im Westen: Vom Protest zur gefestigten Stammwählerschaft
Die Alternative für Deutschland (AfD) hat bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz ein historisches Ergebnis erzielt und mit 20 Prozent der Stimmen ihr bisher bestes Resultat bei einer westdeutschen Landtagswahl erreicht. Dies übertrifft sogar den erst zwei Wochen zuvor in Baden-Württemberg aufgestellten Rekord von 18,8 Prozent. Längst handelt es sich nicht mehr um eine reine Protestwahl, wie Experten betonen, sondern die Partei hat sich eine relativ feste Stammwählerschaft aufgebaut.
Skandale perlen ab: Misstrauen und fehlende Alternativen
Wochenlange Debatten über Vorwürfe der Vetternwirtschaft, der Extremismus-Verdacht des Verfassungsschutzes sowie interne Querelen scheinen der AfD kaum zu schaden. „Entweder halten ihre Wähler die Vorwürfe für erfunden oder zumindest aufgebauscht. Oder aber sie zweifeln die Existenz des Skandals zwar nicht an, finden in den anderen Parteien aber trotzdem keine Alternative“, erklärt der Hallenser Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky. Eine Ipsos-Befragung Ende Februar bestätigt diese Einschätzung: 41 Prozent der Deutschen erwarten keinen Schaden für die AfD durch die Vetternwirtschaftsvorwürfe.
Keine Ostpartei mehr: Strukturwandel und Abstiegsängste als Treiber
Die AfD ist keine reine Ostpartei mehr, betont Lewandowsky. Im Westen gewinnt sie viele Wähler in Regionen, die von starkem Strukturwandel betroffen sind und profitiert von Abstiegsängsten. Während die Partei in Ostdeutschland noch höhere Zustimmung erfährt – unter anderem aufgrund geringerer Parteibindung und verbreitetem Misstrauen in die herrschende Politik –, hat sie auch im Westen ihre Unterstützung gefestigt. Für ihre Stammwähler stellen die anderen Parteien keine Wahloption mehr dar. „Wenn die AfD nicht mehr zur Wahl stünde, würden die meisten von ihnen gar nicht mehr wählen gehen“, sagt Anna-Sophie Heinze, Sprecherin des Arbeitskreises Parteienforschung.
Strategien der etablierten Parteien: Kalkül nicht aufgegangen
Die Anhänger der Denkschule von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) glauben, die Union sei unter Angela Merkel zu links gewesen und habe etwa beim Thema Migration zu lange Probleme liegen lassen, wodurch rechts eine Lücke entstanden sei. Mit härterer Gangart wird nun versucht, der AfD das Wasser abzugraben. Doch Lewandowsky sieht dies kritisch: „Die Strategien der anderen Parteien haben dazu beigetragen, dass vor allem das Migrationsthema nicht nur in der Debatte bleibt, sondern auch die Positionen der AfD legitimiert werden. Entgegen dem Kalkül, dadurch AfD-Wähler zurückzugewinnen, haben die Rechtspopulisten dadurch vermutlich sogar noch hinzugewonnen.“
Zunehmende Normalisierung und professionelle Parteiorganisation
Politologin Anna-Sophie Heinze betont, dass die AfD in den letzten Jahren eine immer professionellere Parteiorganisation aufgebaut habe, mit der sie breitere Wählerschichten anspreche. Dabei profitiert sie von der zunehmenden Normalisierung von Rechtsaußenpositionen und -rhetorik in der Gesellschaft, wobei auch andere Parteien und Medien eine zentrale Rolle spielen. In Rheinland-Pfalz konnte die CDU zwar einen Erfolg verbuchen, doch bundesweit halten CDU und CSU mit 26-28 Prozent die AfD mit 23-26 Prozent nur knapp auf Abstand.
Blick auf die Zukunft: Absolute Mehrheit als Ziel
Alle Blicke richten sich nun auf Sachsen-Anhalt, wo am 6. September die nächste Landtagswahl ansteht. Die AfD steht dort in Umfragen zwischen 39 und 40 Prozent, und Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat die absolute Mehrheit als Ziel ausgegeben. „Käme es dazu, es wäre ein politisches Beben in Deutschland“, heißt es in Analysen. Zwei Wochen später, am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern, könnte die AfD ebenfalls mit Abstand stärkste Kraft werden, wo die Umfragewerte zuletzt zwischen 34 und 37 Prozent schwankten. Ihr bestes Ergebnis holte die AfD bisher bei der Landtagswahl 2024 in Thüringen mit 32,8 Prozent.
Die Entwicklung zeigt: Die AfD hat sich im Westen etabliert, Skandale scheinen sie kaum zu beeinträchtigen, und ihre Stammwählerschaft wächst. Die Frage, wie die etablierten Parteien darauf reagieren sollen, bleibt offen und wird die politische Landschaft in Deutschland weiter prägen.



