AfD in Dessau-Roßlau: Öffentlich Wasser predigen, heimlich Wein trinken?
AfD in Dessau-Roßlau: Wasser predigen, Wein trinken?

AfD in Dessau-Roßlau: Die Doppelmoral der Vetternwirtschaft

In Sachsen-Anhalt gerät die AfD zunehmend in den Fokus von Vorwürfen der Vetternwirtschaft. Während die Partei öffentlich Transparenz und Sauberkeit predigt, mehren sich die Hinweise auf fragwürdige Personalentscheidungen innerhalb ihrer Reihen. Besonders in Dessau-Roßlau bleiben viele Fragen unbeantwortet, die das Bild einer Partei zeichnen, die mit zweierlei Maß misst.

Das undurchsichtige Büro in der Muldstraße

In der Muldstraße 88 in Dessau-Roßlau betreiben die beiden AfD-Landtagsabgeordneten Nadine Koppehel und Margret Wendt ihr Bürgerbüro, das auch Sitz der AfD-Stadtratsfraktion ist. Doch Transparenz sucht man hier vergebens. Es gibt keinerlei Hinweisschilder oder vertrauenswürdige Klingelschilder, die auf die Präsenz der Partei hinweisen. Bürger scheinen hier eher weniger erwünscht zu sein.

Nadine Koppehel beschäftigte insgesamt 16 eigene Mitarbeiter, ihre Mutter Margret Wendt sieben. Die entscheidende Frage, ob Verwandte oder sogar Fraktionskollegen aus dem Stadtrat unter diesen Angestellten sind, bleibt unbeantwortet. Auch die konkreten Tätigkeiten dieser vielen Mitarbeiter und deren Arbeitszeiten sind undurchsichtig. Nachbarn berichten, dass sie kein reges Kommen und Gehen beobachtet haben.

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Koppehel hat alle Nachfragen der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) unbeantwortet gelassen. Stattdessen kommentierte sie lediglich unter einen Facebook-Beitrag der MZ mit den Worten: „Ich habe mich an Recht und Gesetz gehalten.“ Diese Aussage mag zwar formal korrekt sein, doch ohne konkrete Antworten bleibt sie nicht überprüfbar und wirft weitere Fragen auf.

Die selektive Aufklärungspolitik der AfD

Während die AfD eigene Unregelmäßigkeiten herunterspielt, übt sie scharfe Kritik an anderen. Beim Bürgerdialog in Köthese diese Woche ging es kurz um den Vater von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, der Büroleiter bei einem Bundestagsabgeordneten in Berlin ist und zeitweise über 7.700 Euro im Monat verdiente. Daniel Roi, AfD-Kreischef in Anhalt-Bitterfeld, wählte einen klassischen Politikertrick und dementierte, was niemand behauptet hatte.

„Es wird immer gesagt, Uli Siegmund hat seinen Vater eingestellt“, behauptete Roi vor 440 Zuhörern. „Das sei völliger Blödsinn.“ Seine Begründung: „Wenn der Vater sich in Berlin bewirbt, wo ist das bitte Vetternwirtschaft? Das ist freier Arbeitsmarkt.“ Diese Aussage wirkt vor dem Hintergrund der Arbeitslosenzahlen in der Region besonders zynisch. Im Januar waren in Anhalt-Wittenberg 14.700 Personen ohne Arbeit – für wie viele davon bietet der freie Arbeitsmarkt Perspektiven auf einen 7.700-Euro-Job?

Gleichzeitig feierte sich Roi in Köthen dafür, das Netzwerk „Demokratie leben“ im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gestoppt zu haben. Er kritisierte eine „staatlich finanzierte Zivilgesellschaft“ und sah darin einen Familienfilz. Man werde denen den Geldhahn zudrehen, so Roi. Hier zeigt sich die Doppelmoral der AfD besonders deutlich: Während man eigene Verflechtungen als normalen Arbeitsmarkt darstellt, werden ähnliche Strukturen bei anderen scharf kritisiert.

Die Reaktion der AfD-Anhänger

Die Facebook-Kommentare zu den Vorwürfen gegen Koppehel und Wendt sind aufschlussreich. Medien werden beschimpft, andere Skandale werden hinterfragt – zurecht, wie der Fall des CDU-Fraktionschefs Guido Heuer zeigt, der die Mutter vom Landesrechnungshofchef Kay Barthel beschäftigt und in Barthels Haus ein Büro gemietet hat. Diese bizarre Überkreuzbeziehung beweist, dass Medien nicht nur auf die AfD schauen.

Was jedoch auffällt, ist die völlige Kritiklosigkeit der AfD-Anhänger gegenüber der eigenen Parteispitze. Nach anfänglicher Konfusion tut die AfD inzwischen einfach so, als wäre die Queranstellung von Verwandten das normalste der Welt. Der Satiremagazin „Postillon“ brachte es bereits Mitte Februar auf den Punkt: „Brauche gerade Abstand von meiner Familie – AfD-Abgeordneter macht heute Homeoffice“ lautete eine Schlagzeile. In dieser Woche folgte: „AfD setzt Kommission gegen Vetternwirtschaft ein – bestehend aus Tino Chrupalla, Tim Chrupalla, Tabea Chrupalla-Schmidt und Till Chrupalla.“

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Fazit: Wasser predigen, Wein trinken

Die Situation in Dessau-Roßlau und ganz Sachsen-Anhalt zeigt ein klares Muster: Die AfD predigt öffentlich Wasser und trinkt heimlich Wein. Wobei „heimlich“ inzwischen kaum noch zutrifft – die Praktiken sind offensichtlich, werden aber von der Partei und ihren Anhängern konsequent verteidigt oder relativiert. Während man bei anderen genau hinschaut und Missstände anprangert, werden eigene Verfehlungen als normaler Arbeitsmarkt oder rechtmäßiges Handeln dargestellt.

Diese Doppelmoral untergräbt das Vertrauen in die politische Kultur und wirft die Frage auf: Will die AfD wirklich anders sein als die etablierten Parteien, oder bedient sie nur andere Netzwerke? Solange Fragen zu den Mitarbeitern in der Muldstraße 88 unbeantwortet bleiben und kritiklose Unterstützung für die eigene Spitze vorherrscht, wird sich an diesem Eindruck wenig ändern.