Warum die Landtagswahl in Baden-Württemberg historisch und unberechenbar ist
Die anstehende Landtagswahl im Südwesten Deutschlands ist mehr als nur eine Abstimmung – sie markiert das Ende einer politischen Ära und den Beginn einer ungewissen Zukunft. Am 8. März 2026 geben die Menschen in Baden-Württemberg ihre Stimme ab, und diese Wahl ist in vielerlei Hinsicht besonders. Sie ist die erste seit Jahren ohne den langjährigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, die erste mit Wahlrecht ab 16 Jahren und möglicherweise die unberechenbarste in der Geschichte des Bundeslands.
Kampf um das Erbe von Winfried Kretschmann
Der Rücktritt von Winfried Kretschmann macht diese Wahl historisch. Nach 15 Jahren als Ministerpräsident tritt der 77-jährige Grünen-Politiker nicht mehr an und verabschiedet sich in den Ruhestand. Sein Erbe wird nun von Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU) umkämpft. Seit 2016 regieren Grüne und CDU relativ geräuschlos zusammen, und Umfragen sagen ein schwarz-grünes Bündnis voraus. Beide Spitzenkandidaten halten sich im Wahlkampf mit gegenseitigen Angriffen zurück, nicht nur wegen ihrer Regierungspartnerschaft, sondern auch, weil sie vermutlich weiter koalieren werden.
Hagel betont, dass Kretschmanns Erbe bei der CDU in guten Händen sei, während Özdemir auf Wahlplakaten mit dem Slogan „Sie kennen ihn“ wirbt. Es gehe nicht darum, Kretschmann zu kopieren, sondern zu kapieren, so der grüne Spitzenkandidat. Die Fußstapfen sind groß, und der Kampf um die Nachfolge ist intensiv.
Neues Wahlrecht und junge Wähler
Erstmals dürfen in Baden-Württemberg 16- und 17-Jährige bei der Landtagswahl mitstimmen. Zigtausende neue Wählerinnen und Wähler betreten damit die politische Bühne. Insgesamt sind gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, ihre Stimme abzugeben – so viele wie nie zuvor. Das Statistische Landesamt rechnet mit rund 650.000 Erstwahlberechtigten zwischen 16 und 22 Jahren, was 8,4 Prozent aller Wahlberechtigten entspricht. Wie sich dieser Zuwachs an jungen Stimmen auf das Ergebnis auswirkt, bleibt unklar.
Hinzu kommt ein reformiertes Wahlrecht mit neuen Spielregeln für die Mandatsverteilung. Die Wählerinnen und Wähler haben nun zwei Stimmen, ähnlich wie bei der Bundestagswahl. Mit der Erststimme wird ein Wahlkreiskandidat direkt gewählt, mit der Zweitstimme eine Partei, die über Landeslisten Kandidaten in den Landtag entsendet.
Viel auf dem Spiel für die Grünen und die CDU
Für die Grünen geht es um viel: Sie stellen bislang in Baden-Württemberg den bundesweit ersten und einzigen grünen Regierungschef. Lange schien es, als bliebe Kretschmann der vorerst letzte grüne Ministerpräsident, doch in den letzten Tagen vor der Wahl holten die Grünen in Umfragen deutlich auf und rückten nahe an die CDU heran. Die Christdemokraten wittern ihre Chance, nachdem sie 2011 von den Grünen entthront wurden. Sie hoffen auf die Wiederherstellung der „natürlichen Ordnung“ im Land, und Hagel soll dieses Comeback möglich machen.
Landtag könnte durchgemischt werden
Die Zusammensetzung des Landtags könnte sich erheblich ändern. Die FDP könnte erstmals in ihrer Geschichte in Baden-Württemberg aus dem Landtag fliegen, dem sie seit über 70 Jahren angehört. FDP-Chef Hans-Ulrich Rülke spricht von der „Mutter aller Wahlen“ und betont, dass die Partei im Südwesten Erfolg braucht. Letzten Umfragen zufolge dürften die Liberalen den Einzug aber knapp schaffen.
Die Linke wiederum, bislang außerparlamentarisch, könnte erstmals den Sprung ins Parlament schaffen. Getragen wird dieser Boom von gesellschaftlicher Unzufriedenheit, sozialer Ungleichheit und Wohnungsnot. Die Linke setzt im Wahlkampf besonders auf das Thema Wohnen, strebt aber keine Koalitionen an und will eine laute Opposition sein. Auch die AfD dürfte Umfragen zufolge die stärkste Oppositionspartei werden, doch Koalitionen mit ihr lehnen alle anderen Parteien ab.
Wirtschaftskrise und Autoindustrie als zentrale Themen
Die Wirtschaftskrise verleiht der Wahl zusätzliche Brisanz. Baden-Württemberg ist ein industrielles Herz Deutschlands und besonders abhängig von der Autoindustrie. Der tiefgreifende Strukturwandel bedroht Tausende Arbeitsplätze und lässt ganze Regionen mit Sorge in die Zukunft blicken. Wirtschaftspolitik steht daher im Mittelpunkt des Wahlkampfs: Es geht um Standortfragen, Jobrettung und Bürokratieabbau.
CDU-Spitzenkandidat Hagel betont „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“ und tourt unermüdlich zu Mittelständlern. Sein Kontrahent Özdemir sagt „Wir können Auto“ und zeigt sich offen für eine Verschiebung des Verbrennerverbots, trotz grüner Parteizugehörigkeit.
Auftakt zum Superwahljahr 2026 mit bundesweiter Signalwirkung
Die Landtagswahl in Baden-Württemberg ist die erste von fünf Landtagswahlen im dichten Superwahljahr 2026 und kann damit Signalwirkung weit über die Landesgrenzen hinaus entfalten. Parteistrategen in Berlin beobachten die Entwicklungen im Südwesten genau. Niederlagen für die CDU könnten Kanzler Friedrich Merz und seine Koalition schwächen, während die FDP an Bedeutung verlieren könnte. Die Linke und die AfD könnten erstarken, und es ist nicht ausgeschlossen, dass die AfD am Ende des Jahres erstmals einen Landesregierungschef stellt.
Diese Wahl ist somit nicht nur lokal bedeutsam, sondern hat das Potenzial, die politische Landschaft in ganz Deutschland zu prägen.



