Bulgarien wählt: Russland-freundlicher Ex-Präsident Radew vor klarem Sieg
Bei der vorgezogenen Parlamentswahl in Bulgarien deutet sich nach ersten Prognosen ein überwältigender Erfolg für die Wahlallianz des ehemaligen Staatspräsidenten Rumen Radew an. Der als russlandfreundlich geltende Ex-General und frühere Kampfjet-Pilot könnte mit seinem Bündnis Progressives Bulgarien (PB) knapp 39 Prozent der Stimmen erreichen, wie aus Nachwahlbefragungen dreier Meinungsforschungsinstitute hervorgeht. Es bleibt zunächst unklar, ob Radew damit auch die absolute Mehrheit im 240 Sitze umfassenden Parlament erringen wird.
Radew zu Regierungsbildung entschlossen
Mit dieser Parlamentswahl steht Bulgarien vor einer bedeutenden Weichenstellung in der Innen- und Außenpolitik. „Ich werde alles Mögliche tun, um nicht zuzulassen, dass wir erneut wählen gehen“, erklärte Radew nach Bekanntwerden der ersten Prognosen zu der inzwischen achten Parlamentswahl seit April 2021. Im Wahlkampf versprach der Ex-Präsident dem EU- und Nato-Land eine stabile Regierung, den Kampf gegen die Korruption und eine umfassende Justizreform. Für letztere benötigt er allerdings eine verfassungsändernde Mehrheit von 160 Abgeordneten.
Etablierte Parteien bleiben deutlich zurück
Mit großem Abstand hinter Radews Wahlallianz folgen den Prognosen zufolge die etablierten prowestlichen Kräfte. Das konservative Bündnis Gerb-SDS, das eine im Dezember 2025 zurückgetretene Koalitionsregierung anführte, kommt demnach auf höchstens 16,2 Prozent. Drittstärkste Kraft dürfte der proeuropäische liberal-konservative Verband PP-DB mit maximal 14,3 Prozent werden. Beide prowestlichen Kräfte hatten gemeinsam in einer Koalition 2023/2024 regiert. Die nationalistische prorussische Partei Wasraschdane (deutsch: Wiedergeburt) stürzte laut diesen Prognosen auf rund fünf Prozent ab – ein deutlicher Rückgang gegenüber den 13,3 Prozent aus dem Jahr 2024.
Außenpolitische Positionierung unklar
Dass sich Radew während seiner Amtszeit als Präsident russlandfreundlich zeigte und sich für Dialog mit Moskau einsetzte, wirft entscheidende Fragen zur künftigen außenpolitischen Ausrichtung Bulgariens auf. Die Neuwahl war nach Massenprotesten gegen Korruption und nach dem Rücktritt der prowestlichen Koalitionsregierung im Dezember 2025 notwendig geworden. Radews Allianz lässt sich im Parteienspektrum noch nicht eindeutig verorten. Potenzielle Wähler seien im linken, nationalistischen und prorussischen Spektrum zu finden, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung in ihrem Länderbericht zur Wahl analysiert.
Vorbild Ungarn und Vorwürfe der Wahlbeeinflussung
In Bezug auf die von Russland angegriffene Ukraine nimmt sich Radew den Wahlsieger der ungarischen Parlamentswahl, Peter Magyar, zum Vorbild. In einem Fernsehinterview sagte Radew, Bulgarien werde sich unter seiner Führung nicht finanziell an Militärhilfen für die Ukraine beteiligen, aber Entscheidungen auf EU-Ebene darüber nicht blockieren. Russische Medien bezeichnen Radew bereits als „bulgarischen Orban“ und prophezeien einen außenpolitischen Kurswechsel. Der Wahlkampf war wie bei früheren Abstimmungen überschattet vom Verdacht des Stimmenkaufs. Hunderte verdächtige Personen wurden festgenommen, Geldsummen im Gesamtwert von einer Million Euro beschlagnahmt. Eine Stimme soll zwischen 50 und 100 Euro gekostet haben.
Hohe Wahlbeteiligung und Ausblick
Die Wahl in Ungarn mit ihrer massiven Wahlbeteiligung dürfte Wahlberechtigte in Bulgarien ermuntert haben. Die Beteiligung lag am Wahltag bei gut 51 Prozent – vergleichbar hoch mit der Parlamentswahl im April 2021. Zuverlässige amtliche Hochrechnungen werden für Montagmorgen erwartet, da im Ausland noch gewählt wurde. Mit offiziellen Endergebnissen ist binnen vier Tagen nach der Wahl zu rechnen. Die politische Zukunft Bulgariens und seine Positionierung innerhalb der EU und Nato stehen damit vor einer entscheidenden Phase.



