Parlamentswahl in Bulgarien: Radew als Favorit, Russland hofft auf Verbündeten
Das EU- und Nato-Mitglied Bulgarien steht vor einer entscheidenden Parlamentswahl – bereits die achte seit April 2021. Klarer Favorit in allen Prognosen ist eine neue Koalition namens Progressives Bulgarien (PB) unter Führung von Rumen Radew. Der ehemalige Präsident des südosteuropäischen Landes trat im Januar von seinem Amt zurück, um an der Wahl teilzunehmen. Der 62-jährige Ex-General, der sich im Kampf gegen Korruption profilierte, könnte bis zu 34 Prozent der Stimmen auf seine Koalition vereinen.
Hintergrund der Neuwahl und politische Ausrichtung
Die Neuwahl wurde nach Massenprotesten gegen Korruption und dem Rücktritt der prowestlichen Koalitionsregierung um das konservative Bündnis Gerb-SDS im Dezember 2025 notwendig. Gerb-SDS kommt in Umfragen nun auf höchstens 20 Prozent. Sowohl Radew als auch der liberal-konservative proeuropäische Verband PP-DB, der mit etwa 12 Prozent als drittstärkste Kraft abschneiden könnte, streben eine Justizreform an und wollen das Modell einer korrupten Regierungsführung abbauen.
Während Gerb-SDS unter Ex-Regierungschef Bojko Borissow die Ukraine und Brüsseler Politik unterstützt, gilt Radew als russlandfreundlich. Als Staatsoberhaupt setzte er sich für einen Dialog mit Moskau ein. Jetzt sieht er den ungarischen Wahlsieger Péter Magyar als Vorbild für seine Ukrainepolitik. Radew betonte kürzlich, dass Bulgarien bei einer Regierungsbeteiligung nicht finanziell an Militärhilfen für die Ukraine mitwirken, aber Entscheidungen nicht blockieren werde.
Internationale Wahrnehmung und historische Verbindungen
Russische Medien bezeichnen Radew als „bulgarischen Orbán“. Die Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“ schrieb, dass Sofia bei einem Sieg Radews für Brüssel ebenso unbequem werden könnte wie Budapest. Radew trat 2016 bei seiner ersten Präsidentschaftswahl als Kandidat der Sozialisten an, die enge Verbindungen zu Russland pflegten. Die damalige Parteichefin erklärte später, seine Kandidatur sei mit Wladimir Putin abgesprochen gewesen.
Wirtschaftliche Themen und Wahlbeeinflussung
Die Einführung des Euro zu Jahresbeginn beschäftigt Bulgarien weiter. Die Umstellung erhöhte die Inflation im EU-Land mit der geringsten Kaufkraft um 0,3 bis 0,4 Prozent. Dennoch hält mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Euro-Einführung für eine gute Idee. Der Wahlkampf war von Vorwürfen des Stimmenkaufs überschattet. Hunderte Verdächtige wurden festgenommen, und Geldsummen im Wert von einer Million Euro wurden beschlagnahmt. Eine Stimme soll zwischen 50 und 100 Euro kosten. Die Interimsregierung aktivierte das EU-System zur Bekämpfung von Desinformation, und OSZE-Beobachter sind vor Ort.



