Ex-RAF-Terroristin kehrt mit bewegender Lebensgeschichte nach Neubrandenburg zurück
Silke Maier-Witt, die einzige ehemalige RAF-Terroristin, die ihre Vergangenheit umfassend und selbstkritisch aufgearbeitet hat, kehrt mit ihrer Autobiografie an einen besonderen Ort zurück: Neubrandenburg. Die Vier-Tore-Stadt war die letzte geheime Station ihres Lebens in der DDR, bevor sie 1990 festgenommen wurde. Jetzt stellt sie dort ihre persönliche Geschichte vor.
Geheimes Leben unter falschem Namen
Von Oktober 1987 bis Juni 1990 lebte Silke Maier-Witt unter dem Decknamen Sylvia Beyer in Neubrandenburg. Die Staatssicherheit hatte ihr diese neue Identität gegeben, nachdem sie 1980 mit anderen RAF-Aussteigern in der DDR untergetaucht war. In der ostdeutschen Bezirksstadt arbeitete sie beim Arzneimittelproduzenten Pharma und wohnte in einem Neubaublock in der Oststadt.
„Ich habe einen Großteil meiner DDR-Jahre in Neubrandenburg erlebt, und hier endete meine DDR-Zeit auch“, sagt Maier-Witt über diese prägende Zeit. Die Stadt war für sie mehr als nur ein Zufluchtsort – hier fand sie Freunde, engagierte sich in der Hausgemeinschaft und trainierte sogar in einer Laufgruppe.
Der lange Weg der Aufarbeitung
Während viele ehemalige RAF-Mitglieder bis heute schweigen, hat sich Silke Maier-Witt frühzeitig mit ihrer terroristischen Vergangenheit auseinandergesetzt. Sie entschuldigte sich bei den Opfern des linksextremen Terrors der 1970er-Jahre und traf sich sogar mit Jörg Schleyer, dem Sohn des von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.
In ihrer Autobiografie „Ich dachte, bis dahin bin ich tot. Meine Zeit als Terroristin und mein Leben danach“ beschreibt sie nicht nur ihre RAF-Zeit, sondern auch das geheime Leben in der DDR. Ihr Co-Autor André Groenewoud versuchte vergeblich, mit anderen ehemaligen RAF-Mitgliedern wie Brigitte Mohnhaupt ins Gespräch zu kommen – eine „Omertà, die bis heute anhält“, wie er schreibt.
Henning Beer: Der schweigende Ex-Terrorist
Ein besonderer Gast fehlt bei der Lesung: Henning Beer, der ebenfalls als RAF-Terrorist in der DDR untertauchte und zeitgleich mit Maier-Witt in Neubrandenburg lebte, ohne von ihrer Anwesenheit zu wissen. Während sie ihre Vergangenheit aufarbeitet, schweigt Beer beharrlich. Sein Anwalt drohte sogar mit rechtlichen Konsequenzen, sollte sein neuer Name oder Fotos seines Hauses veröffentlicht werden.
Maier-Witt würde sich über ein Wiedersehen freuen: „Vielleicht kommt Henning ja, ich glaube aber eher nicht.“ Mehr als vierzig Jahre haben sich die beiden nicht gesehen, obwohl sie einst Seite an Seite kämpften und später im selben Ort lebten.
Das Ende in Neubrandenburg
Die Friedliche Revolution von 1989/90 bedeutete auch das Ende des geheimen RAF-Asyls in der DDR. Als westdeutsche Fahndungsplakate plötzlich auch in ostdeutschen Polizeiämtern hingen, war die Enttarnung nur eine Frage der Zeit. Am 18. Juni 1990 wurden sowohl Silke Maier-Witt als auch Henning Beer in Neubrandenburg festgenommen.
Freunde und Bekannte fielen aus allen Wolken, als sie „Sylvie“ in der Tagesschau als gesuchte RAF-Terroristin erkannten. Ein Ehepaar aus Neubrandenburg hielt ihr sogar während der fünfjährigen Haftzeit die Treue und pflegt bis heute Kontakt zu ihr.
Lesung als Brücke zur jungen Generation
Silke Maier-Witt möchte mit ihrer Autobiografie besonders mit jungen Menschen ins Gespräch kommen. Die Fragen nach Radikalisierung, politischem Extremismus und den Mechanismen von Terrororganisationen sind heute relevanter denn je. Ihre Geschichte spiegelt zahlreiche Facetten der jüngeren deutschen Zeitgeschichte wider:
- Den Terror der RAF in den 1970er-Jahren
- Die geheime Zusammenarbeit der Stasi mit westdeutschen Terroristen
- Den Umbruch von 1989/90 und das Ende der DDR
- Die schwierige Aufarbeitung von Gewalterfahrungen
Die Lesung am 9. März im Neubrandenburger Thalia-Geschäft markiert nicht nur eine Rückkehr an einen wichtigen Ort ihres Lebens, sondern auch den Versuch, aus der Geschichte zu lernen und Brücken zwischen den Generationen zu bauen.



