Grüne in Baden-Württemberg plötzlich fast gleichauf mit CDU
Der Wahlkampf in Baden-Württemberg hat eine dramatische Wendung genommen: Die Grünen liegen in aktuellen Umfragen plötzlich nur noch einen Prozentpunkt hinter der CDU. Damit ist das Rennen um das Erbe von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der nicht mehr antritt, völlig offen.
Umfrage-Hammer kurz vor der Wahl
Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap für die ARD zeigt, dass die Grünen von Spitzenkandidat Cem Özdemir bei 27 Prozent liegen, während die CDU nur noch 28 Prozent erreicht. Bei einer Fehlertoleranz von zwei bis drei Prozentpunkten ist das Rennen damit statistisch unentschieden. Ende Januar betrug der Abstand noch sechs Prozentpunkte, im Oktober 2024 sogar 16 Prozentpunkte.
Für die Umfrage wurden zwischen dem 23. und 25. Februar 1.530 Wahlberechtigte in Baden-Württemberg befragt. Interessant ist, dass die CDU in der neuen Erhebung nur einen Prozentpunkt verloren hat, während die Grünen deutlich zulegen konnten. „Das ist schon ungewöhnlich“, kommentiert Joachim Behnke, Politikwissenschaftler an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, den Vier-Prozentpunkte-Sprung innerhalb weniger Wochen.
Persönlichkeitsfaktor Özdemir als entscheidender Vorteil
Experten sehen in der wachsenden Bedeutung der Spitzenkandidaten eine Hauptursache für den grünen Aufwind. „Das muss so sein, dass der Persönlichkeitsfaktor zunehmend eine Rolle spielt“, erklärt Ulrich Eith, Politikwissenschaftler an der Universität Freiburg. „Anders ist das nicht erklärbar.“
Die Umfrage bestätigt diese These: Bei einer direkten Wahl des Ministerpräsidenten würden sich 42 Prozent der Baden-Württemberger für Özdemir entscheiden, aber nur 21 Prozent für CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel. „Die Personalisierung des Wahlkampfs ist unglaublich stark“, betont auch Politologe Behnke. „Es geht immer mehr um Köpfe - und Özdemir ist der populärste Kandidat.“
Hagel-Video sorgt für zusätzliche Turbulenzen
Mitten in der heißen Phase des Wahlkampfs sorgt ein acht Jahre altes Video für Aufregung, in dem Hagel über eine Schülerin mit „rehbraunen Augen“ spricht. Die grüne Bundestagsabgeordnete, die den Clip in sozialen Netzwerken teilte, löste damit eine kontroverse Debatte aus.
Die Umfrage wurde genau in dem Zeitraum erhoben, in dem die Diskussion um das Video hochkochte. Ob sich dies bereits in den Prozentwerten niederschlägt, bleibt unklar. „Selbst wenn es nicht als schwerwiegender Makel empfunden wird: Es bleibt immer etwas hängen“, sagt Behnke. Eith ergänzt: „Das kann schon schaden.“
Strategisches Wahlverhalten begünstigt Grüne
Eine weitere Erklärung für den grünen Aufwind sehen Experten im strategischen Verhalten linksgerichteter Wähler. Die Linke muss mit 5,5 Prozent um den Einzug in den Landtag bangen, während die SPD auf nur noch 7 Prozent kommt und damit erneut einen Prozentpunkt verliert.
Da eine Koalition aus Grünen und CDU als einzige realistische Regierungsoption gilt, könnten viele Wähler von SPD und Linken strategisch zu den Grünen wechseln. „Eine grün geführte Regierung sei aus Sicht mancher SPD-Anhänger immer noch besser als eine CDU-geführte“, erklärt Behnke dieses Phänomen.
Motivation für beide Seiten steigt
Das Kopf-an-Kopf-Rennen macht den Wahlkampf auf den letzten Metern nicht nur spannender - es hat auch positive Effekte für die Demokratie. „Das motiviert die Leute, zur Wahl zu gehen“, sagt Eith - und das auf beiden Seiten. Etwa ein Viertel der Wähler ist laut Umfragen noch unentschlossen.
Behnke weist zwar auf die Unsicherheiten von Umfragen hin, betont aber deren Mobilisierungseffekt: „Das mobilisiert die linke Seite besonders stark. Aber es kann auch der CDU nochmal Aufwind geben.“
Bis zur Wahl am 8. März bleibt das Rennen damit völlig offen. Die letzten Tage versprechen spannende Entwicklungen in einem Bundesland, das seit Jahren von einer grün-schwarzen Koalition regiert wird und nun vor einer grundlegenden Weichenstellung steht.



