Historische Wahl in Baden-Württemberg: Grüne und CDU im Kopf-an-Kopf-Rennen
Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg liefern sich die Grünen und die CDU ein äußerst enges Rennen um die Spitzenposition. Nach den aktuellen Prognosen der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF liegen die Grünen mit ihrem Spitzenkandidaten Cem Özdemir ganz knapp vor der CDU unter Landeschef Manuel Hagel. Diese Wahl markiert einen bedeutenden Moment in der politischen Landschaft des Südwestens.
AfD verdoppelt Ergebnis - SPD stürzt auf historisches Tief
Die AfD konnte ihr Wahlergebnis im Vergleich zur vorherigen Wahl nahezu verdoppeln und landet damit auf dem dritten Platz. Im starken Kontrast dazu stürzt die SPD auf ein bundesweit historisches Tief bei Landtagswahlen ab. Sowohl die FDP als auch die Linke scheitern klar an der Fünf-Prozent-Hürde und werden voraussichtlich nicht im neuen Landtag vertreten sein.
Den detaillierten Prognosen zufolge kommen die Grünen auf Werte zwischen 31,5 und 32 Prozent, nachdem sie bei der letzten Wahl 2021 noch 32,6 Prozent erreicht hatten. Die CDU folgt dicht dahinter mit 29,0 bis 30,5 Prozent, was einen deutlichen Zuwachs gegenüber den 24,1 Prozent von 2021 bedeutet. Die AfD erhält zwischen 17,5 und 18 Prozent, nachdem sie zuvor bei 9,7 Prozent lag. Mit großem Abstand folgt die SPD mit lediglich 5,5 Prozent, ein dramatischer Rückgang von den 11,0 Prozent der Vorwahl.
Neues Wahlrecht mit historisch hoher Beteiligung
Die Wahlbeteiligung liegt den Prognosen nach bei bemerkenswerten 69,5 bis 71,5 Prozent, was einen deutlichen Anstieg gegenüber den 63,8 Prozent von 2021 darstellt. Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte durften ihre Stimme abgeben – so viele wie noch nie zuvor in der Geschichte Baden-Württembergs.
Erstmals galt ein komplett neues Wahlrecht: Auch 16- und 17-Jährige waren zur Stimmabgabe berechtigt. Zudem hatten die Bürger zum ersten Mal zwei Stimmen wie bei der Bundestagswahl. Die Zweitstimme entscheidet über die Kräfteverhältnisse im Landtag, während die Erststimme über den Direktkandidaten im jeweiligen Wahlkreis bestimmt.
Nachfolge für Ministerpräsident Kretschmann gesucht
Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen trat nach beeindruckenden 15 Jahren im Amt nicht mehr zur Wahl an. Der 77-Jährige, der bundesweit als erster und einziger Regierungschef der Grünen Geschichte schrieb, verabschiedet sich in den wohlverdienten Ruhestand. Seit dem Jahr 2016 regierte er in einer Koalition mit der CDU, davor führte er eine Regierung mit der SPD. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass CDU und Grüne erneut eine Koalition bilden werden.
Im Mittelpunkt des intensiven Wahlkampfs stand vor allem die Wirtschaftspolitik. Baden-Württemberg gilt als industrielles Herz Deutschlands und ist in besonderem Maße von der Automobilindustrie abhängig, die derzeit einen tiefgreifenden Strukturwandel durchmacht. Tausende Arbeitsplätze stehen zur Disposition, und zahlreiche Regionen blicken mit großer Sorge in die Zukunft.
Spannende Personalien und kontroverse Momente
Die Grünen haben mit Spitzenkandidat Cem Özdemir eine bemerkenswerte Aufholjagd hingelegt. Über viele Monate lag die CDU in den Umfragen deutlich vor den Grünen, doch der Abstand schmolz in den letzten Wochen stark zusammen. Interessanterweise präferierten viele Wähler zwar die CDU als Partei, aber als Ministerpräsidenten wollten sie lieber Özdemir – und weniger den bis zuletzt relativ unbekannten CDU-Mann Hagel.
Der 60-jährige Grünen-Kandidat Özdemir ist seit Jahrzehnten in der Politik aktiv – er saß sowohl im Bundestag als auch im Europaparlament, war Grünen-Chef und auch Bundesminister. Im Wahlkampf ging Özdemir, der sich selbst als „anatolischen Schwaben“ bezeichnet, bewusst auf Abstand zu den Bundes-Grünen und gab sich ein eher konservatives Profil.
Der 37-jährige gelernte Bankkaufmann Manuel Hagel ist seit 2021 CDU-Fraktionschef im Landtag und wäre, sollte seine Partei vorn liegen, der jüngste Ministerpräsident in der Geschichte Baden-Württembergs. Im Wahlkampf stand der gläubige Katholik und passionierte Jäger jedoch in der Kritik wegen eines acht Jahre alten Videos, in dem er von den „rehbraunen Augen“ einer minderjährigen Schülerin schwärmt.
Historisch schlechtes Ergebnis für die SPD
Auch SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch trat in einen „Fettnapf“, wie er selbst einräumte: In einem SWR-Porträt war zu sehen, dass er ausgerechnet nach einem Besuch in einem Laden der Tafel seinem Fahrer offenbar auftrug, im benachbarten Frankreich Pastete einzukaufen. Obwohl es zu diesem Einkauf nie kam, drückte Stoch sein Bedauern über die unglückliche Situation aus.
Das historisch schlechte SPD-Ergebnis im Südwesten dürfte auch die Bundes-SPD schwer erschüttern, wo Parteichef Lars Klingbeil mit den Koalitionspartnern CDU und CSU wichtige Reformen im Renten- und Gesundheitssystem vorantreiben muss.
AfD ohne Regierungschance - Schicksalswahl für FDP
Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier wird vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet. Frohnmaier kandidiert interessanterweise nicht für den Landtag. Der stellvertretende Fraktionschef im Bundestag strebt zwar das Amt des Ministerpräsidenten an – die Aussichten sind allerdings verschwindend gering, da keine der übrigen Parteien eine Koalition mit der AfD eingehen will.
Die im Südwesten traditionell tief verwurzelte FDP zog mit Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke ins Rennen. Er sprach von der „Mutter aller Wahlen“ für seine Partei: Starke Verluste in Baden-Württemberg würden auch ein Comeback auf Bundesebene erheblich erschweren.
Die Linke trat mit drei jungen Frauen als Spitzen-Trio an und setzte damit einen bewussten Kontrapunkt zu den übrigen Parteien. Ins Zentrum ihrer Kampagne rückten sie die explodierenden Mieten und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft.
Auftakt für das „Superwahljahr 2026“
Diese Wahl markiert den Auftakt für das sogenannte „Superwahljahr 2026“ und ist gleichzeitig die erste Landtagswahl unter der schwarz-roten Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz von der CDU. CDU und SPD debattieren derzeit über wichtige Reformen auf Bundesebene, weshalb die Wahlergebnisse in Baden-Württemberg von besonderer Bedeutung für die politische Stimmung im ganzen Land sind.
Die nächste Landtagswahl steht bereits am 22. März in Rheinland-Pfalz an. Dort droht der seit 34 Jahren regierenden SPD der Verlust des Ministerpräsidentenpostens. Im September folgen dann Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern – hier kommt die AfD in aktuellen Umfragen bereits an die 40 Prozent heran.



