Fünf Gründe für das spannende Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Baden-Württemberg-Wahl
Spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen bei Baden-Württemberg-Wahl

Fünf Gründe für das spannende Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Baden-Württemberg-Wahl

Stuttgart • Was lange als sicher galt, steht nun plötzlich auf der Kippe: Die Grünen von Cem Özdemir, viele Monate in Umfragen deutlich hinter der eigentlich siegessicheren CDU, liegen plötzlich fast gleichauf mit den Konservativen. Damit wird der Wahlkampf in Baden-Württemberg in der heißen Phase noch richtig spannend. Fünf Faktoren erklären, warum das Rennen um das Erbe von Ministerpräsident Winfried Kretschmann so offen ist wie nie zuvor.

1. Der Umfrage-Hammer kurz vor der Wahl

Der Vorsprung der CDU war zwar über die vergangenen Monate kontinuierlich geschmolzen, galt aber wenige Tage vor der Wahl am 8. März weiter als kaum einzuholen. Dann veröffentlichten zwei renommierte Meinungsforschungsinstitute neue Zahlen, die es in sich haben: In der ARD-Befragung von Infratest dimap liegen die Grünen plötzlich bei 27 Prozent – nur einen Prozentpunkt hinter der CDU. Ende Januar lag der Abstand noch bei sechs, im Oktober bei neun Punkten. Im Oktober 2024 betrug er sogar 16 Punkte.

Dass das Rennen um den Wahlsieg nun komplett offen sein dürfte, legt auch das ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen nahe. Darin kommen die Grünen auf 25 Prozent, die CDU auf 27 Prozent. Die veränderte Lage liegt nicht primär daran, dass die CDU deutlich schlechter dasteht als zuvor. Vielmehr haben die Grünen in den letzten Wochen und Monaten spürbar zugelegt und konnten ihren Rückstand fast vollständig aufholen.

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2. Der Köpfe-Faktor und die Personalisierung

Ulrich Eith, Politikwissenschaftler an der Universität Freiburg, erklärt sich die Aufholjagd der Grünen mit der zunehmenden Bedeutung der Persönlichkeitswerte der Spitzenkandidaten. Bei diesen liegt Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir schon seit Beginn des Wahlkampfs klar vorn. „Das muss so sein, dass der Persönlichkeitsfaktor zunehmend eine Rolle spielt“, sagte er. „Anders ist das nicht erklärbar.“

Als Partei präferieren viele Baden-Württemberger traditionell die CDU, aber als Ministerpräsident hätten die Menschen lieber Özdemir als den noch relativ unbekannten CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel. Das belegen auch die Umfragen deutlich: In beiden aktuellen Erhebungen führt Özdemir bei der Frage, wen die Menschen lieber als Ministerpräsidenten haben wollen, sehr deutlich vor Hagel.

„Die Personalisierung des Wahlkampfs ist unglaublich stark“, meint auch Politologe Joachim Behnke von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. „Es geht immer mehr um Köpfe - und Özdemir ist der populärste Kandidat.“ Dieser habe sich im Wahlkampf extrem von seiner Partei abgegrenzt. „Die Grünen kommen nicht mal auf dem Plakat vor. Das ist ganz auf die Person zugeschnitten - und das scheint sich gelohnt zu haben.“

3. Das Hagel-Video und seine Folgen

Liegt die Aufholjagd der Grünen auch an unglücklichen Äußerungen über eine Schülerin mit „rehbraunen Augen“? Anfang der Woche postete eine grüne Bundestagsabgeordnete einen acht Jahre alten Clip in den sozialen Netzwerken, der CDU-Frontmann Hagel bei einem Interview zeigt.

Hagel, damals 29 Jahre alt und Landtagsabgeordneter, berichtet darin von einem Schulbesuch. In der Klasse hätten 80 Prozent Mädchen gesessen. „Also da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen“, sagt Hagel. Dann geht er auf eine Schülerin ein: „Ich werd’s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen.“ Diese Sätze sorgen nun für Wirbel und heftige Kritik. „Der Einstieg für dieses Interview 2018 war Mist“, räumte Hagel ein.

Die Umfragen wurden genau in dem Zeitraum erhoben, in dem die Debatte hochkochte. Inwieweit sie sich in den Prozentwerten niederschlägt, ist unklar. Vielleicht kostet sie Hagel aber auch in den nächsten Tagen noch Zustimmung. „Selbst wenn es nicht als schwerwiegender Makel empfunden wird: Es bleibt immer etwas hängen“, sagt Politologe Behnke. Die Video-Sache könne die Grünen mobilisieren. CDU-Stammwähler seien dagegen eher fortgeschrittenen Alters und nicht auf diesen Plattformen unterwegs, die würden das nicht so stark wahrnehmen, erklärt Eith.

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Auch die in den Umfragen weit abgeschlagene SPD muss mit einem Patzer ihres Spitzenkandidaten Andreas Stoch umgehen. In einem SWR-Porträt ist zu sehen, wie er ausgerechnet nach einem Besuch in einem badischen Tafelladen seinem Fahrer offenbar aufträgt, im benachbarten Frankreich Pastete einzukaufen. Auch wenn es zu dem Einkauf am Ende nie kam, sprach Stoch von einem „Fettnapf“ und drückte sein Bedauern aus.

4. Strategisches Wahlverhalten und Regierungsoptionen

Experten halten auch strategisches Verhalten linksgerichteter Wähler für eine mögliche Erklärung des Aufwinds der Grünen. Denn die Linke hat deutlich verloren und muss mit 5,5 beziehungsweise 6 Prozent um den sicher geglaubten Einzug in den Landtag bangen. Die SPD kommt auf nur noch 7 beziehungsweise 9 Prozent.

Einzige realistische Regierungsoption bleibt aktuell eine Koalition aus Grünen und CDU, wie derzeit unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der nicht mehr antritt. Das enge Rennen stellt die Machtfrage neu: Wer führt mögliche Koalitionsgespräche? Wer hat Anspruch auf das Ministerpräsidentenamt? Eine grün geführte Regierung sei aus Sicht mancher SPD-Anhänger immer noch besser als eine CDU-geführte, meint Behnke. Dies könnte strategische Wählerbewegungen erklären.

5. Der Motivationsfaktor und die Unsicherheit der Umfragen

Klar ist: Umfragen sind keine Wahlen. Die Fehlertoleranz ist hoch, nachlassende Parteibindungen und immer kurzfristigere Wahlentscheidungen erschweren den Meinungsforschungsinstituten die Gewichtung der Daten erheblich.

Auch Behnke sieht Umfragen mit einer gewissen Skepsis. Aber allein die Veröffentlichung der neuen Zahlen werde eine psychologische Wirkung entfalten, meint er. „Das mobilisiert die linke Seite besonders stark“, sagt er. „Aber es kann auch der CDU nochmal Aufwind geben.“ Es bleibt also bis zum Wahltag am 8. März äußerst spannend.

Wer nächster Ministerpräsident in Baden-Württemberg wird, ist einer neuen Umfrage zufolge so offen wie nie. Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Grünen und CDU verspricht eine denkwürdige Wahlentscheidung in Deutschlands Südwesten.