Vom DDR-Kulturpark zum gescheiterten Freizeitpark
1969 eröffnete in Berlin der „VEB Kulturpark Plänterwald“ als festlicher Vergnügungspark zum 20. Jahrestag der DDR. Auf 29,5 Hektar entstand kein aufwendig inszenierter Themenpark, sondern ein dauerhafter Rummelplatz mit Fahrgeschäften, Buden, Restaurants, Bühnen und großen befestigten Flächen. Er war der einzige ständige Freizeitpark der DDR und zog ein Massenpublikum an. Bis zu 1,7 Millionen Besucher kamen pro Jahr. Das Riesenrad prägte die Silhouette des Geländes, auf den Freilichtbühnen liefen Veranstaltungen und Konzerte. In den 1980er Jahren entwickelte sich im Umfeld des Parks auch eine lockere subkulturelle Szene. Der Kulturpark war kein Prestigeprojekt für wenige, sondern ein Volkspark im eigentlichen Sinn: einfach gebaut, stark frequentiert und fest im Berliner Alltag verankert.
Der Park nach der Wende
Mit der deutschen Einheit endete dieses Modell abrupt. 1990 ging der bisherige VEB an den Berliner Senat, 1991 wurde der Betrieb abgewickelt. Die Anlage war nun plötzlich kein staatlich organisierter Ausflugsort mehr, sondern ein Objekt der Privatisierung. Unter sieben Bewerbern erhielt die Spreepark Berlin GmbH den Zuschlag. Betreiber war die Schaustellerfamilie Witte, nach außen wurde Norbert Witte zum Gesicht des Projekts. Er war bereits 1990 mit zwei gemieteten Fahrgeschäften im Kulturpark präsent gewesen. Mit der Übernahme begann die zweite, entscheidende Phase der Parkgeschichte: Aus dem Kulturpark sollte ein moderner Freizeitpark nach westlichem Vorbild werden.
Norbert Witte war allerdings kein unbeschriebenes Blatt. 1981 war sein Name mit dem schwersten Kirmesunfall der deutschen Nachkriegsgeschichte verbunden. Auf dem Hamburger Dom kamen sieben Menschen ums Leben, als ein Teleskopkran mit einem Karussell kollidierte. Witte wurde später wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Danach gastierte Witte hauptsächlich in Jugoslawien, da er für deutsche Kirmesveranstaltungen keine Zulassung mehr bekam. Dass dieser Hintergrund bei der Vergabe des Parks nicht gründlich geprüft worden war, erwies sich später als gravierendes Versäumnis.
Umbau zum Spreepark Berlin
Ab 1992 wurde der frühere Kulturpark schrittweise zum „Spreepark Berlin“ umgebaut. Die Betreiber setzten auf einen Bruch mit der alten Anlage und investierten in neue Attraktionen und Themenbereiche. Fahrgeschäfte aus dem insolventen französischen Park Mirapolis wurden übernommen, darunter der „Spreeblitz“, Dinosaurierfiguren, eine Wildwasserbahn, eine Kanalfahrt und weitere Anlagen. Das Gelände sollte nicht mehr wie ein klassischer DDR-Rummel wirken, sondern wie ein moderner Freizeitpark. Die Eingriffe waren deutlich sichtbar: Die große Asphaltfläche rund um das Riesenrad wurde aufgebrochen und in eine Wasserlandschaft verwandelt. Es entstanden Achterbahnen, zwei Wildwasserbahnen, ein Westerndorf, ein englisches Dorf, Showflächen und neue Kinderfahrgeschäfte. Der Park wuchs schnell und wurde deutlich aufwendiger im Betrieb.
Parallel dazu änderte sich das Preissystem. Im Kulturpark war wie auf einem Rummelplatz an den einzelnen Fahrgeschäften gezahlt worden. Im Spreepark galt nun ein pauschaler Eintritt für den gesamten Park. 1992 kostete er für Erwachsene 18 D-Mark, 2001 schließlich 29 D-Mark. Das bedeutete: Der Park musste hohe Besucherzahlen halten, um seine Investitionen zu tragen. Gleichzeitig wurde der Besuch für Familien spürbar teurer.
Der heikle Vertrag von 1997
Ein zentraler Punkt in der Geschichte des Parks war der Erbbaurechtsvertrag von 1997. Erst fünf Jahre nach dem Neustart erhielt die Spreepark GmbH damit die langfristige vertragliche Grundlage. Das landeseigene Grundstück durfte danach bis 2061 ausschließlich als Freizeitpark genutzt werden. Berlin legte das Areal damit auf Jahrzehnte auf genau dieses Modell fest. Das war riskant, weil der Standort schon damals schwierig war. Der Plänterwald lag in einem sensiblen Landschaftsraum, Teile des Geländes standen unter Schutz. Der Vertrag band das Grundstück also an ein Geschäftsmodell, das auf diesem Standort besonders störanfällig war. Wenn der Park scheiterte, war nicht nur ein Betreiber gescheitert – dann stand auch das Gelände vertraglich blockiert da.
Nähe zur CDU, schwache Kontrolle
Hinzu kamen die finanziellen Konditionen. Berlin ließ eine Grundschuld von 20 Millionen Mark auf das Grundstück zu, später wurde sie noch einmal um 4,2 Millionen Mark erhöht. Der Zeitwert des Grundstücks lag damals deutlich darunter. Politisch war das heikel. Der Vermögensausschuss des Abgeordnetenhauses stimmte dem umstrittenen Vertrag erst nach einem Gespräch zwischen dem CDU-Politiker Volker Liepelt und Witte zu. 1999 trat die Spreepark GmbH zudem mit 51.000 D-Mark als Großspender der Berliner CDU auf. Damit gehörte die Politik direkt zur Parkgeschichte. Witte suchte erkennbar die Nähe ins CDU-Umfeld, engagierte sich später auch im Bezirk Treptow politisch. Gleichzeitig bekam der Betreiber einen Vertrag und Sicherheiten, die für ein wirtschaftlich riskantes Projekt bemerkenswert großzügig ausfielen. Die politische Kontrolle wirkte schwach, der Vertrauensvorschuss groß.
Langfristig festgezurrt trotz offenkundiger Risiken
Das wurde später teuer. Denn der Park kämpfte nicht mit einer plötzlichen Katastrophe, sondern mit Problemen, die längst sichtbar waren: hoher Kapitalbedarf, schwierige Genehmigungslage, eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten und ein Standort, der für den Massenbetrieb eines Freizeitparks nur bedingt geeignet war. Ein besonders hartnäckiges Problem war die Erreichbarkeit. Für einen modernen Freizeitpark waren Parkplätze ein entscheidender Faktor. Genau hier geriet der Spreepark immer wieder an Grenzen. Die Betreiber führten den Besucherrückgang später oft auf fehlende Parkmöglichkeiten zurück. Tatsächlich blieb das Thema über Jahre ungelöst. Für den Park war das ein massiver Nachteil.
Ab 1999 kippt das Modell
Spätestens ab 1999 verschärfte sich die Lage. Die Besucherzahlen gingen zurück, während die Kosten hoch blieben. Der Spreepark hatte zwischenzeitlich bis zu 1,5 Millionen Besucher erreicht, doch 2001 kamen nur noch rund 400.000 Menschen. Für einen Park mit dieser Kostenstruktur war das zu wenig. Die Ursachen lagen offen zutage: Der Park war aufwendig umgebaut worden und musste diese Investitionen refinanzieren. Gleichzeitig war er teurer geworden als der frühere Kulturpark. Familien zahlten deutlich mehr als früher, der Standort blieb sperrig, die Parkplatzfrage belastete den Betrieb und der naturschutzrechtliche Rahmen ließ keine einfache Nachsteuerung zu. 2001 versuchte der Betreiber noch einmal, das Angebot anzupassen. Für die Saison wurde die Wildwasserbahn „Wild River“ gegen das Fahrgeschäft „Flic-Flac“ getauscht. Doch das war nur noch Kosmetik. Die strukturellen Probleme waren zu groß.
Insolvenz und Ende des Betriebs
Im Oktober 2001 kündigte die Spreepark GmbH den Erbbaurechtsvertrag. Das Land Berlin akzeptierte die Kündigung nicht. Im November meldete die Spreepark GmbH & Co. KG Insolvenz an. Der 4. November 2001 war der letzte reguläre Öffnungstag. Danach stand der Park still. Noch im November wurden mehrere Fahrgeschäfte abgebaut und in Container verladen, darunter „Butterfly“, „Spider“, „Baby-Flug“, „Jet Star“ und weitere Anlagen. Im Januar 2002 reiste Norbert Witte mit seiner Familie und engen Mitarbeitern nach Lima in Peru. Dort sollte mit Teilen des Inventars ein neuer Lunapark entstehen. Das Vorhaben scheiterte. 2003 deckten Ermittler den Versuch auf, 167 Kilogramm Kokain in Bauteilen des Fahrgeschäfts „Fliegender Teppich“ nach Deutschland zu schmuggeln. Witte wurde später zu einer Haftstrafe verurteilt. Spätestens damit war die Geschichte des Spreeparks nicht mehr nur ein Fall von Misswirtschaft, sondern auch ein Kriminalfall. Im Insolvenzverfahren blieben Schulden von rund elf Millionen Euro. In Berlin standen das Riesenrad, stillgelegte Bahnen, leere Wasserbecken und verlassene Kulissen.
Der rote Faden des Niedergangs
Der Plänterwald scheiterte nicht an einem einzelnen Ereignis, sondern an einer Abfolge von Entscheidungen. Aus dem früheren DDR-Massenpark sollte in kurzer Zeit ein kapitalintensiver Freizeitpark werden. Der Standort blieb dafür problematisch, denn der Erbbaurechtsvertrag band das Gelände langfristig an genau diesen Betrieb. Die Eintrittspreise stiegen, die Besucherzahlen fielen. Und die Politik trug diesen Kurs lange mit. Der Kulturpark war als einfacher Massenpark angelegt. Der Spreepark setzte auf mehr Fläche, mehr Technik, höhere Eintrittspreise und dauerhaft hohe Besucherzahlen. An diesem Modell scheiterte er.



