Gysi erntet scharfe Kritik von migrantischen Linken nach Interview-Äußerungen
Der interne Streit innerhalb der Linkspartei über Antisemitismus und die Haltung zu Israel eskaliert erneut. Diesmal steht der frühere Fraktionschef Gregor Gysi im Zentrum der Kontroverse. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Migrantische Linke wirft dem 78-jährigen Politiker in einem internen Schreiben vor, in einem Interview mit dem Magazin „Focus“ rassistische Narrative verwendet zu haben.
Vorwurf der pauschalen Verdächtigung
In dem kritisierten Interview äußerte sich Gysi zur Frage nach Antisemitismus in der Linkspartei. Er sagte, viele Menschen mit „spezifischem Migrationshintergrund“ seien in die Partei gekommen, was er begrüße. Diese brächten jedoch Sichten auf Israel mit, die zum Teil falsch seien. Die Migrantische Linke wirft Gysi in ihrem Brief vor, damit einen pauschalen Verdacht gegen Migrantinnen und Migranten zu äußern und diesen mit einem angeblich zunehmenden Antisemitismus-Problem zu verknüpfen.
Tatsächlich sei Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches, tief in der europäischen Geschichte verwurzeltes Phänomen, betonen die Unterzeichner des Schreibens. Der Brief, über den zunächst „Spiegel“ und „Welt“ berichteten, liegt auch der Deutschen Presse-Agentur vor. Allerdings erklärte Gysis Büro auf Anfrage, das Schreiben habe den Bundestagsabgeordneten nicht erreicht. Aus diesem Grund werde sich Gysi dazu nicht äußern, so ein Sprecher.
Parteivorsitzender van Aken äußert sich kritisch
In diese Richtung äußerte sich auch der Parteivorsitzende Jan van Aken im „Spiegel“. „Wenn ich Gregor richtig verstehe, dann ist es nicht richtig was er da sagt. Er erweckt den Eindruck, dass Antisemitismus vor allem 'importiert' sei“, sagte van Aken. Er verwies darauf, dass in der jahrhundertelangen Geschichte der Judenverfolgung vor allem das Christentum eine Gefahr für Jüdinnen und Juden gewesen sei. „Und der Holocaust wurde von blonden blauäugigen Deutschen begangen“, fügte er hinzu.
Van Aken betonte, Antisemitismus sei ein Problem der gesamten Gesellschaft und nicht bestimmter Gruppen. „Aber vielleicht liegt hier auch ein Missverständnis vor – deshalb fände ich ein baldiges Treffen zwischen den Betroffenen sinnvoll“, erklärte er. Ein solches Gespräch wird auch in dem internen Brief der Migrantischen Linken an Gysi gefordert, ebenso wie eine öffentliche Entschuldigung bei den migrantischen und jungen Mitgliedern der Partei.
Eskalation im Dauerkonflikt über Nahost
Der aktuelle Streit fügt sich ein in einen Dauerkonflikt innerhalb der Linkspartei über die Haltung zu Israel und zum Gazakrieg. Erst zu Wochenbeginn hatte der brandenburgische Antisemitismusbeauftragte Andreas Büttner seinen Austritt aus der Linken erklärt. Dies geschah, nachdem sich der niedersächsische Landesverband in einem Antrag gegen den „heute real existierenden Zionismus“ gewandt hatte. In dem Antrag wurden der israelischen Regierung ein „Genozid“ im Gazastreifen sowie ein System der „Apartheid“ vorgehalten.
Die Migrantische Linke postete zudem ein Video auf Instagram, das die kritisierte Passage des „Focus“-Interviews mit Gysi zeigt. Der von Dutzenden Parteimitgliedern unterzeichnete Brief unterstreicht die anhaltenden Spannungen innerhalb der Partei. Diese betreffen grundlegende Fragen der Identität, der Migrationspolitik und des Umgangs mit internationalen Konflikten.



