Hetze und KI-Fakes: Gedenkstätten in Brandenburg kämpfen gegen Angriffe auf Erinnerungskultur
Zum 81. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen organisiert die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten eine zentrale Gedenkveranstaltung in Oranienburg. Doch hinter den feierlichen Anlässen verbirgt sich ein besorgniserregender Alltag: Gedenkstättenleiter berichten von zunehmenden rechtsextremen Vorfällen und digitalen Fälschungen, die die Erinnerungsarbeit erschweren.
Hitlergruß in Ravensbrück und abgesagte Schulbesuche
Vor wenigen Wochen ließen sich drei Schülerinnen in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück fotografieren und zeigten nach Aussagen der Leiterin Andrea Genest einen Hitlergruß. An anderen Orten der nationalsozialistischen Verbrechen hinterließen Besucher extremistische Schmierereien und antisemitische Parolen. Der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Axel Drecoll, beklagt eine alarmierende Entwicklung. Der sogenannte „Ruck nach Rechts“ und der wachsende Antisemitismus seit dem Hamas-Terrorangriff auf Israel im Oktober 2023 zeigten sich deutlich in den Gedenkstätten.
Andrea Genest schildert zudem, dass Schulen Besuche teils mit der Begründung absagten, sie wollten Teile der Schülerschaft der Gedenkstätte nicht zumuten. Die Zahl der rechtsextremistisch und antisemitisch motivierten Vorfälle liegt bei rund 50 im Jahr, was im Verhältnis zu den etwa 500.000 Besuchern allein in Sachsenhausen im Jahr 2025 zwar gering erscheint. Vor dem Terrorangriff 2023 waren es jedoch nur etwa ein Dutzend Fälle – ein deutlicher Anstieg.
KI-generierte Holocaust-Bilder überschwemmen das Netz
Ein weiteres Problem sind Bilder im Internet, die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) erzeugt werden und den Holocaust verfälschen. Das Netz werde mit KI-generierten Bildern aus dem Lageralltag geflutet, kritisierte Kultur- und Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD). Aus Sicht der Gedenkstätten ist es schwierig, an die Urheber heranzukommen, die teils in Asien sitzen.
„Wir können nicht den gesamten digitalen Raum dahingehend überwachen“, sagte Drecoll. Stattdessen müssten die Gedenkstätten selbst gesicherte Informationen über Plattformen der sozialen Medien anbieten, um der Desinformation entgegenzuwirken.
Ministerin fordert stärkere Einbeziehung der Jugend
Ministerin Schüle betonte die hohe Bedeutung der Erinnerungskultur: „In Zeiten, in denen die historische Wahrheit zunehmend von politischen Auseinandersetzungen, Geschichtsklitterung und digitaler Desinformation überschattet wird, wächst unsere Verantwortung, sie zu bewahren, zu vermitteln und gegen Instrumentalisierung zu verteidigen.“ Die SPD-Politikerin plädierte dafür, die Perspektive junger Menschen bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust stärker zu berücksichtigen, da die Erinnerung durch noch lebende Zeitzeugen in naher Zukunft kaum noch möglich sein werde.
Finanzielle Engpässe und bauliche Herausforderungen
Zusätzlich zu den inhaltlichen Problemen setzen knapper werdende Finanzen die Stiftung unter Druck. Hohe Energiepreise und steigende Personalkosten wurden als Gründe genannt. Die Stiftung, die einen Etat von rund zehn Millionen Euro hat, muss etwa 100 historische Bauwerke instand halten, wie Drecoll erklärte. Die Finanzierung erfolgt überwiegend aus Mitteln von Bund und Land.
Gedenkveranstaltungen vom 17. April bis 3. Mai
Mit zahlreichen Veranstaltungen erinnert die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten vom 17. April bis 3. Mai an die Befreiung der Konzentrationslager vor 81 Jahren. Geplant sind Zeitzeugengespräche, Ausstellungen und internationale Begegnungen, zu denen auch mehrere Überlebende erwartet werden.
Am Sonntag, dem 19. April, wird in der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) erwartet. In Ravensbrück folgt am 3. Mai eine zentrale Gedenkveranstaltung. „Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus endet nicht. Sie bleibt einer der Grundpfeiler unserer freiheitlichen Demokratie“, sagte Gedenkstätten-Leiterin Genest abschließend.



