DNA-Forensik in Greifswald: Von Täterspuren bis zu Drehbuchberatung
Nach einem Gewaltverbrechen ohne Zeugen können winzige Hautpartikel den entscheidenden Beweis liefern. Während Fernsehkrimis solche Szenarien vereinfacht darstellen, ist die Realität der forensischen Genetik deutlich komplexer, wie Anja Klann vom Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald erklärt.
Quantensprung in der Spurenanalyse
DNA-Analysen gehören heute ebenso zum Standard wie Fingerabdruckuntersuchungen. Katja Anslinger von der Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München betont die enormen technischen Fortschritte: „Wir haben einen Quantensprung gemacht, was die Sensitivität der Untersuchung angeht.“ Während früher eine ganze Blutspur benötigt wurde, genügt heute mitunter eine einzelne Hautschuppe oder sogar eine Zelle.
Die Interpretation dieser Spuren stellt jedoch besondere Herausforderungen. „Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand Hautschüppchen überträgt?“, fragt Klann. Jeder Mensch verliere unterschiedlich viele Hautpartikel, und Faktoren wie Kontaktdauer und Reibungsintensität spielen eine entscheidende Rolle bei der Bewertung.
Mehr Arbeit an Cold Cases und Gerichtsgutachten
DNA-Datenbanken führen zu verstärkter Arbeit an Altfällen, sogenannten Cold Cases. Anslinger erklärt: „Man kann auch aus Fällen, die 40, 50 Jahre alt sind, wirklich noch vernünftige Ergebnisse erzielen.“ In ihrem Institut würden seit etwa 10 bis 15 Jahren praktisch ständig solche alten Fälle bearbeitet, von denen viele doch noch gelöst werden könnten.
Die Wissenschaftler müssen nicht nur im Labor sattelfest sein, sondern auch als Gutachter in Gerichtssälen auftreten. „Diese Situation vor Gericht ist noch was ganz Spezielles für uns“, sagt Anslinger. Juristen sprächen mitunter eine eigene Sprache, und auch Schöffen müssten die wissenschaftlichen Erklärungen verstehen können.
Greifswald als Zentrum der forensischen Genetik
Beim 46. Spurenworkshop der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin in Greifswald trafen sich über 300 Wissenschaftler, Richter, Strafverteidiger und Sachverständige. Organisatorin Klann bezeichnete die Tagung als zentrale Veranstaltung im deutschsprachigen Raum zur Spurenuntersuchung mit Schwerpunkt forensische Genetik.
In Greifswald laufen praktisch permanent forensische DNA-Analysen. „Das kann schon in die Hunderte gehen, auch bei einem Fall manchmal“, sagt Klann. Die Fälle reichten von Einbruchsdelikten bis hin zu Tötungsdelikten. Deutschland verfüge über „eine extrem hohe Qualität“ in der forensischen Genetik, gesichert durch Akkreditierungssysteme und externe Begutachtungen.
Standardisierung und Bedeutung für Urteile
Während die Laboranalyse von Proben extrem standardisiert sei, müssten für die Interpretation der Ergebnisse noch stärker Standards festgelegt werden. „Es gibt ja wirklich unendlich viele Übertragungsszenarien“, erklärt Klann. „Und da muss man vor allem Standards entwickeln, wie man diese Art der Untersuchung überhaupt vergleichbar macht.“
Die Bedeutung von DNA-Spuren variiere je nach Fall. „Es kann natürlich auch in einer Urteilsbegründung unter Umständen einen hohen Stellenwert haben“, so Klann. Besonders bei fehlenden Zeugenaussagen könne eine gute DNA-Spur, die direkt zu einer Person führe, entscheidend sein.
Anonymität im Labor und Drehbuchberatung
Die konkreten Geschichten hinter den Analysen bleiben den Wissenschaftlern meist verborgen. „Der Gesetzgeber sieht vor, dass die Spuren vollständig anonymisiert kommen“, erklärt Anslinger. Manchmal erfahre sie mehr aus Radio und Zeitung als aus ihren Unterlagen – was auch gut so sei, da sie neutrale Gutachten erstellen müsse.
Als Krimi-Fan beobachtet Anslinger die Darstellung ihres Fachgebiets im Fernsehen mit gemischten Gefühlen. „Ich raufe mir ab und zu auch die Haare“, gesteht sie. „Ich glaube, das geht jedem so, dessen Fachgebiet in so einem Krimi behandelt wird.“ Doch manchmal rufen Drehbuchautoren an, um fachliche Beratung zu erhalten: „Hey, ich will das richtig machen. Wie sollte das denn sein?“ – eine Entwicklung, die die Expertin durchaus begrüßt.



