Eine Reise in die eigene Vergangenheit: Vom Vorglühen zur tödlichen Realität
Eine Flasche Whisky, gern die günstige "Stars & Stripes"-Variante für 6,99 Euro, dazu Bier und Billig-Cola – so begann für mich vor über 20 Jahren ein klassischer Abend in meiner Jugend in Mecklenburg-Vorpommern. Das sogenannte Vorglühen war damals ein Ritual, bevor wir in den Alten Schlachthof in Neubrandenburg zogen, wo für nur 5 Euro Eintritt weitergebechert und zu Techno getanzt wurde. Mit dem Fahrrad den Lindenberg herunterzufahren oder mit dem ersten Bus um 4:27 Uhr nach Hause zu fahren, gehörte dazu – oft begleitet von Rausch und riskanten Aktionen.
Jugendsünden als Teil der Heimatidentität
Ich bin nicht stolz auf das, was wir damals angestellt haben. Es war dumm, nicht erlaubt und hätte schlimm enden können. Alkoholmissbrauch ist kein Spaß, sondern bittere Realität in Deutschland. Doch Jugendsünden sind manchmal auch das, was uns ausmacht – Erinnerungen, an die wir uns gern zurückerinnern, die wir nicht missen möchten. Diese Erlebnisse sind eng verknüpft mit Heimat, denn Kindheit und Jugend verbringen wir oft an ein und demselben Ort. Sie formen unsere Sehnsucht nach Wurzeln und Identität.
Virale Videos und die Nostalgie-Falle
Kürzlich veröffentlichte der Nordkurier zwei virale Videos, die heftige Reaktionen hervorriefen: Ein Kettenfahrzeug auf dem Stettiner Haff und ein Auto, das abseits des Ufers Richtung Usedom brettert. Objektiv betrachtet muss man das Verbot solcher Aktionen betonen, die hohen Bußgelder und die Lebensgefahr. Doch es gibt auch eine emotionale Ebene, die mit Nostalgie verbunden ist. Kommentare wie "Haben wir in den 90ern auch gemacht. War ein Riesenspaß!" oder "Das war früher normal" zeigen, wie tief diese Erinnerungen sitzen. Auf dem Land, so heißt es, treibt man es noch doller – ein Hinweis auf die ländliche Kultur in Mecklenburg-Vorpommern.
Tödlicher Schlittenunfall in Kuchelmiß als Warnung
Doch die Gefahr ist real, wie der tragische Schlittenunfall in Kuchelmiß schmerzlich zeigt. Ein 37-jähriger Mann zog drei Kinder hinter seinem Transporter her, ein 11-jähriger Junge verunglückte bei einem Wendemanöver tödlich. Dieser Vorfall unterstreicht, dass das Risiko immer mitschwingt – ob bei alkoholisierten Fahrradfahrten oder riskanten Winteraktionen. Dosis und Grenzen sind entscheidend, doch oft werden sie im Überschwang der Jugend ignoriert.
Generationenvergleich: Hat die Jugend heute noch Spaß?
"Wir haben früher ganz schön viel Mist gebaut", hört man oft, gefolgt von der These, die "Jugend von heute" sei vernünftiger und ordentlicher. Mein Cousin meint sogar, die neue Generation schaffe es nicht mehr, richtig vorzuglühen, und reagiere über, wenn jemand betrunken einschläft. Sein Fazit: "Gott sei Dank bin ich nicht heute geboren!" Doch jede Generation tickt anders. Gesundheit, Kontrolle und Selbstachtung sind wichtige Werte, und was wirklich witzig ist oder einem guttut, darf jeder selbst entscheiden.
Heute beschränken sich meine Jugendsünden auf Fahrten mit dem E-Lastenrad durch Berlin mit einem Radler in der Hand – ein Zeichen des Älterwerdens und vielleicht auch der Einsicht. Doch die Erinnerungen an Neubrandenburg, den Alten Schlachthof und die nächtlichen Abenteuer bleiben Teil meiner Heimatverbundenheit. Sie sind ein Stück Identität, das ich nicht missen möchte, auch wenn ich die Gefahren heute klarer sehe.



