Vom Armenviertel Paraguays auf die Bühne in Schwerin: Julio Morels bewegende Tanzkarriere
In Schwerin und Umgebung leben Menschen aus über 100 Nationen, jede mit ihrer einzigartigen Geschichte. Eine besonders bemerkenswerte Erzählung ist die von Julio Morel, der sich trotz zahlreicher Hindernisse aus einem Armenviertel in Paraguay bis auf die Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters durchkämpfte. Der heute 31-jährige Tänzer blickt auf eine Lebensreise zurück, die mindestens so dramatisch und fesselnd ist wie die Inszenierungen, in denen er auftritt.
Die Anfänge in Ciudad del Este
Julio Morels Weg begann tausende Kilometer von Schwerin entfernt in Ciudad del Este, der zweitgrößten Stadt im Osten Paraguays. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, hatte niemand in seiner Familie Bezug zu Theater oder Kunst. In einem Nachbarhaus, wo Kinder zum Musikhören und Spielen zusammenkamen, entdeckte er seine Leidenschaft für das Tanzen. „Ich habe immer gesungen und getanzt“, erinnert sich Morel. „Ich war neugierig auf alles, was mit Kunst zu tun hatte.“
Mit sieben Jahren besuchte er in der Schule erste Tanzkurse, zunächst mit traditionellen paraguayischen, später auch brasilianischen Rhythmen. Schnell fiel sein außergewöhnliches Talent auf. Marta López, Leiterin einer kleinen Tanzschule, wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn in ihre Akademie ein. Sie wurde zu einer Schlüsselfigur seiner Jugend, die an ihn glaubte und ihn bestärkte.
Herausforderungen und erste internationale Erfahrungen
Das familiäre Umfeld war jedoch schwierig: Der Vater saß zeitweise im Gefängnis, Alkohol und Gewalt prägten das Familienleben. Tanzen galt nicht als seriöser Beruf, sondern als seltsame Beschäftigung. Dennoch erhielt Morel mit 14 Jahren die Chance, an einem internationalen Ballettwettbewerb in New York teilzunehmen – sein erster Flug und sein erster Auslandsaufenthalt.
In Manhattan erlebte er die Welt des klassischen Balletts und sah Tänzer, die Bewegungen beherrschten, von denen er nicht einmal wusste, dass sie möglich waren. „Ich hatte vorher noch nie ein klassisches Ballett gesehen“, erzählt er. Obwohl er keinen Preis gewann, veränderte diese Erfahrung sein Leben nachhaltig.
Der lange Weg zur Professionalität
Mit 15 Jahren verließ Morel seine Familie und zog mit einem Stipendium für das Centro de Dança Rio allein nach Rio de Janeiro. Vier Jahre lang bestand sein Alltag aus intensivem Training, Unterricht und Proben. Oft pendelte er stundenlang durch die Millionenstadt, um pünktlich im Studio zu sein. Sein erster „Lohn“ als Tänzer bestand lediglich aus einem Snack und einem Getränk nach der Probe.
Mehrfach hörte er, er habe nicht den idealen Körper für klassisches Ballett: „Dein Po ist zu groß und du bist zu klein! Eine Lehrerin sagte mir sogar: Du wirst nie Tänzer werden.“ Doch Morel gab nicht auf und schaffte schließlich den Sprung auf die Bühne des berühmten Teatro Municipal in Rio, wo er in großen Opernproduktionen wie „Aida“, „Tosca“ oder „Romeo und Julia“ auftrat.
Internationale Stationen und Rückkehr nach Paraguay
Sein Weg führte ihn weiter in die USA, wo er ein Stipendium an der renommierten San-Francisco-Ballett-School erhielt und mit Tänzern aus aller Welt trainierte. Anschließend arbeitete er in Mexiko, stieg vom Corps de Ballet des Ballet de Monterrey zum Solisten auf, tanzte Hauptrollen, entwickelte eigene Choreografien und gewann sogar einen Preis für ein selbst geschaffenes Stück.
Doch Morel strebte nach mehr: „Wenn du als Künstler wachsen willst, musst du nach Europa“, dachte er. Über Kontakte kam er nach Deutschland und arbeitete am Ballett am Rhein in Düsseldorf mit internationalen Choreografen wie John Neumeier zusammen. Ein Satz von Neumeier blieb ihm besonders im Gedächtnis: „Du musst nur eine Geschichte erzählen.“
Getrieben von dieser Idee, kehrte Morel nach Paraguay zurück, um eigene experimentelle Tanzprojekte zu entwickeln. Er investierte sein gesamtes Geld in eine Produktion, die jedoch beim Publikum auf wenig Verständnis stieß. „Für Paraguay war das zu viel“, resümiert er. Am Ende stand er fast mittellos da.
Der Durchbruch in Schwerin
Nicht entmutigt, zeichnete Morel Videos auf, in denen er vortanzte, und schickte sie als Bewerbungen weltweit heraus. Die Choreografin Xenia Wiest lud ihn zu einem Vorsprechen nach Schwerin ein. Morel lieh sich das Geld für das Flugticket von Freunden – ein Risiko, das sich auszahlte. Er erhielt einen Vertrag am Mecklenburgischen Staatstheater.
Heute lebt und arbeitet Julio Morel in Schwerin, trainiert fast täglich im Theater und gibt im TanzClub seine Erfahrungen an junge Erwachsene weiter. Neben Proben und Aufführungen findet er Ruhe im Schlossgarten der Stadt. Wenn er im Probenraum zu einer Drehung ansetzt, denkt er oft an den Jungen aus Ciudad del Este, der einfach nur tanzen wollte. Dass dieser Traum ihn einmal bis nach Schwerin führen würde, hätte damals niemand geglaubt – am wenigsten er selbst.



