Klützer Winkel: Eine Radtour durch Geschichte, Literatur und Natur
Im nordwestlichen Mecklenburg-Vorpommern, kurz hinter dem Ortseingangsschild von Klütz, beginnt eine Radtour, die sowohl die Beinkraft als auch den Geist herausfordert. Der Klützer Winkel, ein Landstrich im Hinterland der westmecklenburgischen Ostseeküste, bietet eine einzigartige Mischung aus barocker Pracht, literarischen Entdeckungen und historischen Spuren. Hier ticken die Uhren weniger hektisch, und die Straßen scheinen schmaler, die Alleen dichter und die Dörfer unaufgeregt – fast wie aus der Zeit gefallen.
Schloss Bothmer: Barocke Pracht im milden Rosa
Ein Highlight der Tour ist Schloss Bothmer, dessen markante Fassade in einem milden Morgenstunden-Rosa erstrahlt. Das Barockensemble, umschlossen von Wassergräben und Lindenbäumen, erstreckt sich auf rund sieben Hektar Land und wurde von 1726 bis 1732 nach englischem Vorbild erbaut. Reichsgraf Hans Caspar von Bothmer, ein Diplomat und Berater des englischen Königshauses, der sogar in der Downing Street 10 lebte, gab den Bau in Auftrag, sah ihn jedoch nie, da er in London starb. Seit 2008 gehört das Schloss dem Land Mecklenburg-Vorpommern, das rund 36 Millionen Euro in die Sanierung investierte. Die berühmte Festonallee, eine Girlanden-Allee, die als Inbegriff barocker Gartenkunst gilt, führt direkt auf das Haupthaus zu und diente bereits als Filmkulisse.
Literaturhaus Uwe Johnson: Überraschung in Klütz
In der Kleinstadt Klütz, die mit ihrem Holperpflaster und verschlafenen Charme besticht, wartet eine literarische Überraschung: das Literaturhaus „Uwe Johnson“ in einem rekonstruierten Backsteinspeicher. Obwohl der Schriftsteller Klütz nur vom Hörensagen kannte, machte er es in seinem Hauptwerk „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ zum fiktiven Ort Jerichow. Die Klützer zitieren bereitwillig Belege aus dem Roman, der Kirche, Kopfsteinpflaster und das kleine Nest beschreibt. Das Literaturhaus, das bei der Sanierung Gebälk und historische Elemente bewahrte, ist ein Muss für Literaturfreunde und Industriearchitektur-Enthusiasten.
Historische Pfade: Vom Kolonnenweg zur Ostseeküste
Die Radtour führt auch über geschichtsträchtigen Boden: den ehemaligen Kolonnenweg, ein Relikt aus DDR-Zeiten. Wo heute die Landesgrenze zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein verläuft, trennte einst der Eiserne Vorhang die beiden deutschen Staaten. In einem fünf Kilometer breiten Sperrgebiet galten strenge Verhaltensregeln, und ganze Dörfer wurden geschleift. Heute bietet der asphaltierte Weg eine tadellose Strecke für Radler, die entlang der Steilküste bis zum Ostseebad Boltenhagen oder zum Dorf Brook führt, wo Strandzugänge locken.
Natur und Genuss: Vom Leonorenwald bis Stellshagen
Nach der Ostseeküste dreht die Tour ins Hinterland, vorbei am morastigen Leonorenwald, der vor Abholzung bewahrt wurde, und durch anspruchsvolle Passagen wie Goldbeck. Ein lohnendes Etappenziel ist Stellshagen mit seinem Gutshaus, das seit 1996 als Bio- und Gesundheitshotel bekannt ist. Hier werden vegane und vegetarische Gerichte mit regionalen Bio-Zutaten serviert. Vorab-Reservierungen sind empfehlenswert, um einen Platz im Restaurant zu sichern.
Die gut ausgeschilderte Rundtour über knapp 36 Kilometer verbindet Entschleunigung mit Bildung und bietet Einblicke in die vielfältige Geschichte und Kultur des Klützer Winkels. Egal, ob im Uhrzeigersinn oder dagegen – diese Radtour ist ein unvergessliches Erlebnis für alle, die Mecklenburg-Vorpommern abseits der ausgetretenen Pfade erkunden möchten.



