Plötzlich sind viele Nachbarn weg! Einen Streit um dieses Thema führen viele Städte und Gemeinden des Landes gegen das Statistische Amt MV. Aus Protest über Zahlen der Zensus-Volkszählung 2022 ist eine Klagewelle geworden. 129 Kommunen wehren sich an den Verwaltungsgerichten des Landes, denn sie haben viel zu verlieren. In der Praxis zeigt sich jetzt: Die durch den Zensus deutlich nach unten korrigierten Einwohnerzahlen dürften vielerorts gravierende Einschnitte bei finanzieller Ausstattung und Infrastruktur haben. Weniger Menschen bedeuten auch Anspruch auf weniger Ärzte oder Platz in Schulen.
Erhebliche Zweifel an der Zählweise des Zensus
Mehr als 55.000 Männer und Frauen, Kinder und Rentner sind in MV verschwunden. Auf dem Papier. Das wären etwa 3,5 Prozent von einst 1,63 Millionen, jeder und jede 29. Der Zensus, eine fast unanfechtbare Erfassung des Bundesamtes für Statistik, kommt zu deutlich weniger Einwohnern als die Meldeämter der Kommunen.
„Unfassbar“ findet Klaus-Michael Glaser vom Städte- und Gemeindetag MV den widersprüchlichen Umgang mit den Einwohnerzahlen. Er kenne Beispiele, wo diese über den Bestand von Schulen entscheiden. Denn ohne festgeschriebene Mindestzahlen wird dichtgemacht. Glaser: „Wir wissen ja, dass wir die Kinder in den Klassen haben.“ Er vermutet, dass bei der Zensus-Zählung gravierende Fehler begangen wurden. Diese erfolgten als Interviews an Haustüren. Methodisch sei schon fraglich, dass bei dieser Zählung nur Stichproben von zehn Prozent erhoben, dann hochgerechnet wurden. Glaser spitzt zu: „Wenn ein Einwohner nicht da war, waren also zehn nicht da.“
Heringsdorf: Weniger Einwohner - Stopp bei Ärzten
In den Orten schlägt diese „Statistik-Korrektur“ gnadenlos zu. Ein besonders krasses Beispiel ist Heringsdorf auf der Insel Usedom. Nach dem Zensus war plötzlich fast jeder dritte Einwohner verschwunden. Knapp 6000 sollten es sein, obwohl die Gemeinde von etwa 8400 ausging. Von solchen amtlichen Zahlen hängen Geldzuweisungen des Landes und vieles mehr ab. Für Heringsdorf heißt das: fast eine Million Euro pro Jahr weniger im Haushalt.
Bürgermeisterin Laura Isabelle Marisken hielt dagegen. Sie ließ allen registrierten Einwohnern Weihnachtspost senden, die Zusteller meldeten nur ein paar Dutzend nicht zustellbare Briefe. Bei der Bundestagswahl 2021 gab es in Heringsdorf 6999 Wahlberechtigte, bei den Bürgermeisterwahlen im März dieses Jahres 7035. Viel mehr als im Zensus erfasst - Kinder nicht mitgezählt.
Nun verärgert das Thema des amtlichen Einwohnerschwundes die Heringsdorfer erneut. Bei der Neubewertung des Bedarfes an Ärzten sei die gesamte Insel Usedom plötzlich überversorgt. Heißt: Es gibt mehr Ärzte als statistisch vorgesehen – neue: ausgeschlossen. Vorher sei man „drohend unterversorgt“ gewesen, so Marisken. Dabei habe sich an der Zahl der Ärzte nichts verändert.
Widersprüche zur Nutzung von Zahlen
„Diese Bedarfsplanung geht an unserer Lebenswirklichkeit vorbei“, erklärt die Bürgermeisterin. Sie hat einen Verdacht: Hier schlagen die umstrittenen Zensus-Zahlen zu Buche.
Die Kassenärztliche Vereinigung MV, die den Bedarf an Ärzten ermittelt, bestreitet das. „Daten des Zensus werden nicht verwendet“, so eine Sprecherin. Auf Nachfrage heißt es: „Unmittelbar keine Daten des Zensus.“ Dass das so nicht stimmt, legt die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses für ärztliche Bedarfsplanung nahe. Hier finden sich an verschiedenen Stellen Hinweise auf den Zensus.
Das bestätigt auch das Statistische Amt MV: „Grundlage der amtlichen Einwohnerzahlen der Gemeinden und damit auch des Landes ist der letzte Zensus mit der darauf aufbauenden Bevölkerungsfortschreibung.“ Einfach formuliert: Der Zensus diene zu einem Stichtag als Basis, zur Fortschreibung würden aber auch Daten der örtlichen Meldeämter – etwa Zu- und Wegzüge - herangezogen.
Heringsdorfs Bürgermeisterin ist empört. „Nun werden obendrauf noch realitätsferne Ergebnisse des Zensus zugrunde gelegt, die unsere Einwohnerzahl deutlich nach unten korrigieren.“ Neue Ärzte könnten sich nicht niederlassen, „obwohl unsere niedergelassenen Ärzte faktisch seit Jahren an der Belastungsgrenze und darüber hinaus arbeiten“. Dabei sei die Situation auf der Urlauber-Insel doch zusätzlich problematisch. In der Hochsaison, wenn zigtausende Gäste kommen. Marisken: „Wir brauchen dringend eine differenziertere, realitätsnahe Betrachtung – sonst gefährden wir die medizinische Versorgung vor Ort.“
Gerichtsverfahren soll Vorrang haben - Termin fehlt aber
Solche Sorgen treiben auch andere Städte und Gemeinden um – oder dürften es bald. Neustrelitz hat mit dem Zensus wie durch Zauberhand fast 500 der gut 20.000 Einwohner verloren, Güstrow über 1000 von fast 30.000. „Die Abweichungen zum Melderegister sind für uns nicht plausibel“, sagte der Neustrelitzer Bürgermeister Andreas Grund 2024. Jetzt heißt es aus der Stadt: Klage sei eingereicht. Man warte die „Entscheidung in dem Musterverfahren“ beim Oberverwaltungsgericht ab. Auch Güstrow klage und blicke auf das erste Verfahren, erklärt Bürgermeister Sascha Zimmermann. Man befürchte Einnahmeverluste.
Ein Gerichtsverfahren, das „vorrangig bearbeitet und entschieden werden“ soll, bestätigt das Verwaltungsgericht Greifswald. „Das Verfahren ist noch nicht terminiert“, so eine Sprecherin. Ursprünglich trugen sich laut Quellen mehr als 200 Kommunen in MV mit der Absicht zu klagen. Dem Innenministerium sind 159 bekannt. Einige sind bereits gescheitert oder zurückgenommen.
Das Ministerium wollte den Knoten in der Statistik lösen. Es sagte im Herbst 2025 zu, dass Beschwerden aus Kommunen überprüft und eine Methode zum Umgang dafür entwickelt werde. Ergebnis heute? „Der begonnene Prüfprozess läuft derzeit noch“, so eine Sprecherin. Ausgang offen.
Dem Städte- und Gemeindetag reicht das nicht. Man habe ein wissenschaftliches Gutachten zum Umgang mit der Zensus-Statistik in Auftrag gegeben. Zwischenstand: „Die Erfolgsaussichten werden besser“, so Glaser. Bundesweit seien Klagen von 300 Kommunen bekannt. Anders sei dem Thema falscher Zahlen der großen Volkszählung wohl nicht beizukommen.



