Vincent Levin: Ein Leben mit Behinderung im Spannungsfeld von Politik und Teilhabe
Vincent Levin: Leben mit Behinderung und politische Debatten

Vincent Levin: Ein Leben mit Behinderung zwischen Politik und Alltag

In Mecklenburg-Vorpommern dominieren Begriffe wie Bundesteilhabegesetz (BTHG) und Eingliederungshilfe (EGH) die politischen Debatten. Oft geht es dabei um ausufernde Kosten, Bürokratie und Sparpotenziale. Doch kaum jemand spricht über die Menschen, die von diesen Leistungen profitieren: Menschen mit angeborenen oder erworbenen Behinderungen. Einer von ihnen ist Vincent Levin, dessen Geschichte die menschliche Seite dieser politischen Diskussionen beleuchtet.

Ein Leben im Diakoniewerk Kloster Dobbertin

Vor 27 Jahren in Rostock geboren, hat Vincent Levin den größten Teil seines Lebens im Diakoniewerk Kloster Dobbertin verbracht. Seine Mutter war mit dem besonderen Kind überfordert, und der Kontakt zu ihr ist längst abgebrochen. Dafür kennt Levin jedes Detail des weitläufigen Klostergeländes. „Hier habe ich als Kind gewohnt, hier als Jugendlicher in einer Wohngruppe“, erzählt er bei einem Rundgang, der eigentlich an seinem Lieblingsangelplatz am Seeufer enden sollte.

Doch Levin hält vor der Glasfassade der Theodor-Fontane-Schule inne. „Hier bin ich zur Schule gegangen. Und jetzt arbeite ich hier“, berichtet er stolz. Als Hausmeister in dieser Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung verrichtet er nicht nur handwerkliche Tätigkeiten, sondern unterstützt auch Lehrer, etwa beim morgendlichen Bringen der Kinder. Mit seinem Bart und den Piercings erinnert er an einen Wikinger – eine Leidenschaft, die er bestätigt, aber betont, dass niemand vor ihm Angst haben müsse.

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Das Bundesteilhabegesetz als Stütze

Vincent Levin kommt in vielen Lebensbereichen mittlerweile fast allein zurecht, auch dank des BTHG. Dieses Gesetz schreibt vor, für jeden Einzelnen den individuellen Förder- und Betreuungsbedarf zu ermitteln und in einem Integrierten Teilhabeplan festzuhalten. Daraus werden finanzielle und praktische Hilfen abgeleitet, um die Teilhabe am Beruf, Alltag oder Gemeinschaft zu verbessern – sei es durch medizinische Rehabilitation, berufliche Wiedereingliederung, Assistenzleistungen oder Hilfe beim Wohnen.

In den Dobbertiner Werkstätten, wo Levin beschäftigt ist, kümmern sich mehrere Menschen um ihn. Nach der Schule durchlief er den Ausbildungsbereich und arbeitete im CAP-Markt. Daniela Jäntsch, stellvertretende Werkstattleiterin, erklärt: „So lange ich Vincent kenne, hat er immer gesagt, am liebsten würde er etwas mit Kindern machen.“ Sein Außenarbeitsplatz in der Förderschule kommt diesem Wunsch sehr nahe.

Herausforderungen auf dem Weg zur Inklusion

Nur neun der knapp 300 Werkstattbeschäftigten in Dobbertin haben aktuell einen solchen Außenarbeitsplatz. Viele können den geschützten Werkstattbereich nicht verlassen und benötigen teilweise eine 1:1-Betreuung. Zudem sind Außenarbeitsplätze rar. „Wir müssen Klinken putzen, um Arbeitgebern klarzumachen, dass nicht nur unsere Beschäftigten, sondern auch ihr Unternehmen profitieren kann“, so Jäntsch. Das Ziel sei, dass Menschen mit Behinderung nur befristet in Werkstätten arbeiten und dann auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen, wobei der individuelle Wille entscheidend ist.

Doch in der Praxis gibt es Hürden. Vincent Levin erlebte dies bei einem Vorstellungsgespräch in einer Kita, wo ihm die Leiterin barsch sagte: „Solche wie Sie brauchen wir hier nicht.“ „Aber wir sind doch auch Menschen. Warum geht man so mit uns um?“, fragt er verständnislos. Solche Erfahrungen verdeutlichen die Kluft zwischen politischen Debatten und der Realität.

Ein Blick in die Zukunft

Vincent Levin plant eine gemeinsame Zukunft mit seiner festen Freundin, die er seit sieben Jahren hat. Nach dem Trainingswohnen in Goldberg lebt er nun in einer eigenen Wohnung in Dobbertin, außerhalb des Klostergeländes. Dort erhält er noch Assistenz in der eigenen Häuslichkeit, betont aber: „Eigentlich brauche ich nur noch bei der Post und dem Schriftverkehr Hilfe, alles andere schaffe ich selbst.“ Stolz erzählt er, dass ihn die meisten Dorfbewohner freundlich grüßen – und er natürlich zurückgrüßt.

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Seine Geschichte zeigt, wie wichtig kontinuierliche Unterstützung ist, während die Politik über die Zukunft der Eingliederungshilfe diskutiert. Für Levin geht es darum, irgendwann ganz ohne fremde Hilfe zurechtzukommen – ein Ziel, das durch politische Unsicherheiten gefährdet sein könnte.