Walrettung vor Poel: Wenn menschliche Empathie dem Tierwohl schadet
Die dramatischen Rettungsversuche für einen gestrandeten Buckelwal vor der Insel Poel in Mecklenburg-Vorpommern haben eine grundlegende Debatte über den Umgang mit Wildtieren in Not ausgelöst. Während eine private Initiative seit Tagen alles versucht, um das zwölf Meter lange Tier zu retten, warnen internationale Experten eindringlich: Viel menschliches Engagement hilft nicht immer viel – und kann sogar kontraproduktiv sein.
Wissenschaft versus öffentlicher Druck
Eigentlich hatten die Behörden nach einem Experten-Gutachten entschieden, den geschwächten Wal in Ruhe zu lassen. Doch massiver Druck in sozialen Medien, teilweise angetrieben von populistischen Stimmungsmachern, führte schließlich zur Genehmigung der Rettungsaktion. Seither herrscht Trubel und Lärm um das Wildtier, dessen Stresslevel sich nur erahnen lässt.
„Auf den ersten Blick scheint es ein Akt des Mitgefühls zu sein. Doch unter der Oberfläche verbirgt sich eine schwierigere Wahrheit“, erklärt Karen Stockin, Professorin für Meeresökologie an der Massey University in Neuseeland, zu den anhaltenden Versuchen. In einem Beitrag für das Wissenschaftsmedium „The Conversation“ schreibt sie: „Wie unsere Forschung zeigt, können sich die Folgen für genau die Tiere, die wir schützen wollen, verschlechtern, wenn wissenschaftliche Empfehlungen zugunsten der öffentlichen Meinung außer Acht gelassen werden.“
Die schmerzhafte Wahrheit über wahre Fürsorge
Wahre Fürsorge im Wildtierschutz bedeute manchmal auch die schmerzhafte Entscheidung zur Zurückhaltung, wenn die Wissenschaft keine Hoffnung auf Genesung sieht. „Wer nichts macht, macht auch keine Fehler“, hatte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) zur Verteidigung der Aktion gesagt – eine Aussage, die die Komplexität der Situation unterstreicht.
Der zum Rettungsteam gehörende Schriftsteller Sergio Bambaren berichtete, der Wal sei bei einer Treibaktion zeitweise in völlige Panik geraten. Nachdem das Tier von selbst losgeschwommen war, versuchten Menschen von Booten aus, den Wal in die richtige Richtung zu treiben. Nach etwa zwei Stunden strandete der Buckelwal erneut, vermutlich schwer erschöpft.
Emotionale Reaktionen verdrängen Fachwissen
Stockin betont: „Die Annahme, dass mehr Einsatz ein besseres Ergebnis für das Tier bedeutet, ist falsch.“ Wildtiermedizin handele nicht aus Instinkt oder aufgrund des äußeren Eindrucks. „Sie stützt sich auf Wahrscheinlichkeiten, Tierschutzbewertungen und die Erkenntnis, dass ein Eingreifen nicht immer von Vorteil ist.“
Im konkreten Fall des Wals in der Ostsee sei der übereinstimmende Schluss von Experten gewesen, dass der Wal wahrscheinlich nicht überleben und weiteres Eingreifen seinen Zustand wahrscheinlich verschlechtern würde. „Große, charismatische Tiere wie Wale rufen starke emotionale Reaktionen hervor“, erklärt Stockin. „Sie sind intelligent, ausdrucksstark und wirken sichtlich hilflos, wenn sie gestrandet sind.“
Gefährliche Präzedenzfälle
Dies sei kein Einzelfall, wie der Fall des Orca-Kalbs „Toa“ zeige, das 2021 in Neuseeland strandete. Der wissenschaftliche Konsens war damals, dass seine Überlebenschancen angesichts des Alters, der langen Trennung von seiner Herde und den Herausforderungen der Wiedereingliederung äußerst gering waren.
Trotz intensiver Betreuung verschlechterte sich der Zustand des Wals kontinuierlich. „Viele Experten sprachen sich letztendlich für die Euthanasie als die humanste Option aus“, so Stockin. Stattdessen wurden die unter öffentlicher Aufmerksamkeit stehenden Bemühungen fortgesetzt – mit tragischem Ergebnis: „Toa starb nach wochenlanger Pflege.“
Systematische Fehlentscheidungen drohen
Die Professorin warnt vor einem gefährlichen Trend: „Wenn jede aufsehenerregende Strandung zu einem durch öffentlichen Druck gesteuerten Referendum wird, riskieren wir ein System, in dem Entscheidungen weniger durch das Tierwohl als durch öffentliche Wahrnehmbarkeit geprägt werden.“ Dies gelte auch für das Tier in Deutschland, bei dem starke Indikatoren für schlechte Ergebnisse weiterer Bemühungen vorlägen.
Der inzwischen schon fünfmal gestrandete Wal war – nachdem er drei Wochen an einer Stelle gelegen hatte – am Montagmorgen bei steigendem Wasserstand plötzlich losgeschwommen. Von Booten aus wurde versucht, das mehrfach wieder umkehrende Tier Richtung Ostsee zu treiben, bis es in eine flache Zone schwamm und stoppte.
Die Grenzen menschlicher Einflussnahme
Die Wal-Expertin Frances Gulland, Vorsitzende der Marine Mammal Commission in den USA, erklärt im Gespräch mit dem „Spiegel“: „Es ist sehr schwierig, das Verhalten von Walen gezielt zu beeinflussen. Wir können nicht mit ihnen kommunizieren, wir können sie nicht durch Handauflegen beruhigen.“
Die Tierärztin mit Spezialisierung auf Meeressäuger war 2007 an Rettungsaktionen für zwei Buckelwale – Mutter und Kalb – im Sacramento River beteiligt. „Wir haben vieles ausprobiert: Walrufe, Alarmtöne, Metallgeräusche, Motoren, sogar Wasser aus Feuerwehrschläuchen“, berichtet sie. Nichts davon habe verlässlich dazu geführt, dass die Tiere in die gewünschte Richtung schwammen. „Als wir nichts mehr taten, schwammen sie ins Meer.“
Umweltfaktoren entscheidend
Viel Einfluss auf das Verhalten hätten Umweltfaktoren wie Gezeiten und Strömungen, erklärt Gulland. „Jeder Einsatz ist deshalb abhängig von einer Kombination aus medizinischer Einschätzung und sehr konkreten Umweltbedingungen.“ Im Fall des Walgespanns hätten weder Aufnahmen von Orcas – potenziellen Feinden – noch das Hämmern auf Stahlrohre zuverlässig funktioniert. „Die Wale sind mehrfach einfach unter diesen Linien aus Booten und Geräuschen hindurchgeschwommen.“
Entscheidend sei im Umgang mit solchen Fällen, „dass ein erfahrener Tierarzt für Meeressäuger vor Ort ist, der den Wal sieht und seinen Gesundheitszustand beurteilen kann, auch aufgrund von Haut und Blasproben“. Der Fokus solle zudem darauf liegen, das Tier vor zusätzlichen Gefahren zu schützen und ihm Zeit zu geben, selbst einen Ausweg zu finden.
Das Wohl des Tieres ins Zentrum stellen
„Versuche, es aktiv anzuleiten, sind oft wenig effektiv“, resümiert Gulland. Das Wichtigste aber sei, das Wohl des Tieres ins Zentrum zu stellen und nicht die öffentliche Meinung. Diese Position teilen immer mehr Experten, die beobachten, wie emotionale Reaktionen auf charismatische Tiere wie Wale wissenschaftliche Expertise verdrängen können.
Der bei Wismar vor drei Wochen gestrandete Buckelwal liegt weiterhin auf einer Sandbank fest – umgeben von gut gemeinten, aber möglicherweise kontraproduktiven Rettungsbemühungen. Die Debatte über den richtigen Umgang mit gestrandeten Meeressäugern wird durch diesen Fall neu entfacht und zeigt, dass Tierwohl manchmal schmerzhafte Zurückhaltung erfordert.



