Wolfsangriff in Hamburg entfacht Debatte über Raubtiere in Norddeutschland
Der erste Angriff eines Wolfs auf einen Menschen seit der Wiederansiedlung der Tiere in Deutschland im Jahr 1998 hat in Norddeutschland die Diskussion über den Umgang mit den Raubtieren neu entfacht. In der Hamburger Innenstadt hatte ein Wolf am Montag eine Frau in einer Einkaufsmeile gebissen, bevor die Polizei das Tier einfangen konnte. Dieser Vorfall lässt die Sorgen vor den stetig wachsenden Wolfsbeständen im Nordosten, insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, deutlich ansteigen.
Politische Reaktionen: CDU fordert konsequenteres Vorgehen
In Mecklenburg-Vorpommern werden nach dem Vorfall die Stimmen nach einem entschlosseneren Handeln lauter. Beate Schlupp, die artenschutzpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, betont: „Der Wolf ist kein Kuscheltier. Er ist ein Raubtier, das für Menschen gefährlich sein kann, besonders wenn es krank ist oder in Bedrängnis gerät.“ Sie kritisiert, dass in MV nicht konsequent genug gehandelt werde. Zwar werde über Wolfsmanagement gesprochen, „aber wenn es darauf ankommt, wird zu oft gezögert“. Schlupp warnt: „Wer erst reagiert, wenn Menschen oder Nutztiere bereits zu Schaden gekommen sind, handelt zu spät.“
Behörden in Brandenburg bereit, aber bisher kein Fall
Ein Sprecher des Brandenburger Landwirtschaftsministeriums erklärt, dass Wildtiere gelegentlich Siedlungen durchqueren, wobei es sich bei Wölfen oft um unerfahrene Jungtiere handle. „Wenn es in Brandenburg zu einer unmittelbaren Gefährdung des Menschen durch einen Wolf käme, würden die örtlichen Behörden im Rahmen der Gefahrenabwehr handeln“, so der Sprecher. Dabei würden sie von Spezialkräften des Landesamts für Umwelt unterstützt. Ein solcher Fall sei seit der Wiederbesiedlung Brandenburgs durch den Wolf jedoch noch nicht vorgekommen.
Jäger und BUND: Gefahr wird relativiert
Für den Landesjagdverband Mecklenburg-Vorpommern sind die von Wölfen ausgehenden Gefahren trotz des Angriffs begrenzt. Verbandspräsident Florian Asche verweist auf jährlich 30.000 bis 50.000 Bissvorfälle mit Hunden in Deutschland, von denen etwa vier tödlich verlaufen. „Beim Wolf dürfte die Gefahrenlage im Hinblick auf Anzahl und Schwere der Vorfälle weit geringer sein“, sagt Asche. Die Jäger warnen vor Aktionismus und fordern, dass sich Sicherheitsmaßnahmen vor allem an den Gefahren für die Tierhaltung im Offenland orientieren sollten.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in MV sieht „keinen Grund zur Sorge“. Mareike Herrmann, Naturschutzreferentin des BUND, lehnt eine generelle Jagd auf Wölfe ab und erklärt: „Lediglich schadstiftende Wölfe sollten nach Übergriffen gezielt abgeschossen werden.“ Sie betont, dass der Mensch nicht Teil des Beuteschemas des Wolfes sei und Übergriffe unwahrscheinlich seien. Der Vorfall in Hamburg sei eher auf eine Verkettung unglücklicher Umstände zurückzuführen.
Wolfsexperten mahnen zur Ruhe
Marilena Kallweit, Sachgebietsleiterin des Wolfskompetenzzentrums in Jasnitz, gibt Entwarnung: „Es gibt in MV derzeit keine gegenüber Menschen auffälligen Wölfe, die Grund zur Sorge geben würden.“ Das Zentrum wurde erst zu Jahresbeginn eingerichtet und arbeitet an Managementplänen für den Umgang mit der wachsenden Wolfspopulation, um einen Herdenschutz zu gewährleisten.
Wolfsbestand und Angriffe in MV
In Mecklenburg-Vorpommern wurden zuletzt 28 Rudel mit schätzungsweise etwa 280 Tieren sowie weitere Einzeltiere gezählt. Diese besetzen 34 Territorien, vor allem in Südwestmecklenburg, der Mecklenburgischen Seenplatte und im südöstlichen Vorpommern. In mindestens 24 Rudeln gab es Nachwuchs. Im Jahr 2025 wurden im Nordosten 77 mutmaßliche Wolfsangriffe auf Weidetiere registriert, bei denen 424 Tiere getötet und 39 verletzt wurden.
Der Bundesrat hat kürzlich die Aufnahme des Wolfs als jagdbare Tierart in das Bundesjagdgesetz bestätigt. Mecklenburg-Vorpommern stimmte der Änderung nicht zu, da die neuen Regelungen als nicht geeignet angesehen werden, um wirksam gegen den Wolf vorzugehen.
Umgangsregeln bei Wolfskontakt
Das Kompetenzzentrum Wolf in MV rät zu folgendem Verhalten bei Begegnungen:
- Ruhig bleiben, stillstehen und Abstand halten.
- Sich durch lautes Rufen oder Händeklatschen bemerkbar machen.
- Nicht weglaufen, sondern langsam rückwärts gehen.
- Hunde immer an der Leine führen und nah halten, um direkte Begegnungen zu vermeiden.
In der Regel sind Wölfe scheu und meiden Menschen, sodass Begegnungen meist unproblematisch verlaufen.



