AfD Niedersachsen in der Krise: Verfassungsschutz stuft Landesverband als rechtsextrem ein
Die AfD in Niedersachsen befindet sich in einer tiefgreifenden internen Krise, die durch eine historische Entscheidung des Landesamtes für Verfassungsschutz noch verschärft wird. Als erster westdeutscher Landesverband wurde die AfD Niedersachsen offiziell als "gesichert rechtsextrem" eingestuft – ein Schlag, der zeitgleich mit heftigen internen Machtkämpfen fällt.
Frontalangriff des Landesvorstands gegen Parteikritiker
In einem bemerkenswerten Schritt haben sich alle 14 Mitglieder des Landesvorstands gemeinsam mit 11 von 13 Bundestagsabgeordneten aus Niedersachsen in einem Rechtfertigungsschreiben an die Bundesparteiführung gewandt. Das Dokument, das der Redaktion vorliegt, stellt einen Frontalangriff auf Kritiker innerhalb der eigenen Reihen dar und offenbart tiefe Gräben innerhalb der Partei.
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die EU-Abgeordnete Anja Arndt (60), die dem Landesvorstand in einem sogenannten Brandbrief ein undurchsichtiges Posten-Kartell und autoritäre Strukturen vorgeworfen hatte. Die Vorwürfe reichen von Vetternwirtschaft bis hin zu sektenähnlichen Machtstrukturen innerhalb des niedersächsischen Landesverbands.
Gegenvorwürfe und persönliche Anschuldigungen
Die Antwort des Landesvorstands fällt nicht weniger scharf aus. In ihrem Schreiben halten die Unterzeichner Arndt ihre Bezüge als EU-Abgeordnete vor und rechnen vor, dass sie "mit ihrem Mandat in einer Legislaturperiode bis zu 1,1 Millionen Euro netto in Brüssel verdienen" könne – ein Betrag, der über fünf Jahre läuft.
Besonders pikant sind die Vorwürfe gegen Landeschef Ansgar Schledde (48). Ihm wird vorgeworfen, sowohl seine Ex-Frau als auch seine aktuelle Ehefrau bei verschiedenen Abgeordneten als Mitarbeiterinnen untergebracht zu haben. Diese Vorwürfe des Postenschachers werden von der Landesführung jedoch entschieden zurückgewiesen.
Sektenvorwürfe und Wesensveränderungen
Die interne Kommunikation der AfD Niedersachsen offenbart ein Klima des Misstrauens und der gegenseitigen Beschuldigungen. Die Landesführung beklagt in ihrem Schreiben offen, dass viele Abgeordnete nach ihrer Wahl eine bemerkenswerte Wesensveränderung durchlaufen würden: "Wie wir in der Partei leider nur zu gut wissen, ist vor dem Mandat nicht immer gleich nach dem Mandat."
Die Vorwürfe gipfeln in beidseitigen Sektenvorwürfen. Während die Arndt-Fraktion dem Landesvorstand "sektenartige, undemokratische, mafiöse Strukturen" unterstellt, kontern die Landesführer mit dem Vorwurf, die Kritiker würden selbst "eine Parallelstruktur" aufbauen, um "alles in den Dreck zu ziehen".
Historische Verfassungsschutz-Einstufung
Die internen Querelen fallen zeitlich mit einer bedeutsamen Entscheidung des niedersächsischen Verfassungsschutzes zusammen. Das Landesamt in Hannover hat den AfD-Landesverband als ersten westdeutschen Verband überhaupt als "gesichert rechtsextrem" eingestuft – eine Klassifizierung, die bisher vor allem ostdeutschen Landesverbänden vorbehalten war.
Diese Einstufung stellt nicht nur eine politische Blamage dar, sondern könnte auch praktische Konsequenzen für die Parteiarbeit haben. Sie erfolgt in einer Phase, in der die AfD bundesweit mit Vorwürfen eines Filz-Netzwerks konfrontiert ist, durch das Parteipolitiker angeblich Familienmitglieder auf Steuerzahlerkosten in Parlamentspositionen gebracht haben sollen.
Die Ereignisse in Niedersachsen zeigen eine Partei, die nicht nur mit externer Kritik, sondern vor allem mit sich selbst kämpft. Die gleichzeitige Konfrontation mit der Verfassungsschutz-Einstufung und den internen Zerwürfnissen stellt eine bisher ungekannte Herausforderung für den niedersächsischen Landesverband dar.



