Göttinger Kiessee: Spezialisten suchen nach Weltkriegsmunition im Wasser
In Göttingen steht eine ungewöhnliche Bergungsaktion bevor: Spezialisten und Spezialistinnen des niedersächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) wollen den Grund des Göttinger Kiessees nach alter Munition absuchen. Diese Maßnahme folgt einem konkreten Zeitzeugenhinweis, der auf im See entsorgte Kampfmittel hindeutet. Die Stadt Göttingen hat bereits klargestellt, dass keine größeren Evakuierungen notwendig sein werden, da keine Blindgänger vermutet werden.
Herausforderungen bei der Unterwassersuche
Die Bergung von Munition aus Gewässern stellt besondere Anforderungen an die Einsatzkräfte. Für diese Aufgabe kommen speziell ausgebildete Taucher zum Einsatz, die teilweise von Polizeikräften unterstützt werden. Das für Geoinformationen zuständige Landesamt Niedersachsen, wo der KBD angesiedelt ist, betont jedoch die schwierigen Bedingungen.
Die Wassertemperatur im Kiessee ist so kühl, dass ein längerer Aufenthalt im Wasser nicht möglich ist. Zusätzlich erschwert wird die Mission durch eine möglicherweise schlechte Sicht unter der Wasseroberfläche. „Somit ist eine Identifizierung der gefundenen Gegenstände unter Umständen nur durch Ertasten möglich“, teilte das Landesamt mit. Die Taucher müssen sich daher stark auf ihren Tastsinn verlassen, um potenzielle Munitionsteile zu erkennen und zu bergen.
Geplante Suchaktion und Sicherheitsvorkehrungen
Nach Angaben der Stadt Göttingen soll eine Fläche von etwa 450 Quadratmetern systematisch durchsucht werden. Die Suche ist für zwei Tage angesetzt. Sollte tatsächlich Munition gefunden werden, die nicht einfach abtransportiert werden kann, sondern vor Ort entschärft oder gesprengt werden muss, sind begrenzte Sicherheitsmaßnahmen geplant.
In diesem Fall würden ein kleiner Straßenabschnitt und ein Restaurant in der Nähe des Sees kurzzeitig evakuiert. Die Stadt betont jedoch, dass aufgrund der Art und Lage der vermuteten Kampfmittel keine umfangreichen Evakuierungen wie bei Blindgängerfunden an Land notwendig sind. Nach Abschluss der Kampfmittelsuche ist außerdem geplant, den See von Schlamm zu befreien, was die Wasserqualität und Nutzbarkeit des Gewässers verbessern soll.
Zunahme von Kampfmittelfunden in der Region
Die geplante Aktion im Kiessee findet vor dem Hintergrund einer generellen Zunahme von Kampfmittelfunden in Deutschland statt. Nach den neuesten verfügbaren Zahlen wurden im Jahr 2024 mehr als 220 Tonnen gefährlicher Gegenstände wie Blindgänger und alte Munition entdeckt. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2014, waren es noch etwa 66 Tonnen.
Experten sehen einen möglichen Grund für diesen Anstieg in der zunehmenden Bautätigkeit. Beim Ausheben von Fundamenten oder beim Straßenbau werden immer wieder Kriegsrelikte freigelegt. Insbesondere größere Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg werden oft in Gebieten gefunden, die während des Krieges militärische Bedeutung hatten und daher intensiv bombardiert wurden.
Göttingen als regelmäßiger Schauplatz von Kampfmittelbergungen
Göttingen gehört zu den Städten, in denen regelmäßig Evakuierungen stattfinden, weil Blindgänger unschädlich gemacht werden müssen. Die Stadt liegt an einer wichtigen Nord-Süd-Bahnstrecke, die während des Krieges ein strategisches Ziel darstellte. Diese historische Belastung führt dazu, dass der Kampfmittelbeseitigungsdienst in der Region häufig im Einsatz ist.
Der aktuelle Einsatz im Kiessee zeigt, dass die Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit auch mehr als achtzig Jahre nach Kriegsende noch nicht abgeschlossen ist. Die Spezialisten des KBD leisten dabei eine gefährliche, aber unverzichtbare Arbeit für die öffentliche Sicherheit. Ihre Expertise ist besonders bei solch anspruchsvollen Unterwassermissionen gefragt, bei denen jede Bewegung genau geplant sein muss.



