Industrie gegen Natur: Rostocker Bürgerschaft entscheidet für Werkserweiterung
Die Rostocker Bürgerschaft hat mit deutlicher Mehrheit den Weg für eine bedeutende Werkserweiterung des Unternehmens EEW Special Pipe Constructions im Rostocker Seehafen freigemacht. Dieser Beschluss hat weitreichende Konsequenzen für den Naturwald Swienskuhlen, von dem 14 Hektar des knapp 70 Hektar großen geschützten Landschaftsgebiets für die industrielle Expansion geopfert werden müssen. Die Entscheidung markiert eine klare Niederlage für Naturschützer, die noch vor der Bürgerschaftssitzung mit Demonstrationen für den Erhalt des wertvollen Waldbestands gekämpft hatten.
Politische Mehrheit setzt sich durch
In der hitzigen Debatte setzten sich die Fraktionen Die Linke, CDU, SPD und FDP/Unabhängige mit ihrem gemeinsamen Antrag durch. Sie forderten, alle notwendigen planerischen Voraussetzungen für die EEW-Erweiterung unter Einbeziehung von Teilen der Swienskuhlen zu schaffen. Der Schutzstatus des Naturwaldes muss dafür teilweise aufgehoben werden. Gleichzeitig scheiterte der Änderungsantrag der Grünen, der zusätzlich eine 27 Hektar große Alternativfläche im nordöstlichen Seehafenbereich prüfen wollte. Diese Fläche wurde jedoch als zu weit entfernt vom aktuellen EEW-Standort bewertet.
Wirtschaftliche Argumente überwiegen Naturschutzbedenken
Die politischen Vertreter der Mehrheitsfraktionen betonten in der Debatte die existenzielle Bedeutung der Entscheidung für den Industriestandort Rostock. „Ohne zusätzliche Flächen kann EEW seine modernen Monopiles nicht bauen und müsste den Standort Rostock aufgeben“, argumentierte FDP-Vorsitzende Julia Kristin Pittasch eindringlich. Sie verwies auf tausende gefährdete Arbeitsplätze, zahlreiche Zulieferbetriebe und erhebliche Gewerbesteuereinnahmen.
CDU-Fraktionschefin Chris Günther konkretisierte die wirtschaftlichen Dimensionen: „14 Millionen Euro Gewerbesteuer durch EEW, 1000 Mitarbeiter und ein dreistelliger Millionenbetrag, den EEW investieren will – wir wollen diesen EEW-Standort erhalten.“ Linken-Fraktionsvorsitzender Christian Albrecht unterstützte diese Position nachdrücklich: „Wir haben alle kein Interesse daran, dass EEW seinen Standort in Rostock aufgibt.“
Naturschützer zeigen sich fassungslos
Die Entscheidung stieß bei Umweltaktivisten auf scharfe Kritik. Susanne Schumacher, Vorsitzende des BUND Rostock, äußerte sich entsetzt: „Wir sind fassungslos darüber, dass unsere Entscheidungsträger in der heutigen Zeit die Teilrodung eines uralten Waldes vorantreiben.“ Mit etwa 50 Naturschützern hatte sie vor dem Rostocker Rathaus demonstriert und gefordert, die Swienskuhlen für die EEW-Werkserweiterung vollständig zu verschonen.
Komplexes Verfahren mit begrenzten Alternativen
Rostocks Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger von den Linken beschrieb die Situation als „komplexes Verfahren“. Die Stadtverwaltung prüfe zwar unterschiedliche Flächen, doch der Beschluss der Bürgerschaft biete wichtigen Rückhalt für die weiteren Planungen. Sie verwies auf eine bestehende „Flächennot“ im Zusammenhang mit der Hafenerweiterung und speziell der EEW-Expansion. „Wir würden die Einbeziehung dieser Waldfläche nie in Betracht ziehen, wenn nicht diese Not bestehen würde“, betonte die Oberbürgermeisterin.
Weltmarktführer mit ambitionierten Expansionsplänen
Das im Rostocker Seehafen ansässige Unternehmen EEW Special Pipe Constructions ringt seit Jahren um eine Erweiterung seines Werkstandortes. Als Weltmarktführer in der Fertigung von Monopiles – Großrohren, die als Gründungspfähle für Offshore-Windturbinen dienen – plant das Unternehmen die Entwicklung einer bis zu 40 Hektar großen Fläche bis zum Jahr 2028. Seit 2008 produziert EEW diese speziellen Großrohre im Seehafen und will nun in Bezug auf Tonnagen, Durchmesser der Monopiles und Mitarbeiterzahlen weiter wachsen. Von bis zu 500 zusätzlichen Arbeitsplätzen ist in diesem Zusammenhang die Rede.
Die Vorzugsfläche für die Erweiterung liegt südlich in unmittelbarer Nähe des bestehenden EEW-Werks, was logistische Vorteile bietet, aber eben den teilweisen Verlust des Naturwaldes Swienskuhlen bedeutet. Die Entscheidung der Rostocker Bürgerschaft markiert somit einen klassischen Interessenkonflikt zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Naturschutz, bei dem sich die wirtschaftlichen Argumente durchgesetzt haben.



