Wahl-Kampf statt Wal-Kampf: Backhaus als Verlierer des Ostsee-Dramas
Backhaus als Verlierer des Ostsee-Wal-Dramas

Wahl-Kampf statt Wal-Kampf: Backhaus ist der Verlierer des Ostsee-Dramas

Am Ende war es eine widerwärtige Polit-Show: Neben vielen Möchtegern-Experten machte auch der zuständige Minister beim Überlebenskampf des Wales keine gute Figur, meint unser Autor.

Irgendwann in diesem sechswöchigen Wahlkampf – Verzeihung Wal-Kampf – sagte einer der stillen Beobachter des Dramas in der Ostsee: „In Deutschland kann man noch nicht einmal in Ruhe sterben.“ Wie wahr. Selbst einem sichtlich erschöpften und von Krankheiten gezeichneten Tier wird es in diesem Land auf offener See nicht gestattet, sich zu seiner letzten Ruhe zu begeben.

Seriöse Wissenschaftler warnten vor Rettung

Viermal war der rund zwölf Meter lange Buckelwal vor der Ostsee-Insel Poel in einer Flachwasserzone gestrandet – für seriöse Wissenschaftler ein klares Zeichen: Bitte lasst das geschwächte Tier in Ruhe, unternimmt keine weiteren Bergungs- oder Motivierungsversuche. In einem eigens angefertigten Gutachten hieß es von den Verfassern des Deutsche Meeresmuseums und des Institutes für terrestrische und aquatische Wildtierforschung: „Eine wiederholte Einzelstrandung weist bei Walen in der Regel auf ein schweres Gesundheitsproblem hin. Der Buckelwal, der jetzt in der Kirchsee vor der Insel Poel liegt, zeigte bereits bei der ersten Beobachtung Probleme. Zum einen hatte er neben Seepocken (Rauhfusskrebse), die häufig bei Buckelwalen beobachtet werden, auch großflächige blasenartige Hautveränderungen.“ Normalerweise könne die Haut von Walen gut regenerieren, doch „da die Haut dieses Buckelwals zusätzlich mit Auswirkungen der Netze und Seile, in denen das Tier verfangen war, ausgesetzt war, hat die Haut eine zusätzliche Belastung erfahren. Zudem zog eine Leine im Bereich des rechten Maulwinkels ins Maul“. Weiter heißt es im Gutachten, dass bei einem „Verbringen in tieferes Wasser erneut mit einer Strandung gerechnet werden muss“. Mit anderen Worten: Das Tier war dem Tod geweiht.

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Dienstältester Minister mutierte zum Polit-Jüngling

Doch die Wissenschaftler und ernsthaften Experten hatten die Rechnung ohne die zahlreichen Möchtegern-Experten gemacht. Selbsternannte Wal-Kenner und ebenso seltsame und fragwürdige Leute mit den unterschiedlichsten Motiven tauchten am Wallfahrtsort an der Ostsee auf, vermenschlichten das Tier auf eine teilweise eher widerwärtige und der Natur widersprechenden Art. Mittendrin verhedderte sich ein Umweltminister in den politischen Untiefen des Wahlkampfes. Till Backhaus präsentierte sich in den gefühlt unendlichen sechs Wochen des Wal-Dramas nicht als einer mit aller Souveränität ausgestatteten dienstältesten Landesminister Deutschlands, sondern als Polit-Jüngling, der sich auf irritierende Weise von allen Seiten und Interessen hin und her schubsen ließ. Mal wollte er das Tier streicheln, mal wollte er es retten, mal wollte er es sterben lassen und am Ende ließ er es einfach davonfahren – ins Ungewisse.

Erinnerungen an „Moby Dick“

Und das offenbar alles nur, weil in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Herbst Landtagswahl ist. Wollte da ein Politiker aus dem offensichtlichen Leid eines Tieres Honig saugen? Wollte Backhaus zeigen, wie tierlieb und heimatlieb er sei? Wollte ein Sozialdemokrat den Kümmerer geben? Vielleicht alles gut gemeint – aber eben auch leicht durchschaubar. Vermeintliches Engagement als politisches Eigentor. Übrigens: Als im vergangenen Spätsommer die Durchfallerkrankung Ehec in Mecklenburg-Vorpommern wütete und viele Menschen Qualen litten, war von Backhaus wenig bis nichts zu vernehmen.

Aber vielleicht ist der SPD-Politiker auch einfach nur ein glühender Verehrer des Wal-Dramas „Moby Dick“. Der legendäre Roman von Herman Melville, in dem der besessene Kapitän Ahab Jagd auf einen weißen Wal machte – und dies am Ende mit dem eigenen Leben bezahlte –, faszinierte und erschauderte Millionen von Lesern. Backhaus ist bestimmt einer von ihnen.

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