Die umstrittene Aktion zur Rettung eines gestrandeten Buckelwals in der Ostsee hat am Dienstagmorgen begonnen. Mitglieder einer privaten Walinitiative versuchen, das tonnenschwere Tier mit Gurten in einen Lastkahn zu bugsieren. Das Prozedere sei schwer mit anzusehen, monieren Kritiker.
Wal soll spätestens am Abend auf dem Lastkahn sein
Es sei der „Tag der Entscheidung“, hatte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) angekündigt. „Bis Sonnenuntergang sollte es möglichst gelungen sein, den Wal auf der Barge zu haben.“ Auch Karin Walter-Mommert, eine Geldgeberin der privaten Initiative, sagte: „Wir wollen heute fertig werden.“ Bislang ist auf Bildern aus dem Livestream kaum Fortschritt zu erkennen, obwohl mehr als ein Dutzend Helfer immer wieder an Gurten ziehen. Der Wal soll so in den Lastkahn gelenkt werden, der im tieferen Fahrwasser bereitsteht.
Das Ziehen hat begonnen
Die Freiwilligen ziehen nun seit einer Weile am Wal. Immer wieder rufen sie laut „ziiiiiiiehhhhhh!“, um ihre Bewegungen zu synchronisieren. Das Tier regt sich kaum. Der Meeresbiologe Fabian Ritter erklärte, es sei schwer anzusehen, wie die Gurte um den Wal liegen und an ihm gezogen werde.
Kaum Wal-Fans vor Ort
Am Hafen von Poel ist es währenddessen ruhig. Das Camp der Helfer ist verlassen, anders als in den letzten Tagen sind kaum Wal-Fans vor Ort. Ein Paar Ende 50 sitzt in Outdoorkleidung auf einer der weißen Bänke. Neben ihnen stehen zwei E-Bikes. „Wir sind nicht extra für den Wal angereist“, sagt sie. „Wir sind Wohnmobilisten“, sagt er. „Als wir vorhin mit dem Fahrrad hier langgeradelt sind, haben wir gesehen, dass hier das Walgedöns ist.“ Die beiden machen Urlaub in Norddeutschland und sind aus der Nähe von Stuttgart. „Wahnsinn“, sagt sie nur über die Walrettungsaktion, bevor die beiden mit den Rädern wieder aufbrechen.
Die Transportaktion ist nun in vollem Gange
Zahlreiche Helfer arbeiten rund um den Wal. Sie versuchen offenbar, ihm die Gurte anzulegen.
Was passiert, wenn der Wal sterben sollte?
Die Rettungsversuche der privaten Initiative bringen die ursprüngliche Planung durcheinander, was mit dem Wal geschehen wird, sollte er vor Poel verenden. Ursprünglich sollte das Tier durch Fachleute des Meeresmuseums auf der Insel Dänholm zwischen Stralsund und Rügen untersucht werden. Doch daraus wird nun nichts. Das Meeresmuseum teilte am Montag mit, keinen Gebrauch von der erteilten Genehmigung machen zu können. „Durch Duldung der Privatinitiative zur Lebendbergung des Buckelwals und der nachfolgenden Manipulationen am Buckelwal ist eine unabhängige, forensische Obduktion des Tieres erforderlich“, sollte das Tier sterben, teilte das Museum mit. Fraglich ist jetzt, wer die Untersuchung im Todesfall übernehmen könnte. In Deutschland gibt es nur wenige Institute, die solch eine Obduktion durchführen können. „Umweltminister Backhaus müsste wahrscheinlich Fachkräfte aus dem Ausland heranziehen“, teilte das Meeresmuseum mit. Sollte der Wal verenden, wäre eine Obduktion laut Fachleuten entscheidend, um festzustellen, warum der Meeressäuger so häufig strandete, ob er womöglich krank war und woran er letztlich gestorben ist. Die Untersuchung müsste möglichst schnell erfolgen, ehe sich die Organe zu sehr zersetzen.
Tierärzte erklären Wal für transportfähig
Die Transportaktion startet. Laut Umweltminister Backhaus halten die Ärzte der Rettungsinitiative den Wal für transportfähig. Die Tierärzte der Initiative hätten am Morgen dargelegt, dass der Gesundheitszustand des Wals gut sei, sagte Backhaus. Die Atmung sei tief und ohne Geräusche. Die Landesregierung lasse zudem zu, dass Gurte genutzt werden. Damit soll der Wal durch eine gebaggerte Rinne zum Transportkahn gelenkt werden. Die Initiative hatte betont, dass der Wal mit den Gurten nicht gezogen werde. Sie würden lediglich eine Richtung vorgeben.
Umweltminister Backhaus will Wal begleiten
Till Backhaus hat angekündigt, beim Transport des Buckelwals dabei zu sein. „Ich werde es auf jeden Fall begleiten“, sagte der Umweltminister am Morgen. Er versuche, „alles zu tun, um dem Tier zu helfen“. Seine „absolute Priorität“ sei, den Wal lebend zu bergen. Auf Livebildern ist zu sehen, dass der Wal mit Tüchern bedeckt ist. Boote mit Helfern haben bereits am Kirchdorfer Hafen abgelegt.
Schockstarre oder Panik möglich
Wie der Wal auf den Transport im Lastkahn reagieren würde, lässt sich laut Tierschützern schwer abschätzen. Die wenigen vorhandenen Daten wiesen darauf hin, dass Interaktionen mit Menschen bei wildlebenden Groß- beziehungsweise Bartenwalen Stress auslösten, hieß es von der Wal- und Delfin-Schutzorganisation WDC. „In freier Natur sind Wale keine Situationen gewohnt, in denen sie eingesperrt sind. Am wahrscheinlichsten ist, ganz allgemein gesprochen, dass die ungewohnte Situation einen Wal zusätzlich in Stress, möglicherweise auch Angst und Panik versetzen würde.“ Dies gelte insbesondere, da der Wal nicht seinem natürlichen Fluchtinstinkt nachkommen könne. Wenn der Wal die Energie aufbringe, seien heftige Flossenschläge und damit Risiken für das Tier und Einsatzkräfte denkbar. Es könne aber auch sein, dass das Tier in eine Fangmyopathie verfalle, „also in eine Art Schockstarre, bei der sich die Muskeln verkrampfen“. Es könne auch schon zu geschwächt sein, um starke Reaktionen zu zeigen. „So könnte es dann wirken, als würde er den Einsatz freiwillig mitmachen oder über sich ergehen lassen.“
Kommt der Wal heute in den Lastkahn?
Geht es nach der privaten Initiative, soll der Wal heute die Kirchsee bei Poel verlassen – samt Wasser an Bord eines Lastkahns. Auf Livestreams im Internet war am Morgen zu sehen, dass der Wal kleine Fontänen ausstößt und atmet. Den Großwal in die sogenannte Barge zu bekommen, dürfte kniffelig werden. Zunächst wollte das Team das Tier rückwärts mittels einer Plane in diese Art schwimmendes Becken bugsieren. Am Vortag gab die beteiligte Tierärztin Kirsten Tönnies eine Planänderung bekannt. Das Tier soll vorwärts mittels eines Gurtes durch eine eigens im flachen Wasser geschaffene Rinne zur und in die Barge gelenkt werden. „Wir versuchen, das so schonend wie möglich zu machen, und das ist nur eine Unterstützung.“ Der Wal werde nicht überbeansprucht, versicherte Tönnies. Oliver Bartelt von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die die Initiative unterstützt, sagte, der Wal werde sich „floatend bewegen“. Das Tier werde nicht aufliegen. „Er wird über keinen Sand gezogen.“ Allerdings war bis zuletzt offen, ob es überhaupt zu dem Versuch kommt. Bis zum späten Montagnachmittag wurden nach Angaben des Schweriner Umweltministeriums trotz mehrfacher Nachfragen keine Unterlagen für den Einsatz des Gurtes eingereicht. Das Ministerium hatte in der Vergangenheit betont, dass es bei der Abstimmung entsprechender Maßnahmen nicht um Genehmigungen, sondern die Frage der Duldung gehe. Nach früheren Angaben der Initiative soll ein Schiff die Barge samt Wal in Richtung Skagen zum Eingang der Nordsee bringen. Dafür waren etwa dreieinhalb Tage eingeplant.



