Ostsee-Drama: Gestrandeter Buckelwal bei Wismar zeigt erste Bewegungen
Das Wal-Drama in der Wismarer Bucht nimmt eine neue Wendung: Der seit rund einer Woche gestrandete Buckelwal hat am Abend erstmals wieder Bewegung gezeigt. Nach Angaben des Umweltministeriums Mecklenburg-Vorpommern bewegte sich das Tier, allerdings ist die genaue Schwimmrichtung noch unklar. Die Umweltorganisation Greenpeace berichtet, der Wal schwamm zunächst Richtung Hafen. Der Rettungseinsatz dauert weiter an.
Kritischer Gesundheitszustand trotz leichter Besserung
Die Situation des Buckelwals bleibt äußerst prekär. Seit Sonntag liegt das Tier weitgehend unverändert in der Wismarer Bucht in Sichtweite der Seebrücke. Burkard Baschek, Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, bewertet die Fitness des Wals als sehr schlecht. „Er hat deutlich weniger Vitalität gezeigt. Vokalisierung, Flossenbewegung, Atmung zeigen das alles“, so Baschek bei einer Pressekonferenz in Wismar.
Besorgniserregend ist die massive Reduktion der Atemfrequenz: Während der Wal sich noch vor Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein zwei- bis dreimal pro Minute atmete, geschieht dies nun nur noch etwa alle vier Minuten. Ob dies auf die geschwächte Fitness oder eine Beruhigung des Tieres zurückzuführen ist, lässt sich laut Experten nicht genau sagen.
Rettungsversuche und Experteneinsatz
Am Montagmorgen versuchte ein Expertenteam mit der Wasserschutzpolizei, Kontakt zum Wal aufzunehmen. Franziska Saalmann, Meeresschutz-Expertin von Greenpeace, schildert: „Wir haben auch versucht, ihn durch Lärm zu animieren. Dazu haben wir mit dem Paddel aufs Wasser geschlagen. Da kam aber keine Reaktion zurück, was zeigt, dass das Tier weiterhin geschwächt ist.“ Seit Sonntag habe sich der Zustand eher verschlechtert als verbessert.
Am Nachmittag begutachteten Experten den Wal erneut und stellten eine leichte Besserung fest. Das Tier reagierte auf die Annäherung eines Boots und wirkte agiler als zuvor. Das Umweltministerium teilte mit: „Da wir in den nächsten Stunden mit weiter steigendem Wasserstand rechnen können, verbessert sich die Möglichkeit für den Wal, aus eigenem Antrieb seine Liegeposition zu verlassen.“
Hintergrund der Strandung
Der Buckelwal hatte bereits Anfang März im Hafen von Wismar Aufsehen erregt, bevor er Anfang vergangener Woche auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand strandete. Durch eine aufwendige Rettungsaktion mit Baggern wurde er befreit, schwamm sich zunächst frei, tauchte dann aber in der Nähe wieder auf und liegt seitdem in etwa zwei Meter tiefem Wasser.
Maßnahmen und Sperrgebiet
Die Behörden haben ein Sperrgebiet im Umkreis von 500 Metern eingerichtet, in das keine unbefugten Schiffe oder Boote fahren dürfen. Umweltminister Till Backhaus (SPD) kündigte an: „Wir werden jetzt eine Walwacht einrichten, die ausdrücklich auch den Wal begleiten wird, und zwar 24 Stunden, rund um die Uhr.“ Über die Osterfeiertage sollen Ranger Passanten informieren.
Backhaus betonte: „Ich habe hohen Respekt vor dem Wal, ganz hohen Respekt. Und wir unternehmen nochmal alles, um ihm zu helfen.“ Baschek unterstrich, dass es nicht darum gehe, das Tier ins tiefere Wasser zu ziehen, sondern festzustellen, ob es fit genug ist, selbst zu schwimmen.
Ostsee als gefährliches Terrain für Großwale
Großwale wie Buckelwale werden immer wieder in der Ostsee gesichtet, sind dort aber nicht heimisch. Franziska Saalmann von Greenpeace erklärt: „Großwale sind nicht für die Ostsee geschaffen. Das ist ganz klar aufgrund der Wassertiefe und des Salzgehalts so.“ Die fehlende Nahrungsverfügbarkeit und der intensive Schiffsverkehr machten die Ostsee zu einem gefährlichen Terrain.
Die vermehrten Sichtungen könnten laut Experten verschiedene Ursachen haben:
- Verfolgung von Fischschwärmen
- Störungen durch Lärm oder menschliche Einflüsse
- Zunahme der Walpopulation
- Verbesserte Sichtungstechnologien wie Drohnen
Im vergangenen Jahr wurden mehrere Buckelwale in der Ostsee gesichtet, etwa vor Rügen und Ahrenshoop. Nicht alle Tiere überleben solche Abstecher ins Binnenmeer. Baschek erinnert daran, dass Walstrandungen in der Ostsee auch historisch vorkamen – im Deutschen Meeresmuseum ist ein Finnwal ausgestellt, der vor 201 Jahren vor Rügen strandete.
Die Entscheidung über das weitere Vorgehen steht noch aus. Experten diskutieren, ob dem Tier bei anhaltender Schwäche Ruhe gewährt werden muss. Derzeit setzen alle Beteiligten jedoch weiter auf eine Rettung des Buckelwals.



