Wochenlang fieberten zahlreiche Menschen mit dem Schicksal eines mehrfach an der Ostseeküste gestrandeten Buckelwals mit. Doch das vermeintliche Rettungsmärchen endete – zumindest vorerst – mit Ungewissheit und hässlichen Anschuldigungen. Bilder von der Freisetzung des schwer geschwächten Walbullen gibt es nicht. Ob er noch lebt, in welchem Zustand und wo – alles völlig unklar. Und das womöglich für immer, sollte das oft „Timmy“ oder „Hope“ genannte Tier nicht noch einmal stranden oder doch noch die bislang fehlenden GPS-Ortsdaten auftauchen.
Die Privatinitiative hinter dem Transport
Mitte April gab Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus überraschend bekannt: Der Versuch einer privaten Initiative für einen Transport in die mehr als 400 Kilometer entfernte Nordsee werde geduldet. Finanziert wurde das Vorhaben von der aus dem Pferdesport bekannten Unternehmerin Karin Walter-Mommert und dem Mediamarkt-Gründer Walter Gunz. Fachleute renommierter Institutionen wie dem Deutschen Meeresmuseum waren nicht beteiligt, dafür unter anderem ein peruanischer Schriftsteller, Kleintierärztinnen ohne Erfahrung mit Walen und mehrere AfD-Sympathisanten. Auch der Initiator der Rettungsaktion, Jens Schulz, soll der AfD nahestehen. Es gab viel Fluktuation, immer wieder gingen sich Teammitglieder öffentlich gegenseitig an, zuletzt wurden beteiligten Schiffsunternehmen schwere Vorwürfe gemacht.
Solange der Wal noch vor der Insel Poel lag, ließ sich über Bilder nachvollziehen, wie am Wal gewerkelt wurde. Die Initiative selbst informierte nur spärlich – wesentlich häufiger war es Backhaus, der Auskunft gab. Sein Engagement endete mit der Abfahrt des Transports am 28. April. Nun zeigten nur noch Drohnenaufnahmen des Livestream-Anbieters News5 den Stand beim Wal. Von der Freisetzung des Tiers am 2. Mai wurden dann gar keine Bilder mehr öffentlich. Ein GPS-Sender zur weiteren Ortung lieferte nach Angaben der Initiative vorerst keine Daten.
Der Wal-Minister
Mittendrin im Spektakel stand ein SPD-Politiker, der die Wal-Rettung augenscheinlich über Wochen hinweg zur obersten Priorität seines Minister-Daseins erklärte. Mehrfach lief Backhaus selbst zum Wal, fasste das geschwächte Wildtier sogar an. Einen Termin zum Schutz von Schweinswalen in der Ostsee schwänzte er hingegen einem „Spiegel“-Bericht zufolge. Er werde den Wal bis zum Ende begleiten, betonte Backhaus mehrfach und zitierte und verteidigte die Eindrücke beteiligter Kleintierärztinnen. Am Ende zeigte sich allerdings auch er unzufrieden mit der Initiative: Vereinbarte Daten und Angaben seien bisher nicht geliefert worden. Auch ein abgesprochenes Videosystem auf dem Lastkahn mit dem Wal habe gefehlt.
Backhaus' Beziehung zum Wal möge Ausdruck persönlicher Tierliebe sein, sagte der Politikwissenschaftler Arthur Benz, ehemals an der Technischen Universität Darmstadt. „Sie ist aber kein gutes Argument für irgendeine Entscheidung in seiner Funktion als Minister.“ Backhaus habe versucht, aus einer schlechten Situation das zu machen, was er für das politisch Beste hielt, glaubt der Politikwissenschaftler Kai Arzheimer von der Universität Mainz. Der Kommunikationsforscher Sven Engesser von der TU Dresden sieht taktische Überlegungen angesichts der bevorstehenden Landtagswahl als einen Grund an. Eine spektakuläre Tierrettung erzeuge starke Bilder, die Fürsorge, Verantwortungsbereitschaft, Heimatverbundenheit und staatliche Handlungsfähigkeit signalisierten.
Die missachteten Experten
Bei Themen wie dem Nahostkonflikt gibt es durchaus mal verschiedene Ansichten unter den ausgewiesenen Experten. Und beim Wal? Gar nicht. Als der rund zwölf Meter lange Buckelwal vor der Ostsee-Insel Poel zum mindestens vierten Mal in einer Flachwasserzone liegenblieb, wurde nach einem Gutachten dazu geraten, das geschwächte Tier in Ruhe zu lassen und keine weiteren Bergungs- oder Motivierungsversuche zu unternehmen. In den wiederholten Strandungen sahen die Experten übereinstimmend einen Hinweis darauf, dass es dem Tier nicht gut ging. Der Buckelwal war Anfang März erstmals in der Ostsee gesehen worden. In den etwa 60 Tagen bis zu seinem Transport lag er zu rund zwei Dritteln der Zeit in Flachwasserzonen.
Ausgewiesene Experten, Institute, Organisationen weltweit, die der Einschätzung widersprachen: null. Das veränderte sich auch in den darauffolgenden Wochen nicht. Es gehe nicht um Zweifel an der technischen Machbarkeit, betonte das Deutsche Meeresmuseum. Bei der Bewertung gehe es um das Wohl des Tiers und die Vermeidung jeglichen weiteren Leidens.
Die Tier-Fans mit menschelnden Deutungen
Viele Menschen verfolgten die Wal-Saga aufmerksam und litten merklich mit. Allerdings wurde der schwerkranke Wal von vielen offensichtlich nicht als scheues Wildtier wahrgenommen, das sehr viel Angst und Stress empfinden kann. Geldgeber Gunz meinte gar, der Wal erinnere ihn an einen Hund, generell ein Haustier. „Für mich ist das Schönste, dass der Wal sich hat streicheln lassen und die Flosse gehoben hat und ein liebes und soziales Wesen ist.“ „So ruhig und friedlich ist er“ dürfte in verschiedenen Abwandlungen die meistgepostete Bemerkung zum Zustand des Walbullen gewesen sein. „Pudelwohl“ fühle der Wal sich in der Barge, verlautbarte auch Backhaus, nachdem das geschwächte Tier erfolgreich in das Stahlbecken getrieben war.
Experten warnten vor einem gefährlichen Trugschluss: Tatsächlich wurde der geschwächte Wal vermutlich deshalb immer ruhiger, weil er schlichtweg nicht mehr konnte. Das beobachtete Verhalten des Buckelwals sei insgesamt stark passiv gewesen, hieß es vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. „Im Vergleich dazu zeigen gesunde Bartenwale, insbesondere Buckelwale, ein deutlich aktiveres Bewegungs- und Verhaltensrepertoire, einschließlich dynamischer Schwimm- und Sprungbewegungen.“
Die Menschen voller Hass
Angetrieben von populistischen Stimmungsmachern gab es auf Facebook, X, Instagram oder Tiktok rund um den Wal viel Druck und Hetze. Experten, Walschützer, das Ministerium, am Ende auch die Schiffsleute: Alle bekamen schlimme Hass- und Drohmails, mitunter sogar Todesdrohungen. Die Emotionalisierung von Politik sei kein neues Phänomen, sagte Arzheimer. „Die unsachlichen, persönlichen und bedrohlichen Attacken auf Expertinnen und Experten erinnern an die Pandemie.“ Vehemenz und Bedrohlichkeit von Diskussionen verschärften sich generell, sagte auch Engesser. Politiker sollten nicht dem Irrtum erliegen, dass die lautstark geäußerten Meinungen repräsentativ für die Bevölkerung seien. „Wir wissen aus der Forschung, dass sich vorwiegend eine radikale und stark emotionalisierte Minderheit an den öffentlichen Debatten beteiligt“, so Engesser. „Sehr viele Menschen haben sich jedoch vermutlich ein weitgehend sachliches Urteil über den Wal gebildet.“
Die rechte Ecke
Ausgerechnet die AfD und Naturschutz? Die Partei lehnt Klimaschutzmaßnahmen ab, hält an fossilen Brennstoffen fest, will Düngereinschränkungen lockern und auch Einschränkungen der Fischerei abschaffen. Wie passt das zusammen? „Hervorragend“, sagt Kai Arzheimer. Das Wal-Schicksal werde genutzt, um vom notwendigen, aber eher technischen Umweltschutz abzulenken. Die Tatsache, dass jährlich tausende Wale und Delfine in Fischernetzen verenden, werde ausgeblendet. „Stattdessen haben Rechtspopulisten hier einmal mehr die Möglichkeit, sich als Vertreter des Volksempfindens gegenüber den unfähigen, korrupten und nun auch noch grausamen Eliten zu inszenieren.“ Parteien neigten generell dazu, emotionale Themen aufzugreifen und zu instrumentalisieren, sagte der Medienforscher Philip Baugut von der Macromedia University of Applied Sciences.
Die Selbstdarsteller
Mit einem Selfiestick lässt sich ein Wal zwar schwerlich retten, zum Accessoire von Menschen direkt am leidenden Tier zählte er dennoch. Der Influencer Robert Marc Lehmann hatte einen dabei, als er vor Timmendorfer Strand zum Walbullen schritt. Auch in den Wochen danach war er immer wieder bei Leuten zu sehen, die sich dem Wal näherten. Generell waren, vor allem als die Privatinitiative aktiv wurde, sehr oft Menschen direkt am Wal. Mindestens einmal dümpeln Männer auf einen SUP Päuschen-machend direkt neben ihm. Im Sinne des Tierwohls ist das Experten zufolge nicht: Es werde zu so viel Abstand wie möglich geraten, hieß es von der Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC). Nicht nur einem Minister gab das Drama eine vielbeachtete Bühne, sondern auch dem Meeresbiologen Robert Marc Lehmann.
Der Wal
Verwest das Tier längst auf dem Grund der Nordsee? „Da sich der Wal in einem extrem geschwächten Zustand befand und nach früheren Rettungsversuchen innerhalb kurzer Zeit immer wieder strandete, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass er nicht genug Kraft besaß, um längerfristig im tiefen Wasser zu schwimmen und nicht mehr lebt“, hieß es vom Meeresmuseum. Vor seiner Freisetzung war der Wal bei hohem Wellengang im Lastkahn hin und her geschwappt und gegen die Bordwände geprallt. Er habe sich dabei nur etwas am Maul verletzt, hieß es von der Initiative. Durch unabhängige Quellen verifizieren ließ sich diese Angabe ebenso wenig wie etliche andere. „Ans Würdelose grenzendes Gezerre“ nennt Greenpeace-Experte Thilo Maack das Geschehen am Wal. „Am Kopf ist die Blubberschicht extrem dünn, deshalb kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Blubber die Stöße abgefangen hat“, erklärte das Meeresmuseum. Jeder Stoß habe ungedämpft auf den Kopfbereich eingewirkt. Der Wal habe sehr geschwächt gewirkt, habe sich den Livestream-Bildern zufolge in dem Stahlbecken kaum bewegt. Fehlen die Daten weiter, ließe sich nicht einmal sagen, ob das letztlich einen Sinn hatte: „Ohne zu wissen, wo sich das Tier befindet, und ohne zu wissen, dass es sich bewegt, lässt sich unmöglich sagen, ob es tot ist – womit die gesamte Aktion umsonst und Tierquälerei gewesen wäre“, sagte der dänische Meeresbiologe Peter Madsen von der Universität Aarhus.
Die Artgenossen des Walbullen
Tierschicksale könnten helfen, Aufmerksamkeit für ökologische Probleme zu generieren – in diesem Fall sei das aber kaum gelungen, meint Arzheimer. Vermutlich werde das Geschehen schnell vergessen sein, nimmt Benz an. „Lernen könnte man daraus nur, wie man nicht Politik betreiben soll. Aber es gibt leider viele andere Fälle, aus denen man das auch könnte.“ Von Whale and Dolphin Conservation hieß es, die Organisation werde sich für ein Strandungsprotokoll in Deutschland einsetzen, dass im Falle einer Walstrandung offiziell regelt, was zu tun ist. „Auch wenn der Fall dieses Buckelwals extrem traurig und tragisch ist – die Realität ist, dass jedes Jahr rund 300.000 Wale und Delfine weltweit einen ähnlich langen Leidens- beziehungsweise Sterbeweg haben, da sie sich in Fischereigeräten verstricken.“



