Die mediale Aufmerksamkeit für den vor der Insel Poel feststeckenden Buckelwal könnte nach Ansicht von Experten auch den bedrohten Schweinswalen in der Ostsee zugutekommen. Der Berliner Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter betonte, dass die aktuelle Situation genutzt werden sollte, um grundlegende Probleme im Meeresschutz anzusprechen. „Es ist natürlich auch eine Gelegenheit. Wir können im Moment auch den Finger in die Wunde legen und sagen, es gibt hier ein ganz, ganz massives, großes Problem“, sagte Ritter der Deutschen Presse-Agentur.
Mehr als nur ein einzelner Wal
Ritter würdigte das Engagement von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) für den Buckelwal, wünschte sich jedoch eine stärkere Fokussierung auf die Ursachen statt auf Symptome. „Aber wir reden hier über Symptombekämpfung an einem einzelnen Tier und ich würde mir wünschen, dass wir über Ursachenbekämpfung sprechen.“ Er verwies auf die Problematik von Stellnetzen in der Ostsee, die auch in Schutzgebieten ohne größere Einschränkungen eingesetzt werden dürften. „Die können heute in Schutzgebieten ohne Weiteres gestellt werden. Da gibt es kaum Einschränkungen. Und der zuständige Minister dafür ist Herr Backhaus.“ Die in der Ostsee heimischen Schweinswale verendeten häufig in diesen Netzen.
Psychologische Erklärung für den Fokus auf ein Tier
Ritter erklärte, dass es psychologisch nachvollziehbar sei, „dass wir dieses eine Tier lieben und alles daran setzen, ihm zu helfen, und die weltweit mehreren Hunderttausend jährlich durch die Fischerei sterbenden Wale und Delfine, die sehen wir nicht. Aber das können und müssen wir ändern.“ Ähnlich äußerte sich der Direktor der Stiftung Deutsches Meeresmuseum, Burkard Baschek. Bei einem Rundgang mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier durch das Ozeaneum wies er auf drei Schweinswal-Populationen hin: eine in der Nordsee, eine in der westlichen Ostsee und eine in der zentralen Ostsee. Die Population in der zentralen Ostsee sei mit nur noch etwa 500 Tieren akut vom Aussterben bedroht. „Wenn wir nicht ganz massiv aufpassen. Also 500 Tiere ist eine ganz kritische Zahl. Wenn es weiter runtersinkt, dann sind die eventuell nicht mehr zu retten“, so Baschek.
Hoffnung auf gesteigerte Aufmerksamkeit
Baschek hofft, dass die emotionale Bindung zum Buckelwal genutzt werden kann, um auch für die Schweinswale zu mobilisieren: „Die Hoffnung ist jetzt wirklich mit dem ganzen Drama, was da vor Poel jetzt gerade auch passiert, dass wir vielleicht die Aufmerksamkeit ein Stück weit nutzen können, um Leute mit dem ganzen Herzblut, was dabei ist, auch für die Situation der Schweinswale zu mobilisieren. Weil die brauchen es wirklich akut.“ Andreas Tanschus, ebenfalls Direktor der Stiftung Deutsches Meeresmuseum, nannte konkrete Schutzmaßnahmen: „Unsere Möglichkeiten sind Schutz vor Lärm, Schutz vor der Fischerei, also Stellnetzfischerei.“ Auch die Reduzierung des Nährstoffeintrags in die Ostsee sei hilfreich.
Bestehende Regelungen und ihre Grenzen
Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns wies darauf hin, dass es bereits Einschränkungen für Stellnetze gebe. So gelte in bestimmten Schutzgebieten von Anfang November bis Ende Januar ein Verbot des Fischfangs mit Stellnetzen. In einem Teil der Ostsee müssen Fischereifahrzeuge ab zwölf Metern Länge Stellnetze mit akustischen Abschreckvorrichtungen ausbringen. Laut Ministerium könne Beifang jedoch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Im Jahr 2025 wurde den Angaben zufolge ein einziger toter Schweinswal von den Fischereibetrieben gemeldet. Das Totfund-Monitoring des Deutschen Meeresmuseums verzeichnete von 2016 bis 2024 durchschnittlich 60 tote Schweinswale pro Jahr in Mecklenburg-Vorpommern, 2024 waren es 34. Bei etwa der Hälfte der von 2020 bis 2024 untersuchten Tiere mit bestimmbarer Todesursache bestand der Verdacht auf Beifang.
Buckelwal mehrfach in Netzen verfangen
Auch der Buckelwal vor Poel hatte sich wiederholt in Netzen verfangen. Bei seinem ersten Auftauchen im Wismarer Hafen Anfang März waren Netzteile an dem Tier gesichtet worden, die als Stellnetz identifiziert wurden. Minister Backhaus erklärte jedoch, dass dieses Netz nicht aus Mecklenburg-Vorpommern stamme: „Wir können garantieren, dass das Netz, was er mitgeschleppt hat, nicht aus unseren Gefilden kommt.“ Analysen hätten ergeben, dass solche Netze in Mecklenburg-Vorpommern nicht eingesetzt würden. Allerdings verfing sich der Wal am 10. März vor der Küste bei Steinbeck erneut in einem Fischernetz. Ein örtlicher Fischer holte das Netz ein, wobei es durchtrennt wurde, und der Wal schwamm wieder seewärts. Die Art des Netzes blieb unklar.
Die Wal- und Delfinschutzorganisation WDC weist zudem auf die Gefahr von Geisternetzen hin. Diese verlorenen oder absichtlich zurückgelassenen Fanggeräte könnten über Jahre hinweg Meeressäuger töten.



