Die lange Chronik der Katastrophen: Tödliche Abstürze von Militärjets in Vorpommern
Es war der tödlichste Job der DDR, und nicht jeder schaffte rechtzeitig den Ausstieg. Ausgerechnet im idyllischen Nordosten Deutschlands, in Vorpommern, gab es während der DDR-Zeit vergleichsweise häufig Fluglärm und viele Abstürze von Militärjets, die oft tödlich endeten. Der letzte sowjetische Kampfjet, der in deutschen Diensten verunglückte, war eine MiG-29 der Bundesluftwaffe, die am 25. Juni 1996 nördlich des Darguner Ortsteils Brudersdorf in die Trebelwiesen stürzte. Der Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten, doch dies war nur ein Kapitel in einer langen Geschichte von Flugkatastrophen.
Militärstützpunkte und Geheimhaltung in der DDR
Im Mittelpunkt des Geschehens standen der Raum Neubrandenburg sowie die Insel Usedom mit dem Seegebiet ringsherum und dem angrenzenden Festland. Auf dem Flugplatz Trollenhagen nahe Neubrandenburg war seit 1960/61 das Jagdfliegergeschwader 2 der Nationalen Volksarmee (NVA) stationiert, und in Peenemünde an der Ostsee das JG 9. Zudem dienten Garz und Tutow häufig als Ausweichflugplätze. Früher erfuhren die Leute nur wenig vom Geschehen beim Militär; selbst bei Havarien oder Katastrophen außerhalb des Geländes herrschte größtmögliche Geheimhaltung. Viele Vorfälle konnten erst nach der Wende näher beleuchtet werden, wobei oft immer noch einige Unklarheiten bleiben.
Dokumentation und Aufarbeitung der Vorfälle
Großen Anteil an der Aufklärung haben ehemalige Angehörige der Fliegertruppen, örtliche Chronisten und Internetforen, die Berichte zusammentrugen. Als ausführlichste gedruckte Quellen gelten „MiGs über Peenemünde“ von Manfred Kanetzki für das JG 9 und „30 Jahre Starten und Landen“ für das JG 2. Thomas Bußmann, Horst Kleest und Lutz Freundt beleuchteten in ihrem Buch „11-80, katapultieren Sie!“ die gesamte DDR-Militärluftfahrt und listen insgesamt 120 tödliche Vorkommnisse mit Luftfahrzeugen auf, zu denen noch deutlich mehr Brüche und Havarien kamen.
Frühe Abstürze und tödliche Notlandungen
Schon im Juni 1960 ist ein erster Crash aus Tutow vermerkt, wo eine Propellermaschine Jak-11 nach der Landung mit einem Kraftfahrzeug kollidierte. Fünf Tage später ging eine MiG-17F kaputt. Der erste Verlust eines NVA-Piloten in der Region wurde am 16. März 1961 beklagt, als ein Unterleutnant sich mit seiner MiG-17F bei einer Notlandung in Trollenhagen überschlug. Rund drei Monate später erwischte es einen Kameraden nordöstlich von Woldegk, und am 9. Juni starb ein Pilot aus Peenemünde, als sein Düsenjäger nahe Swinemünde in der Ostsee zerschellte.
Weitere Vorfälle und tragische Zwischenfälle
Im November 1962 hatte ein Pilot mehr Glück, als er sich bei einem Ausfall der Bordelektrik per Katapultsitz retten konnte; sein Jet schlug nordwestlich von Anklam auf. Allerdings taucht derselbe Mann im Juli 1971 wieder in der Verlustliste auf, als sein Doppelsitzer MiG-21 in ein Moor auf Rügen stürzte. Alleine vom JG 2 sollen 14 Piloten und ein Techniker ums Leben gekommen sein, beim JG 9 waren es 19 Flugzeugführer. Besonders tragisch waren zwei Katastrophen bei der Einführung der MiG-21 im Jahr 1965, darunter ein Absturz bei Görmin und ein weiterer in Sassen, wo der Geschwaderkommandeur Günter Schmidt tödliche Verletzungen erlitt und die MiG am Dorfrand explodierte, einen Stall und eine Scheune in Brand setzte.
Spätere Abstürze und das Ende der DDR-Luftfahrt
Es blieb nicht der letzte Crash in der Region. Im August 1967 musste der Führer einer MiG-21PFM nach einem Triebwerksausfall aussteigen, und im April 1969 schmierte ein baugleiches Exemplar bei einem Kunstflug-Einsatz ab. Tragisch endete auch eine Flugvorführung im Oktober 1971 in Garz, bei der ein Hauptmann stürzte. Für öffentliches Aufsehen sorgte zudem ein MiG-23-Absturz bei Hanshagen im Mai 1986. Am 12. September 1989 geriet eine Aero L-39 „Albatros“ bei Anklam in Not, wobei Fluglehrer und Schüler tödliche Verletzungen erlitten.
Die letzte Flugkatastrophe der DDR und Nachwirkungen
Die buchstäblich allerletzte Flugkatastrophe der DDR ereignete sich am 13. September 1990 in Vorpommern, als ein Pilot einer MiG-23 vor Mitgliedern des Bundestages in den Greifswalder Bodden stürzte. Es war nicht der letzte Düsenjet sowjetischer Produktion in deutschen Diensten, der abstürzte; 1996 verunglückte eine MiG-29 der Bundesluftwaffe in Mecklenburg-Vorpommern. Diese modernsten MiG-Jäger flogen auch noch für die NATO, nachdem die Bundeswehr sie übernommen hatte, und dienten als Sparringspartner für westliche Kollegen. Die Chronik dieser Katastrophen zeigt die Risiken und Geheimhaltung der Militärluftfahrt in der DDR, deren Aufarbeitung bis heute andauert.



