Während vor Poel weiter um das Leben eines gestrandeten Buckelwals gerungen wird, lohnt sich der Blick auf einen weiteren Fall, der an der Ostsee wissenschaftliche Bedeutung erlangte. Im Jahr 1825 strandete vor Rügen ein junger Finnwal. Sein Skelett hängt heute im Meeresmuseum in Stralsund und gilt als Beginn der deutschen Walforschung.
Fund im flachen Wasser
Am 8. April 1825 wurde der Wal im Kubitzer Bodden nahe Lieschow entdeckt. Das Tier war etwa 16 Meter lang, wog rund zehn Tonnen und lag auf einer Untiefe fest. Es handelte sich um einen jungen männlichen Finnwal, auch wenn die Art zunächst noch nicht korrekt bestimmt werden konnte.
Fünf Fischer aus Lieschow fanden den noch lebenden Wal auf einer Untiefe im Kubitzer Bodden. Bei einem Sturm aus Nord war das Tier vor der Westküste Rügens gestrandet, als die Männer es entdeckten. Die historischen Berichte sind in diesem Punkt eindeutig: Die Fischer bestiegen den Rücken des Wals, fügten ihm schwere Verletzungen am Schädel zu und durchtrennten schließlich das Rückgrat. Es war kein schneller Tod; dabei wurden ein Wirbel und mehrere Rippen zerschlagen.
Forscher reisen nach Lieschow
Fünf Tage später, am 13. April, informierte der Gingster Prediger Plicht die Greifswalder Forscher Friedrich Christian Rosenthal und Christian Friedrich Hornschuch über den Fund. Plicht hielt das Tier zunächst für einen Nordkaper. Hornschuch machte sich noch in derselben Nacht zusammen mit Karl Schultze auf den Weg. Als sie am 14. April in Lieschow eintrafen, hatten die Fischer dem Tier bereits große Mengen Speck entnommen. Auch im Bauchraum war der Kadaver durch die groben Tötungsversuche und das Abtrennen von Teilen bereits stark in Mitleidenschaft gezogen.
Die Forscher kauften den Wal für die Universität Greifswald. Die Fischer durften den Erlös aus dem bereits entnommenen Speck behalten. Anschließend wurde der Kadaver mit Ankern gesichert. Doch in der Nacht riss er sich los und trieb im Sturm mehr als drei Kilometer weit ab. Helfer fanden ihn wieder und schleppten ihn mit sechs Booten zurück. Weil die Bauchdecke teils offen war, ließ Schultze den Wal im tieferen Wasser auf den Rücken drehen, damit keine weiteren Eingeweide verloren gingen.
Streit um den Wal-Fund
Auch Stralsunder Fischer erhoben Ansprüche auf den Fund. Die Greifswalder Forscher baten deshalb den Stralsunder Magistrat um Hilfe. Die Stadt stimmte zu, verlangte aber, dass die Bevölkerung den Kadaver besichtigen könne. So wurde der Wal auf dem Transport zunächst auch in Stralsund gezeigt. In zeitgenössischen Berichten ist laut NDR von der „Wißbegier des Publikums“ die Rede.
Der Weitertransport war aufwendig. Weil der Kadaver voller Wasser war und durch den verletzten Rücken keine Stabilität mehr hatte, wurde er mit Stricken an Holzbalken befestigt und zwischen Boote gehängt. Am 18. April erreichte das Gespann Stralsund, am 25. April lag der Wal auf Reede vor Wieck bei Greifswald. Dort wurde er mit einer Floßkonstruktion und drei Seilwinden an Land gebracht, vermessen und mit Hilfe von Studenten skelettiert.
Vom Fund zum Exponat
Die wissenschaftliche Einordnung dauerte lange. Rosenthal hielt das Tier zunächst für einen Zwergwal. Erst später setzte sich die richtige Bestimmung als Finnwal durch. Die Knochen wurden zunächst in Greifswald aufbewahrt, später zusammengesetzt und ausgestellt.
1968 kam das Skelett nach Stralsund, wurde dort vollständig entfettet und neu montiert. Seit 1974 hängt es im Chor der Katharinenhalle. Mit rund 150 Knochen und etwa 15 Metern Länge gehört es bis heute zu den wichtigsten Exponaten des Meeresmuseums in Stralsund.



