Ein Kapitän verlässt das Schiff: Dobbertin trauert um Hans-Jürgen Müller
Mit Hans-Jürgen Müller ist ein Mann von Bord des Lebens gegangen, der sich in der Region um Dobbertin einen unvergesslichen Namen gemacht hat. Der Schiffseigner und Hotelier verstarb nach schwerer Krankheit im Alter von nur 66 Jahren. Seine Leidenschaft für den Dobbertiner See und die Vermarktung der gesamten Region werden vielen Menschen in bleibender Erinnerung bleiben.
Die Anfänge mit der MS Condor
Im Frühjahr 1997 startete Hans-Jürgen Müller in Dobbertin mit einer besonderen Unternehmung. Er hatte ein ehemaliges NVA-Schiff, das später als Wassertaxi diente, gekauft und zu seiner MS Condor umgebaut. Mit diesem Schiff schipperte er auf dem etwa 3,5 Quadratkilometer großen See zwischen Zidderich und der Hellbergkurze, die Dobbertin mit Goldberg verbindet.
Der Start gestaltete sich jedoch keineswegs einfach, da es sich um ein FFH-Gebiet handelte und daher besondere Herausforderungen im Natur- und Umweltschutz bestanden. Müller investierte in die damals modernsten und umweltfreundlichsten Techniken, füllte unzählige Formulare aus und erwarb schließlich die notwendige Zulassung. Unterstützung erhielt er von der örtlichen Feuerwehr und weiteren Helfern, mit denen gemeinsam zwei Anlegerstege entstanden.
Vom Schiffseigner zum Vogelkenner
Anfangs herrschte große Skepsis, ob ein motorbetriebenes Fahrgastschiff mit dem Vogelschutz auf dem Dobbertiner See vereinbar sei. Ralf Koch, der Leiter des Naturparks Nossentiner/Schwinzer Heide, erinnert sich: „Die über 25-jährige, enge Zusammenarbeit mit Kapitän Müller hat uns eines Besseren belehrt.“ Zunächst waren die Ornithologen des Naturparks Partner, doch Müller eignete sich im Laufe der Zeit so viel Wissen an, dass er zu einem anerkannten Kenner der Vogelwelt des Sees wurde.
In den vergangenen 15 Jahren führte er die Touren in völliger Eigenständigkeit auf hohem fachlichem Niveau durch. Neben regulären Rundfahrten bot er auch ornithologische Fahrten in aller Frühe an. Seeadler, Haubentaucher, verschiedene Gänsearten und Graureiher ließen sich von dem leisen Schiff nicht stören. Müller teilte sein umfangreiches Wissen mit den Passagieren und ermöglichte ihnen einzigartige Naturerlebnisse.
Vielseitige Angebote und Engagement
Die MS Condor diente nicht nur für Naturbeobachtungen, sondern auch für gesellige Veranstaltungen. Bei abendlichen Grilltouren tauschte Hans-Jürgen Müller die Kapitänsmütze gegen eine Grillschürze und bereitete auf dem Vorschiff Steaks, Bratwürste und Klopse zu. Das Schiff wurde sogar für Hochzeitsfeiern genutzt, und Grundschüler erhielten hier ihre Zeugnisse.
Müller engagierte sich weit über seine eigenen Unternehmungen hinaus. Er erkannte, dass die Region nur gemeinsam erfolgreich vermarktet werden kann. Daher präsentierte er Dobbertin und den Naturpark auf internationalen Messen in Düsseldorf oder bei der Grünen Woche in Berlin. Mit selbst erstellten Prospekten, Fotos und Filmen warb er leidenschaftlich für die Attraktivität der gesamten Umgebung.
Das Inselhotel als weiteres Projekt
Um Gäste für längere Aufenthalte zu gewinnen, eröffnete Müller 2009 nach etwa vierjähriger Bauzeit das Inselhotel in Dobbertin. Das Gebäude, eines der ältesten Häuser des Ortes aus der Zeit um 1755, war ursprünglich eine Wassermühle und das Wohnhaus des Müllers. Nach jahrelangem Leerstand sanierte er es gemeinsam mit seiner Frau Dorit kernsaniert und schuf so wieder ein „Müllerhaus“. Das Hotel mit Gästezimmern und Ferienbungalows wird nun von seinem Sohn Andreas weitergeführt.
Würdigungen und Vermächtnis
Ralf Koch betont: „Wir werden Kapitän Müller als verlässlichen Partner und engagierten Naturparkführer vermissen.“ Auch Bürgermeister Dirk Mittelstädt würdigt das jahrelange Wirken Müllers: „Als Kapitän seines Ausflugsschiffes brachte er unzähligen Gästen die Schönheit unserer Region vom Wasser aus näher. Gemeinsam mit ihm haben wir uns erfolgreich durch die drei Wettbewerbe ‚Unser Dorf hat Zukunft‘ bis zur Auszeichnung auf Bundesebene gekämpft. Auf seine Hilfe konnte man jederzeit zählen.“
Hans-Jürgen Müller hinterlässt eine Lücke in der Gemeinschaft von Dobbertin. Sein Einsatz für den Naturschutz, seine unternehmerische Weitsicht und sein unermüdliches Engagement für die Region werden in bleibender Erinnerung bleiben. Sein tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie und allen, die ihm nahestanden.



