Drama um Ostsee-Buckelwal: Tierärztin notoperiert und im Koma - Rettungsaktion vor Poel in der Krise
Die dramatische Rettungsaktion für den in der Ostsee festsitzenden Buckelwal vor der Insel Poel wird von einer schweren menschlichen Krise überschattet. Während das etwa zwölf Meter lange Tier seit Ende März die Region in Atem hält und bereits fünfmal strandete, musste die leitende Tierärztin der privaten Rettungsinitiative, Dr. Janine Bahr-van Gemmert, notoperiert werden und befindet sich weiterhin im Koma.
Kritischer Gesundheitszustand der Tierärztin
Mitinitiatorin Karin Walter-Mommert bestätigte gegenüber dem NDR den ernsten Zustand der Tierärztin: „Frau Dr. Janine Bahr-van Gemmert ist gestern Mittag mit Kreislaufsymptomen, Schlaganfall-Auffälligkeiten ins Krankenhaus gebracht worden.“ Der Rettungsdienst habe fantastisch reagiert und ihr möglicherweise das Leben gerettet. Dennoch sei die Lage nach wie vor kritisch: „Sie musste dringend notoperiert werden, ist noch nicht außer Lebensgefahr, befindet sich im Koma“, so Walter-Mommert.
Die Tierärztin fehle dem Team schmerzlich, und Walter-Mommert appellierte an alle, die das Projekt mit dem Herzen begleiten: „An dieser Stelle möchte ich alle Menschen bitten, die dieses Projekt mit dem Herzen begleiten, viel Kraft an Janine zu schicken. Du fehlst uns, Janine!“
Teamverluste und interne Konflikte
Die Rettungsinitiative verliert gleichzeitig mehrere wichtige Mitglieder. Christiane Freifrau von Gregory, die als Pressesprecherin auftrat, trat zunächst zurück, da eine konstruktive und professionelle Zusammenarbeit unter den derzeitigen Rahmenbedingungen „für uns“ nicht mehr möglich sei. Wenig später erklärte sie zwar ihre Rückkehr nach Klärung von Unklarheiten, doch der Vorfall zeigt die angespannte Situation.
Zudem ist die aus Hawaii eingeflogene Tierärztin Jenna Wallace abgereist. Sie übte in einem Facebook-Post scharfe Kritik am Umweltministerium und Minister Till Backhaus: „Ich habe in den letzten Tagen mehrfach darauf hingewiesen, dass der aktuelle ‚Plan‘, der bereits viel zu lange dauerte, Timmys Leben und Menschenleben gefährden könnte.“ Wallace warf dem Ministerium vor, keine weiteren Änderungen zuzulassen, und kritisierte auch Helfer wie Autor Sergio Barbaren und YouTuber Danny Hilse.
Zustand des Wales bleibt kritisch
Umweltminister Till Backhaus informierte über den Gesundheitszustand des Wales: „Er ist kurzatmig und hat gestern rund fünf Kilometer zurückgelegt.“ Zum Vergleich: Ein gesunder Wal legt am Tag fast das zehnfache zurück und nimmt pro Tag bis zu einer Tonne Futter auf. In den nächsten Stunden soll der Wal 2,5 Kilogramm Makrelen als Futter bekommen.
Das Tier sei zwar geschwächt, aber zugleich schwimmfähig und aktiv. „Er wolle kämpfen“, so Backhaus. Allerdings habe sich der Wal in der Nacht etwa 80 Meter zurückbewegt. Das Niedrigwasser stelle ein großes Problem dar, aber: „das kann ich nicht ändern“, erklärte der Minister.
Technische Maßnahmen und Herausforderungen
Die Rettungsaktion setzt auf verschiedene technische Lösungen:
- Der Wal wurde mit einem Peilsender ausgestattet und kann so geortet werden
- Die DLRG empfahl, gefüllte Big-Bags (Sandsäcke) in den Rücken des Wales zu stellen, um ein weiteres Rutschen ins flache Wasser zu verhindern
- Ein Bagger auf einem Ponton saugt mithilfe eines Aufsatzes Sand vom Grund ab
- Taucher setzen Seascooter ein, um bis zu 50 Zentimeter zusätzliche Wassertiefe zu schaffen
Dennoch bleibt die Situation prekär. Meeresbiologe Fabian Ritter äußerte sich kritisch: „Ich würde jetzt tatsächlich an der Stelle mal ganz deutlich sagen: Dieser Wal macht, was er will. Er ist nicht zu kontrollieren und wir müssen jetzt endgültig einsehen, dass es für uns nicht möglich ist, diesen Wal aktiv zu retten.“
Öffentliche Anteilnahme und Spendenbereitschaft
Trotz aller Schwierigkeiten zeigt die Öffentlichkeit große Anteilnahme. Die Umweltschutzorganisation WWF verzeichnete eine Vielzahl neuer Walpatenschaften - in den vergangenen vier Wochen seien 113 neue Patenschaften abgeschlossen worden, gegenüber lediglich 15 in den vier Wochen zuvor. Eine WWF-Sprecherin erklärte: „Es ist mehr Aufmerksamkeit auf dem Thema. Die Menschen wollen was tun, tippen wir.“
Auch die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd berichtet von einem deutlich gestiegenen öffentlichen Interesse aufgrund des Wales in der Ostsee. Zahlreiche Menschen hätten sich telefonisch und per E-Mail an die Organisation gewandt, um sich zu informieren oder ihre Anteilnahme auszudrücken.
Ausblick und weitere Entwicklungen
Die Rettungsaktion wird von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert finanziert. Gunz sprach von einer enormen Belastung für das ganze Team: „Wir sind alle am Ende.“ Er selbst habe seit acht Tagen nur drei bis vier Stunden pro Nacht geschlafen und sei angeschlagen. Dennoch wolle die Initiative nicht aufgeben: „Es geht auf jeden Fall weiter.“
Umweltminister Backhaus verbringt die Nacht vor Ort auf einem Fischereiaufsichtsboot, um mit einem Nachtsichtgerät zu beobachten, was weiter passiert. „An Schlaf werde nicht zu denken sein, aber er sei hart im Nehmen“, sagte er. Die Ereignisse der vergangenen Wochen hätten ihn schwer mitgenommen.
Die Polizei hat eine neue 500-Meter-Sicherheitszone errichtet, um Wal-Fans und Neugierige vom Tier fernzuhalten. Für den heutigen Tag gilt auf dem Wasser ein behördliches Fahrverbot, das auch Ausflugsschiffe zwischen der Insel Poel und Wismar betrifft.
Die dramatische Rettungsaktion vor Poel bleibt damit eine Geschichte mit ungewissem Ausgang - sowohl für den Buckelwal als auch für das engagierte Rettungsteam, das nun nicht nur um das Leben des Meeressäugers, sondern auch um das einer eigenen Tierärztin bangt.



