Von Rostock nach Olhão: Wie ein Segelabenteuer zur neuen Heimat in Portugal führte
Rostocker Segler finden in Portugal neues Zuhause nach Weltreise

Von der Ostsee zum Atlantik: Eine ungeplante Heimkehr

Auswandern bedeutet, das Vertraute hinter sich zu lassen und sich auf ein neues Leben einzulassen. Im Jahr 2024 verließen 15.315 Menschen Mecklenburg-Vorpommern, doch Ricarda Wilhelm und ihr Lebensgefährte Stefan hatten ihre Reise bereits Jahre zuvor begonnen. Was als Segelabenteuer startete, endete unerwartet in Olhão an der portugiesischen Atlantikküste – einem Ort, der heute ihr Zuhause ist.

Der Kindheitstraum wird Wirklichkeit

„Eigentlich war es Stefans Idee, von Rostock aus um die Welt zu segeln. Es war sein Kindheitstraum“, erinnert sich Ricarda Wilhelm, ehemalige Schulleiterin der Universitas. Lange schien es ein ferner Plan, doch 2017 wurde es konkret: Stefan kaufte in der Karibik einen Katamaran und segelte alleine zurück nach Rostock. Für Ricarda, Ende 40 und eigentlich mit mindestens zehn weiteren Arbeitsjahren rechnend, stand eine Entscheidung an.

„Ich bin von Natur aus nicht ängstlich und ein neugieriger Mensch“, erklärt sie. Nach sommerlichen Probetouren auf der Ostsee verkauften sie Auto und Haus, zogen auf das Boot und starteten im August 2018 Richtung Lissabon. Die Route führte durch Ostsee, Nord-Ostsee-Kanal, Nordsee, Ärmelkanal und den rauen Golf von Biscaya.

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Angst in der Biscaya und ein Bootswechsel

Anfangs war die Fahrt idyllisch: schöne Buchten, gutes Wetter, der Katamaran lag ruhig auf dem Wasser. Doch in den gewaltigen Wellen der Biscaya kehrte die Angst ein. „Das Boot ächzt und knarrt, im Dunkeln hört sich alles tausendmal schlimmer an“, beschreibt Ricarda. „Ich habe überlegt, was wir tun können, damit wir bei Tagesanbruch gerettet werden. In dieser Nacht habe ich das Vertrauen in das Boot verloren.“

Stefan suchte daraufhin ein besser geeignetes Boot für die Atlantiküberquerung. Sie fanden die „Lady Charlyette“, einen traditionellen Zweimaster, und verkauften den Katamaran in Marseille. Auf der Suche nach einem Liegeplatz an der portugiesischen Küste entdeckten sie überraschend Olhão – eine hübsche Kleinstadt, die sie sofort begeisterte. „Sollten wir eines Tages wieder an Land leben wollen, dann konnten wir uns vorstellen, hierher zurückzukehren“, sagt Ricarda.

Weltreise mit Hindernissen

Bevor sie 2019 das neue Boot bezogen, bereisten sie Asien von Dubai bis Laos – eine Reise, die Grundlage für Ricardas Buch „Aida – muss das sein?“ wurde. Insgesamt hat sie zwölf Reisebücher verfasst und liest daraus auch online vor. „Mit dem Schreiben ist für mich ein bisschen wie mit einer Fliege in einem Bernstein. Die ist dort für die Ewigkeit“, erklärt sie.

2020 überquerten sie den Atlantik und landeten pünktlich zum weltweiten Corona-Lockdown in der Karibik. „Das klingt schöner als es ist“, erinnert sie sich. Hurrikane zwangen sie, das Boot nach Aruba zu bringen und Teile der USA sowie Mexikos auf dem Landweg zu erkunden. 2021 segelten sie zu den Azoren, Kanaren, Kapverden und zurück in die Karibik.

Von der Karibik in den Pazifik

2022 bereisten sie die Britischen Jungferninseln, Brasilien, Kolumbien, Ecuador, die Galapagos-Inseln und Peru. Durch den Panamakanal ging es zu den „Perleninseln“ und weiter über den Pazifik nach Polynesien. „Diese Art zu segeln ist nicht vergleichbar mit einem Sonntagstörn auf der Ostsee“, lacht Ricarda. „Hier geht es darum, von A nach B zu kommen. Und die Entfernungen sind weit.“

In Polynesien verbrachten sie gut 18 Monate, fasziniert von Orten wie den Marquesas-Inseln, dem Tuamotu-Atoll und Tahiti. „Hier hätten wir bleiben können“, gesteht sie. „Wäre da nicht die riesige Entfernung zu den Menschen, die uns wichtig sind. Einmal um die halbe Erde ist dann doch sehr weit weg.“

Die Entscheidung für ein festes Zuhause

2024 reisten sie weiter – nicht mehr per Boot, sondern per Flug nach Australien und Neuseeland. Zurück in Europa tauschten sie den Segler gegen ein elektrisches Binnenboot und suchten ein neues Zuhause. Die Wahl fiel auf Olhão, wo sie sich sofort wieder wohlfühlten. Seit 2025 leben sie dort in einem eigenen Haus.

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„Wenn ich heute in unserem neuen Zuhause aufwache, frage ich mich als erstes ‚was liegt heute an‘ und nicht mehr ‚wo bin ich eigentlich‘“, sagt Ricarda. „Ich höre wieder das Zwitschern der Vögel. Das fehlte während der Jahre auf dem Boot.“ Heute kennt sie den Bäcker, lernt Nachbarn kennen und übt Portugiesisch. Für Familie und Freunde ist Portugal deutlich näher als Polynesien – ein gelungener Abschluss einer abenteuerlichen Reise.