Rostocks Tatra-Straßenbahnen aus DDR-Zeiten: Robuste Helfer im Wintereinsatz
In Rostock sorgen umgebaute Tatra-Straßenbahnen aus DDR-Zeiten dafür, dass der öffentliche Nahverkehr auch bei frostigen Temperaturen reibungslos funktioniert. Die Rostocker Straßenbahn AG (RSAG) setzt die robusten Fahrzeuge vom Typ T6A2 des tschechoslowakischen Herstellers ČKD ein, die sich besonders im Winter als unverzichtbar erweisen. Während moderne Bahnen bei Eis und Schnee an ihre Grenzen stoßen, beweisen die alten Tatras ihre Zuverlässigkeit und halten das Schienennetz in Bewegung.
Historische Fahrzeuge mit moderner Aufgabe
Die ersten Tatra-Wagen wurden im Dezember 1989 nach Rostock geliefert, kurz nach dem Mauerfall, aber noch vor der deutschen Wiedervereinigung. Nach 25 Jahren im Linienbetrieb gingen die meisten dieser Schienen-Ikonen in Rente, doch drei Fahrzeuge sind bis heute im Einsatz: zwei Arbeitswagen und ein Traditionswagen. Die umgebauten Arbeitswagen spielen eine zentrale Rolle für die RSAG, insbesondere in den Wintermonaten. Sie sind mit einem Pflug ausgestattet, um bei Schneefall freie Schienen zu gewährleisten, und übernehmen kritische Aufgaben wie das Eisfrei-Halten der Oberleitungen.
Tim Pathenheimer, ein 28-jähriger Betriebshandwerker und Gleisbauer bei der RSAG, erklärt die Bedeutung der Tatras: „Die alten Tatras haben lange das Stadtbild in Rostock geprägt.“ Früher als Linienfahrzeuge unterwegs, sind sie heute als Arbeitswagen mit den Nummern 551 und 552 im Einsatz. Pathenheimer, der seine Ausbildung bei der RSAG absolvierte, fährt die Tatra selbst und ist für den Winterdienst verantwortlich. „Meine Aufgabe ist es, in den Wintermonaten die Oberleitungen eisfrei zu halten. Dafür wurde der Wagen speziell umgebaut.“
Innovative Technik gegen Eis und Frost
Um die Oberleitungen eisfrei zu halten, verwendet die RSAG ein umweltfreundliches System, das Glycerin auf die Leitungen sprüht. Dieses hygroskopische Mittel zieht Wasser an und verhindert so die Bildung von Eis. Pathenheimer betont die Vorteile dieser Methode: „Gerade bei der Deutschen Bahn sieht man häufig morgens, wenn eine Weile nichts gefahren ist, dass es dann an der Oberleitung blitzt. Das ist schlecht für die Komponenten.“ Im Gegensatz zu neueren Fahrzeugen, die bei Spannungsschwankungen anfälliger sind, zeigt die Tatra-Technik hier ihre Robustheit.
Tagsüber ist das kein großes Problem, da regelmäßig Straßenbahnen die Oberleitungen passieren. Nachts jedoch, während der Betriebsruhe, sind Pathenheimer und seine Kollegen mit den Tatras unterwegs, um das gesamte Netz von 35,62 Kilometern Doppelgleis abzufahren und eisfrei zu machen. „Wir sorgen dafür, dass die Frühschicht keine Probleme bei der Ausfahrt hat.“ Die Tatras werden genutzt, weil sie bereits im Bestand sind und keine neuen Fahrzeuge angeschafft werden müssen. Zudem ist ihre Technik laut Pathenheimer „noch ein bisschen robuster“ als bei modernen Modellen.
Bewährte Leistung in extremen Situationen
Ein Beispiel für die Zuverlässigkeit der Tatra ereignete sich im vergangenen Jahr, als plötzlich Eisregen einsetzte. Pathenheimer berichtet: „Da haben wir gemerkt, dass sowohl die älteren als auch die neueren Fahrzeuge an ihre Grenzen kamen, und ich immer noch fahren konnte.“ Auch in diesem Winter hat die Tatra nicht gestreikt, obwohl es vereinzelt zu Herausforderungen kam. „Vor zwei Jahren hatte ich einmal das Pech, dass ich kurze Zeit keinen Kontakt zur Oberleitung hatte, weil der Eispanzer doch recht doll war.“ Ein Neustart des Fahrzeugs löste das Problem, und die Fahrt konnte fortgesetzt werden.
Die Sprühvorrichtung der Tatra passt sich automatisch der Geschwindigkeit an: Je langsamer gefahren wird, desto weniger Glycerin wird versprüht. „Es wurde festgestellt, dass 20 km/h das Beste ist, weil dann das Glycerin genug Zeit hat, an der Oberleitung haftenzubleiben.“ Zusätzlich verfügt die Tatra über eine Heizung am Stromabnehmer, die auch in Linienfahrzeugen verbaut ist. Der Einsatz erfolgt bereits bei Temperaturen um vier oder fünf Grad, da die Oberleitung höher liegt und an der Küste Faktoren wie Luftfeuchtigkeit und Wind die Eisbildung begünstigen können.
Nachts, wenn Rostocks Straßenbahngleise leer sind, kämpft sich diese Ikone der Ost-Technik durch die Stadt und sichert den reibungslosen Betrieb. Ihre historische Herkunft und anhaltende Robustheit machen sie zu einem Symbol für praktische Ingenieurskunst, die auch nach Jahrzehnten noch ihren Wert unter Beweis stellt.



