Nach fast zweiwöchiger Unterbrechung hat Familie Bocklage ihren Fährbetrieb zwischen Altwarp in Vorpommern-Greifswald und Nowe Warpno (Neuwarp) in Polen am Donnerstag wieder aufgenommen. Die Stimmung an Bord des Kutters Lütt Matten ist jedoch gedrückt. Seitdem Familienvater Martin Bocklage sich an der versuchten Rettung von Buckelwal Timmy beteiligt hat, erhalten er und seine Kinder Beleidigungen, die bis hin zu Todesflüchen reichen.
Hasswelle gegen den Kapitän
„Der Druck auf meinen Mann ist unfassbar groß“, sagte Christine Bocklage auf Nachfrage. Ein Blick auf die Facebook-Seite des Kutters Lütt Matten lässt erahnen, welchem Shitstorm das am Stettiner Haff ansässige Familienunternehmen aktuell ausgesetzt ist. Zusätzlich gehen unzählige Droh-Mails ein. „Es gibt eine Welle an Beleidigung, Bedrohungen und Verleumdungen, mit denen wir niemals gerechnet haben. Es ist alles nicht mehr zu fassen“, berichtet Christine Bocklage. Sie und ihr Mann hätten mehrere Strafanzeigen erstattet. Der Schutz ihrer Kinder stehe nun im Vordergrund.
Die Rettungsaktion und ihre Folgen
Anlass der Hassflut ist Martin Bocklages Einsatz als Kapitän der Robin Hood auf der Ostsee vor Wismar und zuletzt auf der Nordsee. „Wie ein Taxifahrer“ sei er gebucht worden, um den bei Poel gestrandeten Buckelwal in einer am Heck befestigten Konstruktion in tiefere Gewässer zu schleppen. Entscheidungen hätten andere getroffen. Ob die Aktion geglückt ist, bleibt weiter unklar: Der Wal wurde am 2. Mai im Skagerrak ins Meer entlassen und seither nicht mehr gesehen, niemand weiß, ob er lebt. Spekulationen über Fehler und unkluge Ideen bis hin zu Tierquälerei häufen sich seither vor allem in den sozialen Medien. Eine der Zielscheiben ist neben Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus auch Martin Bocklage aus Altwarp.
Kapitän Bocklage äußert sich
Er möge „verrecken“, heißt es im Internet – und das ist nicht mal das Schlimmste, was dem 42-Jährigen und seiner Familie gewünscht wird. Seine Kinder, 11 und 14 Jahre alt, bekämen alles mit. „Wenn das nächste Mal ein Wal strandet, hilft garantiert keiner mehr“, sagte der Unternehmer am Nordkurier-Telefon. Er habe unterstützen wollen und nichts Böses geahnt, als er den Auftrag annahm und ab dem 19. April in Wismar mit dem Schlepper bereitlag.
Schnell sei aber alles eskaliert. „Die Experten haben sich unentwegt gestritten und keine wirkliche Idee gehabt, was zu tun ist“, sagt Bocklage. Er selbst habe deren Aufträge ausgeführt. Ob der Wal alles überlebt hat, wisse auch er nicht. Fidel habe das rund zwölf Meter lange Tier bis zum Schluss gewirkt, schätzt er ein: „Der hat getobt in dem Becken, und seine Haut sah immer frischer aus.“ Anfangs in der Ostsee habe das Tier grau und eingefallen gewirkt. Doch je weiter der Schleppverband Richtung Atlantik kam, desto frischere Farbe habe es angenommen und sich auch zunehmend munterer verhalten.
Mit Seilen ins Meer gezogen worden – wie vielfach behauptet – sei der Riese aber nicht. Vielmehr sei das ganze Dock, auf dem er lag, unter ihm weggezogen worden. Er hoffe sehr, dass Timmy lebt und es ihm endlich gut geht, sagt Martin Bocklage. Er selbst fahre inzwischen wieder die Fähre zwischen Deutschland und Polen. Noch halte sich die Fahrgastzahl in Grenzen, aber spätestens in der anstehenden Herrentags-Woche werde sich das erfahrungsgemäß ändern. Am Freitag stehe für seinen Betrieb überdies eine Seebestattung an.



