Die wilde Seite der Ostsee: Nordwestmecklenburgs ursprüngliche Küste
Ganz in der Nähe von Wismar und der Insel Poel offenbart die Ostsee ein völlig anderes Gesicht als in den bekannten Seebädern. Statt aufpolierter Ferienkulissen mit Promenaden und Seebrücken präsentiert sich dieser Küstenabschnitt zwischen Priwall und fast bis Boltenhagen wild, geschichtsträchtig und erstaunlich ursprünglich.
Naturbelassene Küstenlandschaften statt touristischer Infrastruktur
Während andere Ostseeregionen mit neuen Seebrücken, Promenaden und Erlebnisangeboten um Gäste werben, ist die Küste Nordwestmecklenburgs oft noch naturbelassen. Steilküsten, Geröll- und Kiesstrände, Dünen, Salzwiesen und Küstenwälder bestimmen das Bild. Feiner, weißer Sand ist hier eher die Ausnahme – stattdessen liegen Steine, Kies und oft auch angespülte Baumstämme am Ufer.
Zwischen Orten wie Barendorf, Brook, Warnkenhagen und Groß Schwansee finden Urlauber keine Bettenburgen, sondern kleine Dörfer mit Pensionen, Ferienwohnungen und Gasthöfen. Der Tourismus ist zwar vorhanden, aber deutlich zurückhaltender organisiert als in den großen Ostseebädern.
Schutzgebiete prägen das sensible Ökosystem
Ein Grund für diese Ursprünglichkeit ist der hohe Schutzstatus vieler Flächen. In der Wismarbucht und entlang dieses Küstenstreifens liegen mehrere Schutzgebiete, darunter Vogelschutz- und Flora-Fauna-Habitat-Gebiete des europäischen Natura-2000-Netzes. Hinzu kommen Naturschutzgebiete wie Tarnewitzer Huk, Walfisch, Langenwerder oder Rustwerder bei Poel.
Diese Vielfalt macht die Region ökologisch besonders wertvoll. Fels- und Steilküsten, verschiedene Dünentypen, Salzwiesen und Wälder bieten Lebensraum für seltene Arten wie Uferschwalben und Fischotter. In den küstennahen Bereichen finden auch Robben und Schweinswale Nahrung.
Natururlaub mit klaren Verhaltensregeln
Der Schutzstatus hat konkrete Auswirkungen für Besucher. Viele Strandzugänge verlaufen nur über ausgewiesene Wege, Hunde müssen an die Leine genommen werden, und offenes Feuer ist verboten. Auch das Sammeln von Pflanzen, Federn, Muscheln oder Sand ist in einigen Bereichen untersagt, um die sensible Flora und Fauna nicht zu stören.
Trotz dieser Einschränkungen – oder gerade deshalb – eignet sich die Region besonders gut für Menschen, die an der Ostsee weniger touristische Infrastruktur und mehr unberührte Landschaft erleben möchten. Urlaub bedeutet hier nicht Strandkorb und Promenade, sondern Wind, Weite und den Blick für natürliche Details am Wegesrand.
Steinbeck: Kilometerlange Steilküste als Naturhighlight
Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Steilküste bei Steinbeck, die sich kilometerweit in Richtung Lübeck und Priwall erstreckt und als einer der eindrucksvollsten Naturstrände der Gegend gilt. Dort laden einsame Abschnitte zu langen Spaziergängen ein, vorbei an lehmigen Abbrüchen, Findlingen und angespülten Baumstämmen.
Mit etwas Glück lassen sich hier besondere Fundstücke entdecken: Hühnergötter, Donnerkeile, Muscheln oder sogar Bernstein. Die Wohlenberger Wiek zeigt ebenfalls die Vielseitigkeit dieser Küstenregion mit breiten Flachwasserzonen, Sand- und Grünstränden sowie schilfbewachsenen Abschnitten.
Historische Dimension: Vom Grenzgebiet zum Erholungsraum
Die Region ist nicht nur landschaftlich besonders, sondern auch historisch bedeutsam. Vor allem an der Steilküste Steinbeck wird sichtbar, dass dieser Küstenraum lange Zeit Grenzgebiet war. Zu DDR-Zeiten war der Verlauf entlang der Lübecker Bucht mit doppeltem Stacheldrahtzaun und Kontrollstreifen gesichert.
Zwischen Rosenhagen und Steinbeck lag damals ein rund 500 Meter tiefer Schutzstreifen. Am westlichen Rand entstand zwischen Priwall und dem Fischerdorf Brook eine 13 Kilometer lange und 3,4 Meter hohe Sperrmauer. Äcker und Dörfer im Grenzstreifen wurden eingeebnet, die Ostsee durfte dort nicht befischt werden.
Heute verläuft an Teilen dieser Landschaft der Ostseeküstenradweg. Wer dort unterwegs ist, fährt also nicht nur an einer der ursprünglichsten Küsten Mecklenburg-Vorpommerns entlang, sondern auch durch einen Raum, dessen heutige Ruhe und Weite eine bewegte Geschichte haben.



