Harald Meller: Der Architekt des archäologischen Aufbruchs in Sachsen-Anhalt
Harald Meller: Architekt des archäologischen Aufbruchs

Harald Meller: Vom Sanierungsfall zum internationalen Leuchtturm

Als Harald Meller am 1. März 2001 sein Amt als Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt antrat, befand sich das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle in einem desolaten Zustand. Die Dauerausstellung war abgebaut, das Gebäude sanierungsbedürftig und wichtige Funde lagerten verstreut in Scheunen im ganzen Land. Es gab weder ein zentrales Magazin noch eine moderne Restaurierungswerkstatt, und sogar die Zukunft des Hauses stand infrage.

Ein Vierteljahrhundert des Wandels

Heute, 25 Jahre später, präsentiert sich das Landesmuseum Halle als international vernetzte, baulich sanierte und wissenschaftlich hochrenommierte Institution. Die Archäologie in Sachsen-Anhalt gilt mittlerweile als echtes Erfolgsmodell, und Harald Meller, 65, ist ihr unverkennbares Gesicht. „Harald Meller hat für die Archäologie in Sachsen-Anhalt und auch darüber hinaus unheimlich viel erreicht“, betont Carola Metzner-Nebelsick, Leiterin des Lehrstuhls für Vor- und Frühgeschichte an der Universität München.

Der Einstieg mit der Himmelsscheibe

Der eigentliche Wendepunkt kam 2002, als nach einer fingierten Verkaufsaktion in Basel die berühmte Himmelsscheibe von Nebra sichergestellt wurde. Schon im April desselben Jahres wurde die Scheibe erstmals öffentlich gezeigt und lockte knapp 11.000 Besucher in nur zwei Wochen an. Die bronzene Scheibe mit ihren Goldapplikationen, die Sonne, Mond und Sterne darstellen, entwickelte sich zum „Jahrhundertfund“.

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Meller spricht von einem „absoluten Schub“, den sein Fach durch die Himmelsscheibe erhielt. Die Forschungen zur Scheibe und ihrem kulturhistorischen Kontext führten zu bahnbrechenden Entdeckungen wie dem wiederentdeckten Großgrabhügel Bornhöck oder dem Ringheiligtum in Pömmelte. Im Jahr 2013 wurde die Himmelsscheibe schließlich in die Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO aufgenommen und avancierte damit endgültig zum globalen Markenzeichen sachsen-anhaltischer Archäologie.

Wissenschaftliche Meilensteine und internationale Vernetzung

Doch die Erfolgsgeschichte blieb nicht auf einen Sensationsfund beschränkt. Bereits 2008 gelang mit Hilfe der DNA-Erbgutanalyse an den Familiengräbern von Eulau der erstmalige genetische Nachweis einer Kernfamilie in der europäischen Vorgeschichte. Dieser Durchbruch fand sogar Eingang in das „Time Magazine“, das die Eulauer Familie in die Liste der zehn wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen des Jahres 2008 wählte.

Heute kooperiert das Museum mit rund 280 Forschungspartnern weltweit, publiziert regelmäßig in internationalen Fachzeitschriften und verleiht Objekte in alle Welt – von Madrid über Rom und Paris bis nach Nagoya in Japan und in die USA. Unter Mellers Verantwortung entstanden etwa 17 große Sonderausstellungen in Halle sowie rund 50 weitere Projekte in Kooperation mit nationalen und internationalen Partnern.

Niederlagen und unerfüllte Wünsche

Trotz aller Erfolge kennt Harald Meller auch Enttäuschungen. Als Vorstandsmitglied des Naturkundemuseums der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg setzt er sich seit Jahren für ein eigenständiges Naturkundemuseum in Halle ein. Die Fossilien des Geiseltals – Zeugnisse der Wirbeltierentwicklung vor 50 Millionen Jahren – zählen zu den bedeutendsten Sammlungen weltweit, doch eine große Präsentation bleibt bislang aus. „Das empfinde ich als Niederlage“, gesteht der Landesarchäologe.

Auch denkmalpflegerische Entscheidungen in Halle sieht Meller kritisch, etwa die Pflasterung des Marktplatzes mit schwarzem Granit aus China statt regionalem Porphyr. Für den streitbaren Wissenschaftler sind solche Fragen mehr als Detailfragen: Sie betreffen die regionale Identität.

Das nächste Großprojekt: Otto Imperator

Sein nächstes Großprojekt steht bereits fest: Für 2029 plant Harald Meller eine große Ausstellung zum Thema „Otto Imperator. Archäologie der Ottonenzeit“ mit Leihgaben aus ganz Europa und den neuesten archäologischen Entdeckungen. Geplant sind Korrespondenzstandorte von Memleben bis Magdeburg, die Eröffnung der Schau ist für Frühling 2029 vorgesehen. Am 1. Januar 2030 will der Landesarchäologe schließlich in den Ruhestand gehen.

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Eine Bilanz nach 25 Jahren

Mellers Bilanz nach einem Vierteljahrhundert fällt selbstbewusst aus: „Die Archäologie produziert kontinuierlich gute Nachrichten in einer oft von Krisen dominierten Welt.“ Die Besucherzahlen belegen, dass das Museum auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist. Vor allem aber habe die Himmelsscheibe Mitteldeutschland nachhaltig auf die archäologische Weltkarte gesetzt.

„Ich werde weiterhin in Halle wohnen und wenn ich gesund bleibe, forsche ich weiter“, verspricht der Landesarchäologe. Was 2001 als Sanierungsfall begann, ist heute ein internationaler Leuchtturm – und Harald Meller bleibt unbestritten sein Architekt.