Machtkampf in Sachsens AfD: Chrupallas Musterländle gerät ins Wanken
Ausgerechnet in der bisher als disziplinierte Hochburg geltenden sächsischen AfD bricht ein offener Machtkampf aus. Beim Landesparteitag im ostsächsischen Löbau wurden tiefe Risse innerhalb des Verbandes sichtbar, der als Heimatbasis von Bundesvorsitzendem Tino Chrupalla gilt.
Der Mythos der stillen Maschine bröckelt
Lange Zeit galt Sachsen als die stille Maschine der AfD: mit hohen Wahlergebnissen, wenig internen Streitigkeiten und einer klaren politischen Linie. Doch dieser Mythos bröckelt nun deutlich. Beim Parteitag in Löbau trat zutage, was intern bereits seit längerer Zeit gärte:
- Wachsendes Misstrauen zwischen verschiedenen Parteiflügeln
- Persönliche Eitelkeiten und Machtansprüche
- Viele unerledigte politische und persönliche Rechnungen
Den Auftakt der innerparteilichen Turbulenzen bildete die Wiederwahl von Landeschef Jörg Urban. Während er vor zwei Jahren noch beeindruckende 92 Prozent der Delegiertenstimmen erhalten hatte, musste er sich diesmal mit nur 76 Prozent begnügen. Noch deutlicher traf es seinen Generalsekretär Jan Zwerg, der lediglich 66 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte.
Urban unter Druck: Verwaltet mehr als er führt
Viele Parteimitglieder äußerten im Nachgang kritische Stimmen gegenüber Urban. Der Vorwurf: Er verwaltet mehr, als dass er führt. Es fehle an politischer Attacke und notwendiger Strahlkraft. Ein Funktionär, der zwar Akten sortiere, aber keine Wahlen gewinne.
Diese Kritik speist sich aus den beiden gescheiterten Landtagswahlkämpfen 2019 und 2024, in denen Urban jeweils als Spitzenkandidat gegen CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer antrat. Zwar erreichte die AfD starke Ergebnisse um die 30 Prozent, verlor am Ende jedoch knapp gegen die Union. Dies kratzt am Selbstverständnis einer Partei, die sich längst als künftige Regierungspartei sieht.
Dennoch zeigte Urban beim Parteitag keine Anzeichen eines Rückzugs. Im Gegenteil: Er kündigte selbstbewusst an, auch 2029 wieder als Spitzenkandidat antreten zu wollen. Doch ob er dann noch der Richtige für diese Aufgabe ist, daran zweifeln inzwischen viele innerhalb der Partei.
Chrupallas stiller Plan: Ministerpräsident werden
Im Hintergrund arbeitet bereits ein anderer an seiner politischen Zukunft: Bundesvorsitzender Tino Chrupalla. Nach außen gibt sich der Parteichef betont gelassen, doch intern gilt es als offenes Geheimnis, dass Sachsen sein erklärtes Ziel ist. Die Mission lautet: Ministerpräsident 2029.
Für Chrupalla hätte dieser Schritt besonderen Charme: Raus aus dem bundespolitischen Hamsterrad, rein in eine konkrete Machtoption auf Landesebene. Allerdings müsste dafür zunächst Jörg Urban weichen oder gewichen werden. Genau an diesem Punkt beginnt der eigentliche Konflikt innerhalb der sächsischen AfD.
Krach mit Krah: Richtungsstreit wird öffentlich
Als wäre der Machtkampf um die Führungsposition nicht genug, eskalierte gleichzeitig ein weiterer Konflikt. Chrupalla nutzte den Parteitag für eine deutliche Breitseite gegen seinen parteiinternen sächsischen Gegenspieler Maximilian Krah.
Der als rhetorisch versiert geltende Krah genießt an der Basis nach wie vor große Beliebtheit – trotz oder gerade wegen seiner verschiedenen Skandale. Er konterte Chrupallas Angriffe umgehend über soziale Medien und im Hintergrund bei seinen Getreuen.
Im Visier von Krahs Kritik steht besonders Chrupallas außenpolitischer Kurs, insbesondere die Forderung nach einem Abzug der US-Truppen aus Deutschland. Diese Position sei politisch unklug und strategisch brandgefährlich. Wer die AfD koalitionsfähig machen wolle, dürfe nicht ständig neue politische Baustellen aufreißen.
Offene Attacken aus den eigenen Reihen
Die Hemmungen für öffentliche Auseinandersetzungen fallen zusehends. Chrupalla-Vertrauter und EU-Abgeordneter Siegbert Dröse griff Krah indirekt frontal an und sprach über den faulsten Abgeordneten im Bundestag. Solche Äußerungen klingen nicht nach einer geschlossenen Partei, sondern nach offenem innerparteilichen Straßenkampf.
Auch in Chemnitz hängt der Haussegen schief. Dort ist die Wut groß, weil der Landesverband bei der Bundestagswahl vor einem Jahr den Parteiveteranen Alexander Gauland als Kandidaten durchsetzte – gegen den eigenen lokalen Kandidaten vor Ort. Die Botschaft an die Basis ist deutlich: Eure Interessen werden übergangen.
Viele Baustellen – wer zieht die Fäden?
Die Liste der Konflikte innerhalb der sächsischen AfD wird immer länger:
- Personalfragen und Nachfolgedebatten
- Richtungsstreitigkeiten in der Außenpolitik
- Gekränkte Eitelkeiten und Machtansprüche
- Spannungen zwischen Basis und Parteiführung
Mittendrin in diesem Wirrwarr steht Tino Chrupalla. Parteifreunde berichten, dass er im Hintergrund längst die Strippen ziehe, Mehrheiten teste und Verbündete positioniere. Der eigentlich als Routineveranstaltung geplante Landesparteitag entwickelte sich so zu einem politischen Stresstest für die gesamte Partei.
Oder anders ausgedrückt: Der Firnis ist ab. Sachsens AfD wirkt plötzlich nicht mehr wie eine straff geführte politische Machtmaschine, sondern eher wie ein aufgeschreckter Haufen, der seine politische Richtung sucht.
Während vorn offen gestritten wird, läuft im Hintergrund längst das eigentliche Spiel: Wer führt die AfD in Sachsen in die entscheidende Schlacht um die politische Macht im Freistaat? Die Antwort auf diese Frage dürfte die Partei noch lange beschäftigen und möglicherweise nachhaltig verändern.



