Sachsen: Ausstieg aus Extremismus verdoppelt sich - Programm mit wachsender Nachfrage
Ohne enge und professionelle Begleitung gelingt der Ausstieg aus einer radikalen Szene in den meisten Fällen nicht. In Sachsen sieht sich ein entsprechendes Aussteigerprogramm aktuell mit einer deutlich wachsenden Zahl von Anfragen konfrontiert, was auf eine steigende Dynamik in diesem Bereich hindeutet.
Verdopplung der Ausstiegsfälle im Jahr 2025
Das sächsische Aussteigerprogramm für Extremisten hat im vergangenen Jahr insgesamt 18 Betroffene intensiv begleitet und unterstützt. Von diesen 18 Personen waren 15 eindeutig dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen. In zwei weiteren Fällen ging es um einen Ausstieg aus der linksextremen Szene, und in einem Einzelfall handelte es sich um Islamismus. Diese Zahlen gehen aus der offiziellen Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Abgeordneten Juliane Nagel von der Linken im Sächsischen Landtag hervor.
Der Bedarf an Ausstiegshilfen hat sich gegenüber den Vorjahren mehr als verdoppelt. In den Jahren 2023 und 2024 wurden jeweils nur neun neue Ausstiegsfälle in das Programm aufgenommen, während es 2025 bereits 18 waren. Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende Relevanz und Notwendigkeit solcher Programme in der heutigen Zeit.
Breite Beratungstätigkeit für Betroffene und Umfeld
Seit dem Jahr 2021 hat das Aussteigerprogramm insgesamt 52 Personen beraten, die aktiv den Wunsch äußerten, ihrer extremistischen Szene den Rücken zu kehren. Davon stammten 40 Personen aus dem rechtsextremen Umfeld, was einen deutlichen Schwerpunkt in der Arbeit des Programms markiert. Darüber hinaus kamen 87 Fälle hinzu, in denen Angehörige, Freunde oder das weitere soziale Umfeld der Betroffenen um Hilfe und Unterstützung baten.
Das Programm leistete außerdem in 78 konkreten Fällen fachliche Unterstützung für verschiedene Fachkräfte und Institutionen. Dazu zählen beispielsweise Vereine, Schulen und Unternehmen, die mit extremistischen Tendenzen konfrontiert sind und professionelle Beratung benötigen.
Neue Einzelberatung für junge Menschen aus der Neonazi-Szene
Für junge Menschen, die sich in der Neonazi-Szene befinden, gibt es nun eine spezielle und neu eingeführte Einzelberatung. Ziel dieses spezifischen Angebots ist es, Radikalisierungsprozesse frühzeitig zu unterbrechen oder im Idealfall vollständig zu verhindern. Den jungen Menschen soll eine Distanzierung von neonazistischen Haltungen, Verhaltensweisen und Szenen ermöglicht werden.
Gleichzeitig werden gewalt- und straffreie Verhaltensweisen, eine verbesserte Impulskontrolle sowie eine gesteigerte Diskursfähigkeit erarbeitet und gefördert. Dabei sollen gezielt Perspektiven und soziale Kontakte außerhalb der extremistischen Szene aufgebaut und gestärkt werden, wie das Sächsische Innenministerium in einer offiziellen Mitteilung betonte.
Politische Bewertung und Wirksamkeit des Programms
Die Abgeordnete Juliane Nagel äußerte sich in einer Stellungnahme kritisch, aber grundsätzlich positiv zu den Aussteigerbemühungen: „Auch wenn mich persönlich nicht jede der gelegentlich öffentlich dargestellten Aussteiger-Geschichten vollständig überzeugt: Man sollte froh und dankbar sein über jeden Einzelnen, der es schafft, rauszukommen.“ Jeder Mensch, der die extreme Rechte wirklich und nachhaltig hinter sich lasse, schwäche diese Szene insgesamt und trage zu einer Entspannung der gesellschaftlichen Lage bei.
Nagel betonte ausdrücklich, dass das sächsische Aussteigerprogramm in der Praxis funktioniere und seine Wirksamkeit unter Beweis gestellt habe. Die steigenden Fallzahlen und die wachsende Nachfrage nach Beratung und Unterstützung zeigen, dass solche Programme einen unverzichtbaren Beitrag zur Bekämpfung von Extremismus und zur Stärkung der demokratischen Gesellschaft leisten.



