Olympia-Aus: Welche Konsequenzen der enttäuschende Eishockey-Auftritt nach sich zieht
Olympia-Aus: Konsequenzen des enttäuschenden Eishockey-Auftritts

Olympia-Aus: Welche Konsequenzen der enttäuschende Eishockey-Auftritt nach sich zieht

Nach dem kläglich verpassten und möglicherweise einmaligen olympischen Abenteuer hatten die deutschen Eishockeyspieler endgültig genug von Mailand. Der erste Shuttle transportierte die NHL-Stars um Leon Draisaitl bereits in den frühen Morgenstunden des Donnerstags aus dem olympischen Dorf zum Flughafen, um die Rückreise nach Nordamerika anzutreten.

„Es ist eine große verpasste Chance“, erklärte der zweifache Stanley-Cup-Sieger Nico Sturm kurz vor seiner Abreise aus Mailand, weniger als 16 Stunden nach dem 2:6-Viertelfinal-Debakel gegen die Slowakei. Ob sich diese Gelegenheit mit der „goldenen“ deutschen NHL-Generation jemals wiederholt, ist ein Jahr vor der Heim-WM mehr als fraglich. Bereits bei der Weltmeisterschaft im Mai in der Schweiz werden voraussichtlich kaum einer der aktuellen NHL-Topspieler zur Verfügung stehen, da die meisten in aussichtsreichen Playoff-Rennen stecken.

Die Zukunft der goldenen Generation

Bei den nächsten Winterspielen in vier Jahren wird Draisaitl mit dann 34 Jahren kaum mehr zu den drei bis fünf besten Spielern der Welt zählen. Auch Sturm ist dann 34 und Torhüter Philipp Grubauer sogar schon 38. Aus der Jugend kommt abgesehen vom 16-jährigen Top-Talent Max Penkin so gut wie kein Nachwuchs nach. Künftige Weltklassespieler mit der Klasse von Draisaitl, Tim Stützle oder Moritz Seider sind derzeit nicht in Sicht.

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„Wir haben Strukturen geschaffen, die wirklich gut sind. Aber jetzt muss aus der Struktur die Qualität kommen und da muss der nächste Schritt her“, betonte der Sportvorstand des Deutschen Eishockey-Bundes, Christian Künast. Doch dieser nächste Schritt lässt auf sich warten.

Enttäuschende Leistung trotz guter Ausgangslage

Platz sechs bei einem olympischen Turnier, bei dem erstmals seit 2014 wieder die besten Spieler der Welt dabei waren, klingt auf dem Papier nicht schlecht. „Wenn uns vor dem Turnier jemand gesagt hätte, wir scheiden im Viertelfinale aus, hätten wir wahrscheinlich gesagt: Ist okay. Aber die Art und Weise, wie wir hier gespielt haben, ist ja völlig enttäuschend“, gab Sturm ehrlich zu.

Besonders bitter: Aufgrund des seltsamen Olympia-Modus bot sich für die erstmals mit echten NHL-Topspielern gespickte DEB-Auswahl eine günstige Gelegenheit, die die Spieler selbst kaum fassen konnten. Ein Viertelfinale gegen die personell in der Spitze weniger gut besetzten Slowaken, die jedoch als Team wesentlich besser funktionierten. „Wir waren ein sehr, sehr gutes Team außerhalb des Eises. Auf dem Eis sind wir es nie so richtig geworden“, analysierte Künast im ZDF.

Integrationsprobleme und taktische Schwächen

Dass es einer Herkulesaufgabe gleicht, die neun Profis aus Nordamerika – die bis auf Draisaitl erst nach der Eröffnungsfeier in Mailand eintrafen – in ein ansonsten fast ausschließlich aus DEL-Spielern bestehendes Team zu integrieren, wurde vom Bundestrainer teilweise barsch zurückgewiesen. Dabei hatten selbst Führungsspieler vor dem Turnier betont, wie wichtig ein schnelles Zusammenfinden sei. Warum dies anderen Nationen wie der Slowakei deutlich besser gelang, will Künast nun genau analysieren.

Sportvorstand kündigt ehrliche Analyse an

„Da müsst ihr uns ein bisschen Zeit geben“, erklärte der Sportvorstand, während der neue DEB-Vorstandsvorsitzende Frank Lutz bei Olympia komplett abtauchte und nicht einmal öffentlich in Erscheinung trat.

Beinahe schien es, als stünden bei Olympia zwei Nationalteams auf dem Eis: Die hochtalentierten NHL-Spieler, an denen das kümmerliche Auftreten sicher nicht lag, und die DEL-Spieler, die auf dem absoluten Top-Niveau erschreckend überfordert wirkten. Die einzige taktische Ausrichtung schien darin zu bestehen, den Puck wann immer möglich Draisaitl, Stützle und Co. zuzuspielen – frei nach dem Motto: Die werden es schon richten.

Bundestrainer räumt Fehler ein

Bundestrainer Harold Kreis (67), dessen Vertrag von Künast ohne Druck schon vor Olympia bis zur Heim-WM im kommenden Jahr verlängert worden war, gestand Fehler ein. „Die Frage ist vielleicht berechtigt, ob ich die zu viel eingesetzt habe“, räumte Kreis ein, angesprochen auf die sehr einseitig verteilten Eiszeiten zugunsten der NHL-Topspieler.

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Auch die automatische Zuweisung der Kapitänsrollen an die drei größten NHL-Stars Draisaitl, Seider und Stützle trug kaum zur Bildung einer homogenen Einheit bei. Wie wichtig etwa der langjährige – für Olympia dann aber abgesetzte – Kapitän Moritz Müller (39) immer noch ist, wurde in Mailand deutlich. Als es nicht lief, war er es, der mit Einsatz auf dem Eis und mit deutlichen Worten voranging. „Man hätte insgesamt das Potenzial gehabt, sich hier besser zu verkaufen“, stellte Müller vielsagend fest.

„Natürlich kann man jetzt im Nachhinein sagen: Hätte man vielleicht ein bisschen anders handeln können“, gestand Künast, der die Kapitänsfrage zusammen mit Kreis entschieden hatte.

Konsequenzen bleiben aus

Dass Künast den Vertrag mit Kreis wieder kündigt, ist kaum zu erwarten, zumal sich der erst kürzlich selbst zum Sportvorstand ernannte 54-Jährige damit auch selbst infrage stellen würde. Eine mögliche Alternative zu Künast arbeitet als Sportdirektor in Nürnberg. Der frühere NHL-Profi Stefan Ustorf übte im Podcast „Schlagschuss“ Kritik an den zugedachten Rollen für die Spieler. Dass die maßlos enttäuschenden Marc Michaelis und Dominik Kahun teilweise mehr Eiszeit erhielten als Sturm, dem stur die Rolle als Anführer der vierten Reihe zugedacht war, verstand nicht nur Ustorf nicht.

Die Stimmung in der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft ist ein Jahr vor der Heim-WM angespannt. Während die Verantwortlichen Fehler eingestehen, bleiben konkrete Konsequenzen vorerst aus. Die Analyse der Olympia-Niederlage wird zeigen, ob aus den gemachten Fehlern tatsächlich Lehren gezogen werden.