Lukas Reichel: Endlich angekommen? Eishockey-Talent feiert starkes NHL-Comeback
Seit Jahren gilt Lukas Reichel als eines der größten, aber auch unvollendetsten Talente im deutschen Eishockey. Nun scheint der 23-Jährige in der nordamerikanischen Profiliga NHL endlich Anschluss gefunden zu haben – und das bei seinem bereits fünften Team in dieser turbulenten Saison. Ein neuer Trainer und ein lang ersehntes Erfolgserlebnis könnten die Wende markieren.
Ein Comeback mit Gefühl
Manchmal erzählen Statistiken im Sport eine großartige Geschichte. Ein Dreifachtorschütze bei einem 3:0-Sieg, ein Spielmacher, der gegen seinen Ex-Verein glänzt, oder ein Torwart, der im entscheidenden Match alle Schüsse hält. Doch Zahlen allein sagen nichts über die Erleichterung und die wiedergewonnene Gewissheit eines Athleten aus.
Lukas Reichel ist ein solcher Athlet. Beim 6:1-Heimsieg der Boston Bruins gegen die Winnipeg Jets am 19. März 2026 schoss der deutsche Flügelstürmer ein Tor und bereitete einen weiteren Treffer vor. Besonders bemerkenswert: Es war sein erstes Spiel für die Bruins und zugleich seine erste NHL-Partie seit dem 28. November 2025.
Trotz dieser soliden Statistik war Reichel im Bruins-Team an diesem Abend zunächst nur einer von mehreren Akteuren. Vier weitere Profis erzielten ebenfalls zwei Scorerpunkte. Dennoch strahlte der 23-Jährige nach dem Spiel eine besondere Zufriedenheit aus. „Auf einer Gefühlsskala von eins bis zehn bin ich bei 8,5 – also schon weit oben“, verriet Reichel im Gespräch mit SPORT1.
Eine lange Durststrecke
So viel Positives war lange nicht mehr vom einstigen Hoffnungsträger zu hören. 2020 von den Chicago Blackhawks an 17. Stelle gedraftet, galt Reichel als einer der hellsten Sterne am Talentenhimmel. Sechs Jahre und 189 NHL-Spiele später (23 Tore, 38 Vorlagen) hat er sich in der stärksten Eishockey-Liga der Welt jedoch noch nicht nachhaltig durchsetzen können.
Die Boston Bruins sind in dieser Saison bereits sein fünftes Team. Nach einem enttäuschenden Start bei den Chicago Blackhawks, die ihn trotz umgestaltetem Sommertraining und neuer Trainerhoffnung nicht einsetzten, folgten Stationen bei den Vancouver Canucks und sogar ein Abstecher in die zweitklassige AHL. Die Frage stellte sich: Wo sollte für den Linkshänder in der NHL überhaupt noch ein Platz sein, wenn ihn nicht einmal das Tabellenschlusslicht Vancouver halten wollte?
Olympia als Wendepunkt
Ein Lichtblick boten die Olympischen Winterspiele in Mailand im Februar 2026. Deutschland war erstmals seit 2010 wieder mit NHL-Profis vertreten, und Reichel spielte sich in der Nationalmannschaft in den Vordergrund. Mit zwei Toren und einer Vorlage gehörte er zu den Leistungsträgern eines Teams, das zwar nur Sechster wurde, aber individuelle Klasse zeigte.
In Mailand saßen auch Verantwortliche der NHL-Clubs auf der Tribüne – darunter Bruins-Manager Don Sweeney. Auf der Suche nach einem schnellen Stürmer beobachtete er Reichels Partien gegen Frankreich und die Slowakei. „Da war Lukas sehr, sehr gut. Er hat sehr gute Fähigkeiten nach vorne. Mit seiner Schnelligkeit ist er wirklich gefährlich und hat auch noch gute Hände dazu“, lobte Bruins-Coach Marco Sturm.
Ein Trainer, der fördert
Die Verbindung zu Sturm könnte entscheidend sein. Der 47-jährige Trainer spielte einst mit Reichels Vater Martin in der Nationalmannschaft, unter anderem bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City. „Es hat natürlich geholfen, dass ich ihn ein bisschen kenne, dass er Deutscher ist“, räumte Sturm mit einem Lächeln ein.
Doch Nationalität allein zählt nicht. Sturm betonte, dass für ihn die Mannschaft immer im Vordergrund stehe und sich Reichel „alles erarbeiten“ müsse. Dennoch gilt Sturm als Coach, der junge Spieler nicht nur fordert, sondern gezielt fördert – eine Eigenschaft, die Reichel jetzt dringend benötigt.
Ein Tor als Geschenk und als Symbol
Sein Debüt-Tor für die Bruins in der 26. Minute zum 2:0 war zwar ein Geschenk von Winnipeg-Torhüter Connor Hellebuyck, dem der Puck hinter dem Tor versprang. Doch nach langer Warterei und vielen AHL-Spielen zählte vor allem das Erfolgserlebnis. Die Beteiligung an der Vorbereitung zum sechsten Treffer rundete den gelungenen Einstand ab.
Reichels Vertrag endet am 30. Juni 2026. Ob die Bruins seine letzte Chance sind, sich in der NHL endlich zu etablieren? „Ich will nicht an die Zukunft oder die Vergangenheit denken“, sagte der 23-Jährige. „Ich bin noch jung, will jetzt den nächsten Schritt machen und mein Bestes geben, damit ich für lange Zeit bei den Bruins spielen kann.“ Nach diesem Comeback scheint der Weg dorthin endlich geebnet.



