BVB-Sportchef Lars Ricken im großen Interview: Vertrags-Poker, Transferpläne und Neuanfang
Seit Mai 2024 ist Lars Ricken Sport-Geschäftsführer bei Borussia Dortmund. In einem exklusiven Interview spricht der 49-Jährige über die aktuellen Herausforderungen beim Revierklub. Die Trennung von drei Spielern nach Saisonende, das Ende für Sportdirektor Sebastian Kehl und die Verpflichtung von Ole Book als Nachfolger stehen ebenso im Fokus wie der Vertrags-Poker mit Nico Schlotterbeck.
Vertragsverlängerung mit Schlotterbeck: Geduld statt Deadline
SPORT BILD: Herr Ricken, wie häufig haben Sie als Spieler Ihren Vertrag beim BVB verlängert?
LARS RICKEN: Insgesamt dreimal. Das erste Mal war das 1997, nach unserem Champions-League-Sieg. Damals haben sogar die Bayern angerufen und gefragt, ob ich mir einen Wechsel vorstellen könnte. Das habe ich aber abgelehnt, weil wir damals die Nummer eins im deutschen Fußball waren und ich mich als Dortmunder ganz besonders mit dem BVB verbunden fühle.
SPORT BILD: Haben Sie dann Verständnis für Nico Schlotterbeck, der den Klub seit Monaten hinhält mit seiner Vertragsverlängerung?
LARS RICKEN: Ich habe mit Nico inzwischen einige Gespräche geführt. Ich finde es durchaus verständlich, dass Nico für sich Zeit braucht, um bestimmte Dinge zu reflektieren. Das ist bei der Vertragssituation und einem Spieler seiner Klasse nicht ungewöhnlich.
Lothar Matthäus hat zuletzt eine Deadline gefordert. Das macht in manchen Fällen vielleicht Sinn, in diesem Fall aber nicht. Die Gespräche sind so respektvoll und vertraulich, dass wir nicht auf künstliche Weise Druck ausüben wollen. Und warum sollten wir uns selbst limitieren, solange wir zeitlich absolut im Rahmen unseres gemeinsam vereinbarten Korridors liegen? Es ist okay so, wir haben die Lage unter Kontrolle.
Transferstrategie: Mut, Schnelligkeit und Aggressivität
SPORT BILD: Hat Ihnen die Kreativität auf dem Transfermarkt zuletzt gefehlt?
LARS RICKEN: Lassen Sie uns nach vorn schauen, anstatt Schuldige in der Vergangenheit zu finden. Da waren wir alle involviert. Aber klar ist: Wir wollen nun einiges anders machen. Da geht es nicht nur um Kreativität, sondern auch um Schnelligkeit, um Mut und um Aggressivität auf dem Transfermarkt.
Der BVB war im vergangenen Sommer nach SPORT BILD-Infos an Yan Diomande interessiert, der nun in Leipzig brilliert. Auf einzelne Namen möchte ich jetzt gar nicht eingehen. Bei Spielern dieser Kategorie geht es heute auf dem Markt aber sicher nicht mehr ohne Mut und Entschlossenheit. Da wollen wir wieder stärker werden.
Neuanfang unter Niko Kovac und Ole Book
SPORT BILD: Ist Niko Kovac in der kommenden Saison zu einhundert Prozent BVB-Trainer?
LARS RICKEN: Ja. Absolut. Ohne ihn stünden wir nicht auf Platz zwei, weil er erstens die Mannschaft sehr gefestigt hat und uns zweitens in der vergangenen Saison noch in die Champions League geführt hat. Hätten wir das nicht geschafft, hätte das massive Auswirkungen auf den Kader gehabt. Ich glaube nicht, dass wir bei einem Verpassen jetzt Zweiter wären. Niko passt wunderbar in unseren Verein.
Es bildet sich gerade eine Gruppe mit Niko, mit Ole, mit Carsten Cramer, mit Matthias Sammer, mit dem Scouting, mit dem NLZ, in der volles gegenseitiges Vertrauen herrscht. Man spürt eine neue Energie, eine Aufbruchstimmung, Zuversicht. Ich konnte die Kritik ja immer verstehen, dass wir zu viel Stallgeruch haben. Leidenschaft für den BVB ist unabdingbar, es fehlten uns aber die Impulse von außen. Diese haben wir mit Niko und Ole bekommen.
Transferziele und Kaderplanung
SPORT BILD: Welche Positionen sind dabei am wichtigsten?
LARS RICKEN: Die Kreativität und Scorer-Punkte von Julian Brandt werden wir auffangen müssen, das war uns bei unserer Entscheidung bewusst. Natürlich suchen wir nach einem Offensivspieler, der Qualität mitbringt, uns direkt weiterhelfen kann und keine utopische Ablösesumme erfordert. In der Defensive verlässt uns Niklas Süle, Emre Can fällt noch länger aus. Insofern machen wir uns auch dort Gedanken.
Lassen Sie uns ein paar Gerüchte durchgehen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Jadon Sancho ein drittes Mal beim BVB unterschreibt? Wir beschäftigen uns derzeit mit sehr vielen Spielern und durchleuchten sie. Wir prüfen, ob sie uns besser machen können. Das machen wir auch bei Jadon.
Fisnik Asllani gilt als Wunsch-Stürmer des BVB, er hat in Hoffenheim eine Ausstiegsklausel in Höhe von 30 Millionen Euro. Wir haben auf der Position Serhou Guirassy und Fábio Silva. Ich denke, da sind wir hervorragend aufgestellt.
Serhou Guirassy hat jedoch in diesem Sommer eine Ausstiegsklausel, die nur noch bei 35 Mio. Euro liegen soll. Das hören wir doch in jeder Transferperiode, dass er wechseln könnte. Und er ist immer noch hier. Dass Serhou auch in diesem Sommer bleibt, ist mein Wunsch, Oles Wunsch und der Wunsch von Niko Kovac. Er fühlte sich extrem wohl bei uns, und es gibt kein Bestreben, ihn abzugeben.
Persönliche Zukunft und Motivation
SPORT BILD: Ihr Kontrakt läuft bis Sommer 2027. Wenn Ihnen vom Präsidialausschuss ein neuer Vertrag angeboten werden sollte, unterschreiben Sie, ohne diesen zu lesen?
LARS RICKEN: Das muss der Präsidialausschuss entscheiden. Aber noch stellt sich die Frage nicht. Was mich betrifft: Ich habe gerade die Aufbruchsstimmung angesprochen, die uns alle stark motiviert. Und auch ich persönlich habe sehr große Lust auf diese Herausforderung.



