München – Vor dem Halbfinal-Rückspiel der Champions League zwischen dem FC Bayern und Paris Saint-Germain (Mittwoch, 21 Uhr, Allianz Arena) hat Ehrenpräsident Uli Hoeneß (74) im DAZN-Interview klare Worte zu den wichtigsten Themen rund um den Verein und den deutschen Fußball gefunden. Nach der 4:5-Hinspielniederlage sieht Hoeneß die Münchner dennoch im Vorteil: „Das Momentum liegt nach dem Hinspiel beim FC Bayern und nicht bei Paris. Ich glaube nicht, dass es wieder so ein Spektakel geben wird. Auch kein 1:0, es wird vielleicht ein 3:1 geben oder ein Unentschieden, wenn wir ausscheiden sollten. Wenn wir weiterkommen, glaube ich nicht, dass da vier oder fünf Tore fallen – aber wenn sie fallen, dann fallen sie. Es wird darauf ankommen, dass man nicht hektisch wird und dass man versucht, das erste Tor zu schießen.“
Bedeutung der Fans und Wunschspieler
Hoeneß betonte die Rolle der Fans: „Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass unser Publikum auch eine große Hilfe ist. Gegen Madrid war das ja der Wahnsinn! Das Spiel war ja auf Messers Schneide. Früher war es so, dass fünf Minuten vor Spielende 20.000 Zuschauer zu Hause waren und jetzt waren 50.000 noch eine halbe Stunde nach dem Spiel im Stadion. Das hat sich verändert und das ist ein Vorteil für uns, der am Mittwoch eine große Rolle spielen kann.“ Auf die Frage nach einem PSG-Spieler, den er gerne bei Bayern sähe, antwortete er: „Hakimi! Den würde ich nehmen, weil er bei uns gut reinpassen würde.“
Vertragsgespräche: Laimer und Neuer
Zu den stockenden Verhandlungen mit Konrad Laimer (28), dessen Vertrag bis 2027 läuft, sagte Hoeneß: „Wir reden ja nicht über Zahlen, aber wenn ich da so lese, was er angeblich verdient und was er verdienen will ... Konni ist ein Spieler, den ich sehr liebe. Der ist für die Mannschaft, für die Außendarstellung des Vereins unheimlich wichtig. Aber er ist nicht Maradona! Diese Spieler müssen akzeptieren, dass sie gut verdienen. Und er hat ja noch ein Jahr Vertrag und ist auch 30 Jahre alt, das muss man natürlich auch sagen. Und das, was er jetzt verdient – da gibt es wenige Vereine in Europa, die ihm das anbieten können. Und ich weiß nicht, was Max (Eberl) und Christoph (Freund) ihm jetzt angeboten haben, aber es kann sicherlich nicht das sein, was seine Berater am Anfang verlangt haben. Das hat nichts mit unserer Politik zu tun, sondern das ist eine Einschätzung seiner Wertigkeit. Die ist hoch, aber kein Harry Kane.“
Bezüglich Manuel Neuers (40) auslaufendem Vertrag im Sommer zeigte er sich entspannt: „Karl-Heinz und ich, wir haben mit ihm ein sehr gutes privates Verhältnis, aber die Gespräche machen Max und Christoph. Wenn es da haken würde, dann würde ich ihn sicherlich mal zum Kaffeetrinken einladen. Aber ich glaube, es hakt nicht.“
Olise, Müller und Lennart Karl
Über Michael Olise (24), den Aufsichtsratsmitglied Karl-Heinz Rummenigge kürzlich für unverkäuflich erklärt hatte, schwärmte Hoeneß: „Er erinnert mich ein bisschen an Arjen Robben. Er hat eine unglaubliche Technik, Laufbereitschaft und Präzision beim Abschluss. Arjen war ähnlich, aber ich finde, dass Michael noch mehr Präzision in seinem unwiderstehlichen Schuss mit dem linken Bein hat. Das kann man nicht verhindern. Es gibt gar keinen Grund, den jetzt zu verkaufen. Wir sind jetzt wieder wirtschaftlich gesund. Wir können uns wie früher einen Spieler für 50 Mio. Euro leisten, ohne auf die Bank zu gehen. Solange er so gut spielt und Spaß hat, gilt eher die Frage, wann man da mal über die Verlängerung nachdenken muss.“
Thomas Müller (36), der nach 25 Jahren im Verein im Sommer 2025 zu den Vancouver Whitecaps wechselte, bekam eine Spitze ab: „Thomas hat am Schluss mehr geredet als Fußball gespielt. Am Schluss war er ja nur noch der Pressesprecher! Ich habe mit ihm wirklich gar kein Problem, aber er hat es schon geschickt verstanden, sich persönlich super zu verkaufen – auch zu einem Zeitpunkt, an dem er bei uns nur noch auf der Bank saß.“ Zu einer möglichen Rückkehr als Funktionär erklärte Hoeneß: „Der hatte ja von mir ein Angebot, dass er irgendwann eine Funktion im Verein übernehmen könnte. Ich hatte mir das ein bisschen anders vorgestellt: Dass er nicht zu den Vancouver Whitecaps geht, sondern dass er ein Jahr Pause macht und sich dann vielleicht ausbildet. Denn der FC Bayern ist kein kleiner Fußballverein mehr, sondern ein Konzern, eine Unterhaltungsindustrie. Ich hatte mir gedacht, er geht mal sechs Wochen zur NBA, sechs Wochen in die MLS, sechs Wochen in die NFL oder auch zu Vereinen wie Manchester United, die super vermarktet sind. Und dann, wenn er alles drin hat, suchen wir die Position für ihn im Verein. Das Angebot besteht nach wie vor. Damals hat er gesagt: ‚In Zukunft vielleicht schon, aber jetzt nicht.‘ Und das kann ich auch verstehen.“
Zum pinken Outfit von Lennart Karl (18) meinte Hoeneß: „Man muss nicht gerade im lila Anzug im Internet auftauchen. Wenn ich ihn mal sehe, werde ich auch mal mit ihm reden. Aber ich habe mit Bastian Schweinsteiger schon dasselbe erlebt, als er sich die Fingernägel schwarz lackiert hat. Da haben der Franz und ich auch eingegriffen und ich denke, da werde ich Lennart irgendwann mal bei Gelegenheit beiseite nehmen und sagen, was wichtig ist im Leben und was nicht.“
Hoeneß über Nagelsmann, WM und Älterwerden
Über seinen Neffen Sebastian Hoeneß (43), Trainer des VfB Stuttgart, als möglichen künftigen Bayern-Coach sagte er: „Vor dem ziehe ich den Hut, was der geleistet hat in einem Verein, wo er im Abstiegskampf übernommen hat und sie ihm in den letzten Jahren immer die besten Spieler verkauft haben. Und er schüttelt sich und macht weiter und kommt immer wieder. Also der Sebastian, muss ich ehrlich sagen, der hat nach unserem Trainer von mir den allerhöchsten Respekt. Zumindest kommt er infrage (als künftiger Bayern-Trainer). Aber Kompany kann von mir aus noch fünf oder zehn Jahre hier bleiben.“
Zur WM im Sommer in den USA, Mexiko und Kanada äußerte er sich kritisch: „Da muss ich sagen, da kriege ich die Krätze. Ich hatte auch vor, hinzufliegen, da ich eine Einladung von einem guten Freund hatte, der mir ein Haus zur Verfügung gestellt hätte. Aber das mache ich nicht mit. Ich bin für Kommerz, aber nicht für so eine Ausuferung. Eine Endspielkarte, die 2500 Dollar kostet – diese Chinesen oder die, die sich das einmal im Jahr gönnen, sollen das machen. Aber ein vernünftig Deutscher fährt da nicht hin.“
Zum neuen Ticketsystem des FC Bayern, das nur noch über die Klub-App funktioniert, meinte er: „Papierkarten gibt es ja jetzt auch schon fast nicht mehr. Aber gerade ich bin da der falsche Ansprechpartner. Ich würde am liebsten noch das Ticket in der Hand haben. Da müssen wir sehr vorsichtig sein. Das sind so Dinge, wo ich ein bisschen meine Meinung sage. Wir sind gegen Real Madrid erstmals mit dem Höchstpreis von 150 auf 200 Euro gegangen. Für das Halbfinale wollten dann der eine oder andere bei uns noch einmal drauflegen, da habe ich meine Meinung gesagt. Auf der anderen Seite sagen die natürlich: Sind wir eigentlich verrückt? In Paris hat eine Karte 685 Euro gekostet. Ich glaube, unsere Fans können sehr zufrieden damit sein, wie vernünftig wir mit ihnen umgehen. Eine Bundesliga‑Dauerkarte im Stehplatzbereich kostet bei uns, glaube ich, rund 170 Euro.“
Zur deutschen Nationalmannschaft und Bundestrainer Julian Nagelsmann (38) sagte Hoeneß: „Das kann ich so gar nicht sagen, denn die deutsche Mannschaft hat noch nie zweimal hintereinander mit derselben Mannschaft gespielt. Und das werfe ich Julian auch vor – das habe ich ihm persönlich schon gesagt: Wenn man zu einer WM fährt und keine Weltklasse‑Mannschaft hat, was wir im Moment nicht sind, dann kann man, so wie Vincent es vorgemacht hat, durch das Team zum Erfolg kommen. Aber bis jetzt sehe ich da weder hinten noch vorne etwas. Wer ist unser Mittelstürmer? Wer spielt Torwart? Wer rechter Verteidiger, wer linker? Wenn es so weitergeht, wird es passieren, dass wir zum ersten WM‑Spiel eine Mannschaft auf den Platz schicken, die so noch nie zusammengespielt hat. Und das geht nicht.“
Auf Nagelsmanns Reaktion auf diese Kritik angesprochen, erklärte Hoeneß: „Er war leicht beleidigt. Das ist doch in unserer Gesellschaft völlig okay. Ich will Julian überhaupt nichts. Ich hoffe nur, dass er auch mal darüber nachdenkt, dass die, die so etwas sagen – kürzlich hat ja auch Matthias Sammer Ähnliches gesagt – nicht seine Niederlage wollen, sondern seinen Triumph. Gerade für jüngere Leute ist es manchmal gut, mal etwas von Erfahreneren anzunehmen, die keine eigenen Karten im Spiel haben. Ich bilde mir mit fast 75 noch ein, dass ich jeden Tag dazulerne. Wenn ich mit dem Taxi fahre, schlafe ich da nicht, sondern frage den Fahrer: ‚Wie geht das mit Uber und wie ist das für Sie?‘ Ich bin interessiert – in meinem eigenen Interesse. Wenn ich später irgendwann lese, dass die Taxifahrer schimpfen, kann ich sagen: ‚Das ist so und so.‘ Das fehlt mir ein bisschen bei Julian, dass er bereit ist, sich mit Leuten wie mir mal zusammenzusetzen und auch etwas anzunehmen. Denn ich habe das Gefühl, dass er dafür nicht zur Verfügung steht. Aber das ist seine Entscheidung. Wenn er erfolgreich ist, bin ich der Erste, der ihm gratuliert. Und wenn er keinen Erfolg hat, dann wird es für ihn schwer.“
Abschließend sprach Hoeneß über das Älterwerden: „Das löst in mir ein bisschen Angst aus. Ich war immer jemand, der so positiv war. Und naja, es sterben ja zu viele in meinem Umfeld oder sind sehr schwer krank. Das macht mir ein bisschen Sorge, weil ich das eigentlich nie gekannt habe, dass ich da nervös wurde. Das kannte ich früher gar nicht. Wenn du 40 bist, ist in deinem Umfeld keiner tot. Aber wenn du 70, 75 wirst, dann ... Die Frau meines Fahrers (Bruno Kovacevic) wurde jetzt beerdigt. Das hat mich unglaublich mitgenommen. Auch in unserem näheren Umfeld sind ein paar Leute ziemlich schwer krank. Und das belastet mich sehr.“



