Iranische Fußballerinnen zeigen Haltungwechsel beim Asien-Cup in Australien
Die Unsicherheit war den iranischen Fußballerinnen deutlich anzusehen, nur Sekunden bevor ihre Nationalhymne im zweiten Gruppenspiel des Asien Cups in Australien erklang. Fast 10.000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt, warf Stürmerin Shabnam Behesht einen letzten prüfenden Blick nach links, um sich zu vergewissern, was ihre Mitspielerinnen taten. Dann hob auch sie, wenn auch zögerlich, die rechte Hand an die Schläfe zum militärischen Salut. Dieses Mal war der Salut deutlich sichtbar und geschlossen von der gesamten Mannschaft ausgeführt.
Vom Schweigen zum Gesang innerhalb von zwei Tagen
Noch am Montag, beim Auftaktspiel des Asien Cups gegen Südkorea, hatten die iranischen Fußballerinnen komplett geschwiegen. Kein einziger Ton der Nationalhymne war über ihre Lippen gekommen, keine Geste der Ehrerbietung war zu sehen gewesen – auch auf der Trainerbank herrschte betretene Stille. Nur zwei Tage später, im zweiten Gruppenspiel gegen Australien im Gold Coast Stadium, präsentierte sich ein völlig anderes Bild. Die Spielerinnen salutierten nicht nur geschlossen, sondern stimmten auch in den Gesang der Hymne ein. Einige bewegten dabei nur leise die Lippen, doch niemand schwieg komplett.
Die Kameras zeigten ähnliche Szenen in der Coaching-Zone, wo das Betreuerteam ebenfalls die Hymne sang. Auf den Rängen des australischen Stadions herrschte zunächst Irritation, einige vereinzelte Pfiffe waren zu vernehmen. Nach dem Ende der Hymne brandete jedoch deutlicher Applaus auf – vielleicht als Anerkennung für den Versuch, einer äußerst schwierigen politischen Lage irgendwie gerecht zu werden.
Enormer politischer Druck auf iranische Athletinnen
Der Druck, unter dem die iranischen Spielerinnen nach dem Tod von Revolutionsführer Ali Khamenei stehen, ist immens und allgegenwärtig. Seit vielen Monaten sind iranische Athletinnen, insbesondere Fußballerinnen, zu Symbolfiguren im Spannungsfeld zwischen sportlicher Repräsentation und politischer Unterdrückung geworden. Das Regime in Teheran erwartet bedingungslose Loyalität und öffentliche Demonstrationen der Staatsverbundenheit, während die internationale Gemeinschaft in ihnen oft Gesichter des friedlichen Widerstands sieht.
Nach der jüngsten Eskalation der politischen Lage im Nahen Osten ist dieser schmale Grat zwischen notwendiger Anpassung und persönlicher Haltung noch einmal gefährlicher und enger geworden. Die iranischen Fußballerinnen bewegen sich auf einem diplomatischen Minenfeld, bei dem jede Geste, jedes Wort und jedes Schweigen politisch interpretiert und gewertet wird.
Historische Parallelen zur Männermannschaft
Bereits die iranische Fußballnationalmannschaft der Männer hatte bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar mit einem stillen, aber machtvollen Protest internationale Aufmerksamkeit erregt. Im ersten Gruppenspiel gegen England standen die elf Spieler nebeneinander, die Arme demonstrativ um die Schultern gelegt – und sangen die Nationalhymne nicht mit. Ihr kollektives Schweigen galt den Protestierenden in Iran, nachdem die junge iranische Kurdin Jina Mahsa Amini von der Sittenpolizei festgenommen und tödlich verletzt worden war.
Interessanterweise sangen die Männer im zweiten Spiel der WM dann wieder die Hymne mit – ein Muster, das sich nun bei den Frauen in Australien wiederholt: erst das bedeutungsschwere Schweigen, dann der folgende Gesang. Diese Parallele unterstreicht die systematische Natur dieser politischen Statements im internationalen Sport.
Die iranischen Fußballerinnen stehen damit in einer langen Tradition von Athletinnen, deren sportliche Auftritte längst mehr bedeuten als nur Fußball. Jedes Spiel, jede Hymne, jedes Schweigen wird zu einer politischen Botschaft, die zwischen den Fronten eines repressiven Regimes und einer beobachtenden Weltöffentlichkeit vermitteln muss. Die Ereignisse in Australien zeigen erneut, wie Sport und Politik untrennbar miteinander verwoben sind, besonders für Spielerinnen aus Ländern mit autoritären Regimen.



