Der Iran hat nach zwei von drei Gruppenspielen eine echte Chance auf den erstmaligen Einzug in die K.-o.-Phase einer Fußball-WM – und das allen Widrigkeiten zum Trotz. „Wir sind im denkbar schlechtesten Zustand zu dieser WM angereist, den man sich vorstellen kann“, sagte Trainer Amir Ghalenoei nach dem 0:0 gegen Belgien laut offizieller Übersetzung der FIFA. Schuld daran: der Krieg im Iran und die erschwerten Bedingungen für die Mannschaft auch während der Weltmeisterschaft.
Krieg und Reisechaos als Hypothek
Die Profis, die in der heimischen Liga spielen, haben seit Beginn des Kriegs der USA und Israels gegen ihr Heimatland im Februar 2025 keine Spielpraxis mehr. In der Vorbereitung sagten Testspielgegner ab, das WM-Quartier ist nicht wie geplant im US-Bundesstaat Arizona, sondern im mexikanischen Tijuana. Für die Anreise nach Los Angeles, eine Strecke vergleichbar mit der von Stuttgart nach München, brauchte das Team vor dem ersten Spiel gegen Neuseeland nach eigenen Angaben mehr als fünf Stunden. Dennoch gab es ein 2:2.
Vor dem Duell mit Belgien kam die Mannschaft erst 16 Stunden vor Spielbeginn in Los Angeles an – und holte dann vor offiziell 70.317 Zuschauern im hochmodernen Los-Angeles-Stadion ein 0:0 gegen die auf Nummer zehn der Weltrangliste stehenden Stars um Kevin De Bruyne. „Deswegen wird diese Leistung heute in die Geschichte eingehen“, sagte Ghalenoei. „Wir haben noch nicht verloren. Klar, wir hätten gerne gewonnen, besonders mit einem Mann mehr. Aber wir haben noch alle Chancen im letzten Spiel“, sagte der zur Halbzeit eingewechselte Alireza Jahanbakhsh. Für Belgien hatte Nathan Ngoy (66. Minute) nach einer Notbremse die Rote Karte gesehen.
Historische Chance gegen Ägypten
Iran war noch nie in einer K.-o.-Phase bei einer WM. In Seattle geht es am Freitag gegen Ägypten als Nächstes um den erstmaligen Einzug in die K.-o.-Phase. An den Spielort soll das Team nach Angaben von Ghalenoei dann auch schon zwei Tage früher reisen dürfen, und nicht erst wie bislang am Tag vor der Partie. Für die Spiele gegen Neuseeland und Belgien war das nicht erlaubt worden, sehr zum Ärger des Trainers, dem auch die Rückreise noch am Spieltag überhaupt nicht passte. „Wir haben nicht mal genug Zeit für die Regeneration, die Spieler hätten das gebraucht, um gut vorbereitet zu sein, aber wir müssen zum Flughafen und zurück nach Tijuana“, sagte er laut offizieller Übersetzung der FIFA.
Aus der Stadt verabschiedeten sich die Iraner dann mit einem Brief, von dem sie ein Foto selbst an Journalisten verbreiteten. Darin bedankte sich das Team für die Gastfreundschaft und schrieb: „Wir sind mit Stolz nach Los Angeles gekommen, haben mit Ehre gekämpft und gehen in Würde.“ Das Schreiben endete mit den Worten: „Möge Friede, Respekt und Freundschaft unter allen Nationen obsiegen.“
Politischer Protest begleitet die Spiele
Ebenfalls zu sehen auf dem Bogen Papier: „#168“ sowie „#minab“ – ein klarer Verweis auf den US-Angriff in Minab am Persischen Golf Ende Februar, bei dem mindestens 168 Schülerinnen zwischen sieben und zwölf Jahren ums Leben gekommen waren. Irans Verband verschickte zudem keine Stunde vor Spielbeginn eine Mitteilung mit deutlicher Kritik an Markwayne Mullin für dessen Behauptungen, die Delegation habe eine Person ohne Einreisegenehmigung in die USA bringen wollen. Nur: Die im konservativen Sender FOX getroffenen Aussagen des US-Heimatschutzministers hatten bis dahin keine Rolle gespielt und wurden erst durch die Reaktion Irans so richtig wahrnehmbar.
Das Spannungsfeld zwischen Politik und Sport hatte auch die vielen Fans in eine schwierige Situation gebracht. Im Großraum Los Angeles leben mehr Iraner als irgendwo sonst außerhalb des Iran, viele davon mit einem sehr kritischen Blick auf die aktuelle Regierung. Rund um die Spiele gab es Proteste, während der Partien aber feuerte die Mehrheit im Stadion Irans Spieler lautstark an.
Fans und FIFA im Konflikt
Nach Spielende gegen Belgien kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Fans und Ordnungspersonal. Ein Mann versuchte, auf den Rasen zu gelangen, wie der Weltverband FIFA mitteilte. Wie auf Bildern zu sehen ist, trug er ein Shirt mit einem Aufdruck der iranischen Fahne aus der Zeit vor der Islamischen Revolution, die als Symbol der Opposition angesehen wird und von der FIFA verboten wurde. Zu einem zweiten Vorfall gab es zunächst keine weiteren Informationen.
Irans Teilnahme bleibt ein Politikum, auch in Seattle wird die Navigation für alle Beteiligten nicht einfach. Wenngleich wohl aus anderen Gründen: In der liberalen Stadt im US-Bundesstaat Washington soll der Spieltag ganz im Zeichen von Pride stehen, also dem solidarischen Verhalten und dem Eintreten der Rechte für Schwule, Lesben, Transgender und allen weiteren Personengruppen, die sich nicht als heterosexuell bezeichnen.



