Am kommenden Sonnabend beginnt in Barcelona die 113. Tour de France. Über 3320 Kilometer auf 21 Etappen geht es bis 26. Juli nach Paris. 53.950 Höhenmeter sind dabei zu überwinden. Florian Lipowitz (25) ist einer der Mitfavoriten auf das Podium. Der Sieg ist angesichts der Form von Superstar Tadej Pogacar aus Slowenien noch kein Thema.
Lipowitz über die vorletzte Etappe: „Ein Spektakel“
BILD: Herr Lipowitz, am vorletzten Tag der Tour de France geht es über den Col de la Croix de Fer (2067 m), den Galibier (2642 m) und den Lautaret (2058 m) nach Alpe d’Huez, das bereits 24 Stunden zuvor das Ziel war. Warum tut man sich sowas an?
FLORIAN LIPOWITZ: Das wird auf jeden Fall eine spezielle Etappe nach drei Wochen Tour in den Beinen. Ich bin mal gespannt, aber ich freue mich auf den Tag. Auf der eigentlich ja letzten Etappe noch mal so einen ikonischen Anstieg, das wird ein Spektakel. Ich hoffe, dass ich bis dahin gut durchkomme und an dem Tag mit guten Beinen am Start stehe. Dann könnte ich ihn fast genießen.
Wie überlebt man das? Die ganze Saisonvorbereitung zielt auf den letzten richtigen Tour-Tag ab. Ich war drei Wochen im Höhentrainingslager, nach der Slowenien-Rundfahrt vergangene Woche nochmal ein paar Tage. Aber am Ende ist es eine Kopfsache und ein bisschen Veranlagung, drei Wochen Rennen fahren zu können. Die Dauphiné-Rundfahrt hat acht Tage, sonst sind alle Etappenrennen kürzer, abgesehen von den drei Grand Tours.
Top-Form und Erwartungsdruck
Ihre Form dieses Jahr ist offensichtlich super. Sieg bei der Slowenien-Rundfahrt, Platz 2 bei der Baskenland-Rundfahrt und der Tour de Romandie, Platz 3 bei der Katalonien-Rundfahrt. Fühlen Sie sich so gut wie die Ergebnisse sind?
Schwierig zu sagen. Ich brauche tatsächlich die Bestätigung im Rennen, um ein gutes Gefühl zu haben. Am Beginn einer Rundfahrt fehlt es mir oft an Selbstvertrauen, gerade wenn man vorher krank war, wie ich vor Katalonien. Aber dann lief es erstaunlich gut und ich konnte mich von Rennen zu Rennen verbessern.
Macht Ihnen Ihre Top-Form nicht Angst? Ehrlich gesagt, macht es auch Spaß, wenn man weiß, dass sich die harte Arbeit lohnt. Bis zum Tourstart werde ich vier Höhentrainingslager absolviert haben, das sind zusammengenommen über zwei Monate. Da freut man sich, wenn man Resultate sieht und man merkt, dass man noch Potenzial hat. Wichtig war nach der Tour de France 2025, an diese Leistung anzuknüpfen.
Andere Vorzeichen als 2025
Vor einem Jahr wusste niemand, wie gut Sie wirklich sein können. Nun sind die Vorzeichen andere. Was unterscheidet Ihren Start bei der Tour 2025 von dem dieses Jahr?
Die Erwartungen sind ganz andere. Die, die ich an mich habe, aber auch die vom Team. Man will sich beweisen, dass man die Leistung wiederholen oder sich gar verbessern kann. Die Mannschaft hatte mich vergangenes Jahr als Helfer eingeplant, dieses Jahr bin ich ein Teil der Doppelspitze. Da wird natürlich erwartet, dass ich ein Ergebnis einfahre. Auch die Medienwelt hat Erwartungen. Das ist dann ein anderer Druck, mit dem man zurechtkommen muss. Bislang konnte ich das gut händeln.
Wenn Sie von Verbesserung reden: Nach Platz 3 vor einem Jahr bleibt nicht mehr viel. Ja, aber das allererste Ziel bleibt, in Paris anzukommen. Bei der Tour kann es so schnell gehen: Ein schlechter Tag, eine Unaufmerksamkeit, und du bist weg vom Fenster, sei es durch einen Sturz, einen Infekt oder einen taktischen Fehler, weil man in einem Moment gepennt hat. Das muss jedem klar sein. Wie viele Fahrer sind jetzt erst bei der Dauphiné ausgestiegen wegen Krankheit und Stürzen?! Und da reden wir von acht Tagen. Bei der Tour sind es 21. Wir haben mit Remco Evenepoel und mir zwei gute Fahrer, wo wir den Druck unter uns aufteilen können. Daher mache ich mir keinen großen Druck, denn mit meinen bisherigen Rennen dieses Jahr kann ich zufrieden sein und konnte mir beweisen, dass die Form gut ist.
Operation und Trainingsfortschritt
Sie sagten vor kurzem, Ihre Werte seien besser geworden, nicht nur die Platzierungen. Es ist mein siebtes Jahr im Radsport, seit ich vom Biathlon kam. Ein Grund ist, dass der Körper sich durch die Trainingsjahre weiterentwickelt, und die Rennen sind mehr geworden. Durch diese Rennbelastung machte ich nochmal einen Schritt nach vorn und die Wochen vor der Tour liefen ohne Unterbrechungen. Was die Trainingsstunden angeht, das waren höchstens 900 im vergangenen Jahr, ist noch Potenzial da, also viel Luft nach oben.
Sie haben sich nach der Tour 2025 an den Nasennebenhöhlen und der Nasenscheidewand operieren lassen. Ist auch das eine Ursache, dass Sie Ihre Form gesteigert haben? Der Hauptgrund für die Operationen war, nicht mehr so oft krank zu werden. Im Winter war dann auch noch kein Unterschied zu sehen, aber seit dem Frühjahr bin ich stabil und ohne größere Komplikationen.
Rennprogramm und Ernährung
Sie haben ihr Rennprogramm dieses Jahr gegenüber 2025 komplett geändert. Warum? Das Baskenland war eine spontane Aktion, weil die Vorbereitung für Katalonien nicht gut lief. Ich wollte dort aber gut fahren und zwischen den Rennen ist wenig Zeit. Auf der Dauphiné, wo ich 2025 Zweiter wurde, liegt viel Aufmerksamkeit. Es wird schon dort drauf geschaut, wer bei der Tour vorn landen wird. Das wollten wir dieses Jahr umgehen und eine ruhigere Vorbereitung haben.
Was berichten Ihre Spione? Haben Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard, die sich seit sechs Jahren die Tour-Siege teilen, ihre Werte auch gesteigert? Man muss sich immer weiterentwickeln, um an der Spitze wettkampfmäßig zu sein. Wenn man die Werte von vorletztem oder letztem Jahr fährt, macht man einen Rückschritt. Daher entwickelt sich jeder weiter. Und die Wissenschaft sich ja auch. Man geht öfter in die Höhe, man macht andere Intervalle und passt die Ernährung an. Vor acht oder zehn Jahren war das noch nicht der Fall. Durch all das kann man die Intensität im Training steigern.
Essen ist ein gutes Stichwort. Gibt’s da jetzt weniger Spätzle mit Linsen, ihr Lieblingsgericht? (lacht) So oft gab es das tatsächlich nicht mehr. Meine Freundin hat es mir gekocht, als ich aus dem vorletzten Höhentrainingslager kam. Das ist ein typisch schwäbisches Gericht. Das ist ein bisschen heimatliches Gefühl. Man ist ja viel unterwegs und dann lebe ich ja auch in Österreich. Zum Glück haben wir einen schwäbischen Koch im Team. Da gibt’s dann ab und zu Spätzle. Der passt da auf mich auf.
Doppelspitze mit Evenepoel
Von außen betrachtet, scheinen Sie sich mit Ihrem Co-Kapitän Remco Evenepoel super zu verstehen. Ist das so? Ich bin definitiv davon ausgegangen, dass wir uns gut verstehen, und so ist es auch. Eine super entspannte Stimmung. Jeder weiß, wo sein Platz im Team ist. Ich habe großen Respekt vor ihm und seinen Erfolgen: Doppel-Olympiasieger, Weltmeister, Vuelta gewonnen, da bin ich noch weit von entfernt und kann noch einiges von ihm lernen. Bei der Katalonien-Rundfahrt war ja zu sehen, dass wir gut miteinander auskommen und uns unterstützen. Das ist bei der Tour das Wichtigste.
Ihr ehemaliger Sportlicher Leiter Rolf Aldag sagte, die Red-Bull-Taktik könne ganz einfach sein: Teamzeitfahren am ersten Tag gewinnen, Evenepoel ins Gelbe Trikot stecken und am ersten Berg wird gewechselt. Dann käme ihre Stunde. So ganz würde ich da nicht mitgehen. Die ersten Etappen sind definitiv welche für Remco. Und wir wollen nicht nur die Gesamtwertung im Blick behalten, sondern auch Etappen gewinnen. Und er kann auch Anstiege; einfach so hat er die Vuelta nicht gewonnen und wurde Dritter bei der Tour. Er wird drei Wochen gut fahren und ich hoffe, dass wir uns gut ergänzen.
Wird Lipowitz in der dritten Woche Kapitän? Die dritte Woche liegt Ihnen aber besser als Evenepoel vom Profil her. Bleiben alle gesund, würden Sie doch spätestens dann der Kapitän sein, oder? Das wird sich im Rennverlauf zeigen. Automatisch davon ausgehen würde ich nicht. Wir gehen beide als Leader in die Rundfahrt und in der dritten Woche wird sich zeigen, wer wie fit ist. Ich hätte auch kein Problem damit, Remco zu helfen. Am Ende ist wichtig, als Team erfolgreich zu sein. Es gibt ja viele Kandidaten ums Podium und da müssen wir uns durchsetzen. Das geht besser gemeinsam als alleine.
Teamzusammenstellung und Vorbereitung
Gehen Sie beide einen trinken und legen die restlichen sechs Teamplätze fest oder macht das schon noch Teamchef Ralph Denk? Die Sportlichen Leiter legen das fest, aber wir haben natürlich Mitspracherecht. Wir sind die Etappen schon durchgegangen, sind auch die Etappen 14 bis 16 abgefahren, teils mit dem Rad, teils mit dem Auto. Wir haben mit Maxim van Gils, Jai Hindley und Nico Denz super starke Fahrer. Wir werden ohne Sprinter zur Tour fahren, damit die Unterstützung für Remco und mich da ist.
Welche Erkenntnisse aus der Tour 2025 wenden Sie bei der Tour 2026 an? Die Tour ist ein Riesenspektakel. Wenn man die noch nie gefahren ist, malt man sich das aus, wie es sein könnte. Die Realität übertrifft das dann bei weitem in Bezug auf Fans, Stress, Trubel. Da weiß ich dieses Jahr, was auf mich zukommt. Superwichtig wird sein, ruhig zu bleiben. In der ersten Woche habe ich vor einem Jahr viel Zeit verloren. Dieses Jahr könnte man da in der dritten Woche noch viel umkrempeln. Da muss man kühlen Kopf bewahren, wenn man mal Zeit verliert.
Mentalität und privates Umfeld
Wie bewahrt man einen ruhigen Kopf? Handy ausschalten, mal nicht die Nachrichten lesen. Das ist mir letztes Jahr nicht gelungen, weil das Interesse doch da ist, was so geschrieben wird. Das will ich diesmal vermeiden. Das hat einen alles erschlagen. Das war ein Stressfaktor für den Körper, dem er vorher noch nie begegnet war. Da bin ich jetzt besser vorbereitet. Vor einem Jahr waren die Nachwehen so stark, dass ich nach der Tour eine längere Auszeit brauchte als geplant. Das hat am Ende mental mehr gezehrt als körperlich und ich musste die Saison zeitiger beenden.
Ihre Freundin Antonia ist Mountainbikerin. Welchen wichtigen Tipp hat sie Ihnen schon gegeben? Ich soll ich selbst bleiben. Das gibt sie mir immer mit. Meine Freundin und meine Familie – zu Hause ist immer jemand für mich da. Man arbeitet auf die Ziele im Radsport hin, vor allem auf die Tour, aber das ist nicht alles im Leben. Egal, was passiert, man kann nach Hause kommen und weiß, da ist jemand, der auf einen wartet.
Was war für Sie nach Platz 3 vor einem Jahr die größte Umstellung? Definitiv die Aufmerksamkeit. Wir wohnen ja in einem kleinen Ort, da wird man ziemlich oft angesprochen. Dann war ich im Urlaub in Südtirol, da wurde ich natürlich auch erkannt. Ich hatte das ja in den Medien kommuniziert, dass ich dahin fahre, das werde ich vielleicht nicht nochmal machen (lacht).
Was war Fluch und was Segen an Ihrem Erfolg? Das mal zu erleben, am Ende der Tour in Paris auf dem Champs-Elysées auf dem Podium zu stehen, das dürfen nicht viele Leute in ihrem Leben erfahren. Das war ein krasses Erlebnis und bleibt für immer in Erinnerung. Das war ein großer Traum, der in Erfüllung ging. Dann die große Aufmerksamkeit, die Medientermine, die man wahrnehmen muss…… da sind wir jetzt beim Fluch, oder? (lacht) Ja, ich bin einfach nicht die Person, die da Kraft daraus zieht. Mich kostet das Überwindung, Zeit dafür zu opfern. Wir sind eh viel unterwegs und da wäre ich lieber einen Tag zu Hause als nach München zu einem Shooting zu fahren. Das war ich nicht gewohnt. Als ich Helfer war, habe ich trainiert, mein Ding gemacht und war verschwunden. Da musst du erstmal reinwachsen in diesen zusätzlichen Stress. Das war eine Umstellung.
Tour 2026: Sportliche Herausforderung und Konkurrenz
Ist die Tour 2026 sportlich gesehen schwerer? Die ersten neun Etappen waren vergangenes Jahr ohne Berge. Das Feld war geprägt von Positionskampf und viel Stress. Dieses Jahr hoffe ich, dass nach der 6. Etappe und dem Tourmalet sich alles etwas beruhigt und dass jeder weiß, wo seine Position ist. Es gibt kaum Sprintetappen, was die Tage reduziert, an denen man sich als Klassementfahrer erholen kann.
Außer eingangs erwähnter vorletzter Etappe, die eigentlich die letzte ist, auf der nochmal angegriffen werden könnte, was sind die entscheidenden Abschnitte der Tour? Auch das Teamzeitfahren zum Start und die erste Etappe in Barcelona sind superwichtig. Da kann man mehr Zeit verlieren als auf einer Bergetappe, wenn man nicht aufpasst. Die 14. und 15. Etappe sind superknackig, 18 bis 20 ist eine super harte Reihenfolge mit zweimal 14 Wenden nach Alpe d’Huez.
Ihr Teamchef Ralph Denk sagt, Tadej Pogacar werde die Tour gewinnen. Ist das ein Ansporn, es Ihrem Chef mal richtig zu zeigen? (lacht) Nee, nee. Da stimme ich ihm ganz klar zu. Pogacar ist der Mann, den man schlagen muss. Mit dem, was er dieses Jahr schon zeigte; wenn da nichts schiefläuft, wird er die Tour wieder gewinnen. Es ist aber vorn alles dichter geworden. Der Sprung zu Vingegaard ist nicht mehr so groß. Das wird eine superspannende Tour, aber Pogacar wird nicht zu schlagen sein.
War es ein Fehler von Vingegaard, im Mai den Giro d’Italia zu fahren, auch wenn er ihn gewonnen hat? Für ihn war es eine gute Entscheidung. Er hat dieses Jahr nun schon eine Grand Tour gewonnen, das gibt viel Selbstvertrauen. Und wenn ich ihn beim Giro so sah, musste er nicht, wie bei der Tour, über sein Limit gehen. Wenn er sich gut erholt, wird er in Barcelona in Topform am Start stehen. Für ihn vielleicht eine bessere Vorbereitung als Höhe und Tour de Suisse, wie normalerweise. Zudem nimmt der Giro-Sieg viel Druck.
Ist Pogacar unschlagbar? Nein, er ist definitiv schlagbar. Er ist ein kompletter Rundfahrer, kann Klassiker, die Berge, sogar sprinten. Jonas kann in den Bergen auf gleichem Niveau fahren, aber auf kurzen Anstiegen hat er keine Chance. Es gibt keinen kompakteren Fahrer als ihn, das macht es fast unmöglich, ihn zu schlagen. Aber eben nur fast.
Zukunft und Toursieg
Sie gehen mit Zielen offensiv um und zeigen auch, dass diese zurecht so hoch gesteckt sind. Wann wird der Toursieg Ihr Ziel? So weit will ich gar nicht denken. Ich setzte gern Ziele für das aktuelle Jahr. Es ist ein gefährlicher Sport, es kann viel passieren. Ich bin glücklich, wenn es so weiterläuft wie bisher. Was ist, wenn ich einen Tag vorm Tourstart mit Fieber aufwache? Dann ist alles vorbei. Daher mach ich keine großen Ansagen.



