Ein historischer Tag im winterlichen Neckarstadion
Ein besonderer Bundesligarekord feiert sein 40-jähriges Jubiläum. Am 8. Februar 1986 gelang einem Spieler etwas Einmaliges: Drei Elfmeter-Tore in einer einzigen Bundesligapartie. Diese außergewöhnliche Leistung wurde unter widrigsten Bedingungen erbracht - im eiskalten Stuttgarter Neckarstadion, das damals noch über keine Rasenheizung verfügte.
Die Vorgeschichte: Ein ungewöhnlicher Elfmeterschütze
Der VfB Stuttgart hatte im Februar 1986 ein spezielles Problem. Die etablierten Stars Karl Allgöwer, Guido Buchwald und Jürgen Klinsmann hatten bereits Elfmeter-Fehlschüsse in ihrer Kartei stehen. Trainer Otto Baric ließ daher den gesamten Kader antreten, um einen neuen Elfmeterspezialisten zu finden. Nur die genannten Nationalspieler kamen nicht mehr infrage.
Im Finale des internen Ausscheidens standen sich Stürmer Predrag Pasic und der junge Mittelfeldspieler Michael Nushöhr gegenüber. Der unscheinbare 23-Jährige mit dem schütteren Haar setzte sich durch - obwohl er in der Bundesliga noch nie einen Elfmeter hatte schießen dürfen. Immerhin konnte er Erfahrungen aus der 2. Liga vorweisen, wo er für den 1. FC Saarbrücken bereits vier Elfmeter verwandelt hatte.
Der historische Spieltag gegen Hannover 96
Bei nächster Gelegenheit durfte Nushöhr sein Können unter Beweis stellen. Am 8. Februar empfing der VfB Stuttgart das Tabellenschlusslicht Hannover 96. Nur etwa 10.000 Zuschauer fanden den Weg ins winterliche Stadion, doch die Anwesenden erlebten Fußballgeschichte.
Das Spiel ging mit 7:0 in die Annalen beider Vereine ein - nie gewann der VfB Stuttgart höher in der Bundesliga, nie verlor Hannover 96 höher. Die eigentliche Sensation war jedoch der Hattrick von Michael Nushöhr. Der frisch gekürte Elfmeterschütze verwandelte drei Strafstöße innerhalb von 30 Spielminuten.
Besondere Umstände prägten die Leistung:
- Zwischen dem zweiten (37. Minute) und dritten Elfmeter (63. Minute) lag die Halbzeitpause
- Alle drei Schüsse erfolgten mit dem linken Fuß
- Der eisige Wind fegte den Ball immer wieder vom Elfmeterpunkt
- Spieler mussten mit ihren Schuhen eine Kuhle ins Eis hacken
Die bescheidene Reaktion des Rekordhalters
Nach seinem historischen Tag zeigte sich Nushöhr erstaunlich nüchtern. Gegenüber Reportern gab er zu Protokoll, dass mit jedem Schuss seine Konzentration nachgelassen habe. Beim dritten Elfmeter wusste er laut eigener Aussage "einfach nicht mehr, wo ich hinschießen sollte".
Eine amüsante Episode ereignete sich vor dem dritten Elfmeter: Jürgen Klinsmann wollte Nushöhr aus der Verlegenheit helfen und selbst schießen, doch Karl Allgöwer intervenierte. "Er lachte und meinte: 'Den hauste jetzt auch noch rein.' Jürgen Klinsmann war ein wenig verärgert", erinnerte sich Nushöhr später.
Hannovers Torwart Jürgen Rynio, der alle drei Elfmeter hinnehmen musste, glaubte beim Anlaufen sogar gesehen zu haben, dass Nushöhr "teilweise ausgerutscht" sei. "Der war auch froh, dass die alle drin waren", so Rynios Einschätzung.
Ein Rekord, der lange unentdeckt blieb
Erstaunlicherweise spielte Nushöhrs historische Leistung in der damaligen Medienlandschaft kaum eine Rolle. Der Rekordhalter selbst erfuhr erst im Jahr 2005 - also fast zwanzig Jahre später - aus einer DSF-Sendung (Vorläufer von SPORT1), dass er der Bundesliga-Elfmeterrekordler war.
Dennoch blieb das Ereignis ihm präsent. Der Zeitschrift 11 Freunde sagte er 2008: "Ich kann heute noch genau sehen, wie die Bälle geflogen sind. Es ist das Spiel, an das ich mich am liebsten erinnere."
Historische Vergleiche und bleibende Bedeutung
Recherchen ergaben später, dass bereits am 8. Mai 1927 ein Spieler namens Zerbe von Kickers 1900 Berlin im Achtelfinale um die Deutsche Meisterschaft sogar vier Elfmeter schoss - drei davon verwandelte er. In jüngerer Zeit gelang Harry Kane am 17. September 2024 beim 9:2-Sieg des FC Bayern gegen Dinamo Zagreb ebenfalls ein Dreierpack per Elfmeter - allerdings in der Champions League.
Dass ein Weltstar wie Kane auf Nushöhrs Spuren wandelt, ist ein besonderes Kompliment für den heute 63-jährigen, stets bescheiden gebliebenen Ex-Profis. Unerreicht bleibt Nushöhrs Leistung in der Bundesliga jedoch bis heute. Seine Bilanz war perfekt - drei Versuche, drei Treffer - und stellt weiterhin einen einzigartigen Rekord dar.
Michael Nushöhr, der aus der Bayern-Jugend kam und dort zwar mit den Profis trainieren, aber nie spielen durfte, beendete seine Bundesliga-Karriere mit insgesamt vier Toren - alle per Elfmeter. Sein bescheidener Wunsch nach dem historischen Tag ("Jetzt hoffe ich, dass mir auch mal ein Treffer aus dem Feld heraus gelingt") blieb unerfüllt, doch seinen Platz in den Geschichtsbüchern der Bundesliga hat er sich für immer gesichert.



