Paralympics: Leonie Walter holt Bronze nach Medaillen-Entzug - Team erlebt gemischten Tag
Nur einen Tag nach dem Schock über die aberkannte Silbermedaille hat Leonie Walter dem deutschen Team bei den Paralympics in Tesero eine neue Auszeichnung beschert. Im tiefen Schnee der italienischen Wintersport-Arena sicherte sich die 22-jährige Langläuferin Bronze im Rennen über 10 Kilometer im klassischen Stil. Dieser Erfolg kommt nach einer emotionalen Achterbahnfahrt, denn am Vortag war ihr der Silberrang im Sprint aufgrund eines Regelverstoßes ihres Begleitläufers aberkannt worden.
Emotionale Berg- und Talfahrt für Walter
„Gestern war ich mir noch unsicher, ob ich heute nochmal starten möchte oder lieber die Kraft für den Biathlon spare. Aber ich wollte einfach eine Medaille im Langlauf haben. Silber wäre natürlich viel schöner gewesen. Aber Bronze nehme ich auch gerne“, erklärte Walter nach dem Rennen. Die Entscheidung, trotz der Enttäuschung erneut anzutreten, zahlte sich aus. Gemeinsam mit ihrem Guide Christian Krasman konnte sie auf dem Podest stehen, während andere Teammitglieder weniger Glück hatten.
Bittere Rückschläge für Marchand und Marburger
Während Walter jubelte, erlebten Kathrin Marchand und Sebastian Marburger dramatische Wettkampf-Momente. Marchand, die nach einem Schlaganfall mit Sehbeeinträchtigungen und Einschränkungen der linken Körperhälfte kämpft, musste ihr Rennen auf Medaillenkurs abbrechen. „Ich habe schon nach dem zweiten Anstieg gemerkt, dass da langsam die Lichter ausgehen“, schilderte die 35-Jährige. „Ich hatte richtig Schwindel. Ich habe fast nichts mehr gesehen und meine linke Seite auch nicht mehr richtig gemerkt. Es ging einfach nicht mehr.“
Bundestrainer Ralf Rombach betonte, dass das Team Marchand noch nicht vollständig kenne und viel lernen müsse. Die Athletin, die erst vor 14 Monaten vom Rudern zum Langlauf wechselte, ist eine historische Figur: Sie ist die erste Sportlerin, die sowohl bei Olympischen Spielen als auch bei den Paralympischen Sommer- und Winterspielen angetreten ist.
Auch Sebastian Marburger, der am Vortag noch Silber im Sprint gewonnen hatte, musste sein Rennen vorzeitig beenden. Der 28-jährige beinamputierte Langläufer kämpfte mit Erschöpfung und den Folgen eines Infekts. „Es hat sich geäußert mit leichtem Stechen in der Lunge ab der dritten Runde. Ich war zu euphorisch am Start und habe mich besser gefühlt, als es war“, erklärte er.
Wicker verpasst Medaille um Haaresbreite
Ein weiterer herber Rückschlag traf Anja Wicker, die in der sitzenden Klasse ihre erste paralympische Medaille im Langlauf um nur 1,5 Sekunden verpasste. „Es ist richtig knapp. Wahrscheinlich ein Zwinkern. An meinem Rennen habe ich nichts auszusetzen. Aber bei den Paralympics tun 1,5 Sekunden aufs Podest schon ein bisschen weh“, sagte die enttäuschte, aber dennoch zufriedene Athletin. „Aber ich habe alles reingehauen und bin zufrieden mit meinem Rennen.“
Politische Spannungen bei Siegerehrung
Die Siegerehrung war erneut von politischen Untertönen geprägt. Während die russische Vortagessiegerin Anastasija Bagijan Gold erhielt, nahmen Walter und Krasman ihre Bronzemedaillen entgegen. Anders als die zweitplatzierte tschechische Duo Simona Bubenickova und ihr Guide setzte das deutsche Paar bei der russischen Hymne die Mützen ab. Walter kommentierte diese Geste mit Bedacht: „Ich denke, so eine Aktion bei der Siegerehrung bringt wenig. Da müssen eher die Weltverbände überlegen, ob das eine faire Entscheidung ist. Wir sollten als Athleten die Medaille trotzdem genießen dürfen.“
Am Vortag hatten ihre Teamkollegin Linn Kazmaier und Guide Florian Baumann – die nach Walters Disqualifikation auf Silber vorgerückt waren – während der russischen Hymne demonstrativ zur Seite gedreht, ihre Mützen aufbehalten und ein gemeinsames Siegerselfie verweigert. Auf Nachfrage russischer Journalisten reagierte das deutsche Duo einen Tag später mit einem knappen „Kein Kommentar“.
Insgesamt war es ein Tag der extremen Kontraste für das deutsche Paralympics-Team: Während Leonie Walter ihren verspäteten Medaillen-Glück feiern konnte, mussten andere Athleten schmerzhafte Niederlagen und gesundheitliche Rückschläge verkraften. Die Ereignisse in Tesero unterstreichen die emotionalen Höhen und Tiefen des Spitzensports auf der größten Bühne der Behindertensport-Welt.



