Vor dem zweiten Gruppenspiel der portugiesischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Usbekistan (Dienstag, 19.00 Uhr, ARD und Magenta TV) steht Superstar Cristiano Ronaldo so stark unter Druck wie selten zuvor bei seinen mittlerweile sechs WM-Teilnahmen. Nach dem enttäuschenden 1:1 gegen die Demokratische Republik Kongo zum Auftakt mehren sich die kritischen Stimmen – sowohl in den Medien als auch innerhalb des Teams.
Medienecho verheerend: „Trauriger Schatten“
Das Fachmagazin „The Athletic“ schrieb: „Cristiano Ronaldo wirkt wie ein trauriger Schatten des großartigen Fußballers, der er einst war.“ Das italienische Portal Calciomercato.com urteilte: „Alles hat ein Ende. Man muss es nur akzeptieren.“ Diese Zitate sind nur ein Ausschnitt aus dem verheerenden Medienecho nach der schwachen Leistung des 41-Jährigen.
Dabei war Ronaldo vor dem Turnier noch als potentiell ältester Weltmeister der Fußball-Geschichte gehandelt worden. Nun lautet die Frage vieler Beobachter: Verpasst der Rekordspieler den richtigen Zeitpunkt für den Abschied von der großen Bühne?
Absetzbewegungen im portugiesischen Team
Dass sich alles bei den Portugiesen um einen Spieler dreht, ist nicht neu. Dass die Sonderrolle des Superstars infrage gestellt wird, ebenfalls nicht. Bei der WM 2022 in Katar setzte ihn der damalige Trainer Fernando Santos sogar auf die Bank. Neu sind jedoch die Absetzbewegungen, die in Teilen des Nationalteams erkennbar sind. Beobachtungen vom Trainingsgelände der Portugiesen in Palm Beach Gardens lassen diesen Eindruck zu.
Abwehrspieler Ruben Dias wurde bei einer Pressekonferenz mehrfach auf die massive Kritik an seinem Kapitän angesprochen. Er spielte diese als medialen „Lärm“ herunter, verteidigte Ronaldo aber nicht aktiv. „Cristiano kann mit diesem Druck umgehen“, sagte er lediglich. Der junge Francisco Conceicao (23) lobte zwar Ronaldos Ehrgeiz als Vorbild, relativierte aber dessen Sonderstellung: „Ich spiele den Ball zu demjenigen, der am besten steht. Er ist hier, um zu helfen – genau wie jeder andere Spieler auch.“
Generationenwechsel: „Ronaldo plus zehn Andere“
Ruben Dias (29), Joao Neves (21) und Vitinha (26) gehören nicht mehr zur Generation der alten Ronaldo-Kumpels aus dessen früherer Nationalmannschafts-Zeit. Sie haben mit Manchester City oder Paris Saint-Germain die Champions League gewonnen und wurden von Trainern wie Pep Guardiola und Luis Enrique geprägt. Wenn diese erfolgreichen Profis zu Länderspielen reisen, erleben sie ein Nationalteam, das immer noch als „Ronaldo plus zehn Andere“ wahrgenommen wird – und das sich anschickt, beim fünften großen Turnier nacheinander weit unter seinen Möglichkeiten zu bleiben.
Trainer Martinez in der Kritik
Doch ist allein Ronaldo schuld? Zur Wahrheit gehört auch, dass es im aktuellen portugiesischen Kader keine adäquate Alternative zu ihm gibt. Sein designierter Nachfolger auf der Mittelstürmer-Position, Diogo Jota, starb vor einem Jahr bei einem Autounfall. Die Rolle von Nationaltrainer Roberto Martinez wird zunehmend kritisch gesehen. Der Spanier versucht stets, möglichst viele Dribbler und Kreativkräfte auf einmal aufzustellen, was dem Spiel der Portugiesen an Power fehlen lässt.
Frankreichs Stürmeridol Thierry Henry änderte seine Meinung über Ronaldo während des Turniers. Als Experte des TV-Senders Fox warf er ihm nach dem Kongo-Spiel zunächst Egoismus vor („Dein Team braucht Tore, nicht du“). Vor der Partie gegen Usbekistan sagte der Weltmeister von 1998 jedoch: „Cristiano kann niemals ein Problem für ein Team sein. Er ist eine Lösung.“
Ronaldos Nähe zu Trump hilft nicht
Ronaldo wohnt während der WM mit dem Team in einem Hotel nahe des Anwesens „Mar-a-Lago“ von US-Präsident Donald Trump. Beide liegen nur knapp sieben Kilometer voneinander entfernt auf derselben schmalen Insel vor Palm Beach. Die portugiesische Kolonne fährt mit zwei Mannschaftsbussen und mindestens sechs schweren Polizeifahrzeugen zum Training. Im vergangenen November lud Trump Ronaldo ins Weiße Haus ein, im Februar kreierte er ein TikTok-Video mit dem Fußball-Star und nannte es „eine Botschaft vom einen GOAT zum anderen“. Diese Nähe hilft Ronaldo derzeit jedoch nicht weiter.



