Emotionaler Abschied in der Kästner-Halle
Am Samstag (9. Mai) um 19.30 Uhr geht für die Mecklenburger Stiere die Saison 2025/26 zu Ende. Auswärts trifft das Team von Michael Gutsche auf Grün-Weiß Werder, den Staffelsieger der Regionalliga Ostsee-Spree. Mit der Nummer 21 wird dann auch der Spieler wieder am Ball sein, der vergangenen Sonntag in der Kästner-Halle bereits besonders emotional verabschiedet wurde. Urgestein Daniel Finkenstein, der insgesamt 18 Jahre für Post Schwerin beziehungsweise für die Stiere gekämpft hat, geht ein letztes Mal dahin, wo es weh tut. Der 38-jährige Kreisläufer blickt im Interview mit unserer Redaktion auf sein bewegtes Handballer-Leben zurück.
Die Verabschiedung: „Kaum vor einem Spiel so aufgeregt“
Herr Finkenstein, für alle, die es nicht live in der Halle erlebt haben – wie fühlte sich die Verabschiedung in der pickepacke vollen Kästner-Halle für Sie an?
Daniel Finkenstein: Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass ich insgesamt vor kaum einem anderen Spiel derartig aufgeregt war. Ich bin mit meinem Sohn an der Hand eingelaufen, viele Freunde und Bekannte waren da und wenn man nach 25 Jahren im Handball Abschied nimmt, dann ist das ein Schritt, der sich kaum mit Worten beschreiben lässt.
Bitte versuchen Sie es mal.
Na ja – mein Leben hat sich an den Trainingszeiten und am Spielplan ausgerichtet. Gefühlt drehte sich alles um Handball. Das war nur möglich, weil meine Frau auch Handballerin war. Anders gesagt – ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie es jetzt mit mir weitergeht. Trainer werde ich jedenfalls nicht sofort – auf dem Weg zum Handball-Rentner gönne ich meinem Körper erstmal eine Pause.
Die Anfänge: Opa und Klassenlehrerin als Wegbereiter
Lassen Sie uns bitte eine kleine Zeitreise machen. Wie ging es bei Ihnen eigentlich los mit diesem Handball-Fieber?
Genau genommen sind zwei Personen daran schuld. Mein Opa und meine damalige Klassenlehrerin. Der Opa nahm mich mit zu einem Post-Heimspiel. Kinder, die eine Ratsche zum Krach machen mitbrachten, durften umsonst rein. Was da in der Kongresshalle abging, hat mich total begeistert. Meine Lehrerin Frau Lünendonk ist wichtig, weil sie mich 2001 zum Handballtraining geschickt hat. Die ersten Tore habe ich in der C-Jugend der Stiere geworfen.
Vom Rückraum an den Kreis
Sie sind 1,96 Meter groß. Wieso sind Sie kein ordentlicher Rückraumschütze geworden?
Zunächst war ich tatsächlich im Rückraum. In der B-Jugend hat mich dann ein Trainer aus der Not heraus an den Kreis gestellt. Ich habe mich nicht dumm angestellt und mir hat der direkte Zweikampf gleich gefallen.
Am Kreis geht es bekanntlich ruppig zu. Das hat Ihnen offenbar nie etwas ausgemacht…
Die permanente Auseinandersetzung, der Körperkontakt – ich habe diese Zweikämpfe geradezu gesucht. Über all die Jahre war meine Einstellung immer: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Und wer mich kennt, der weiß: Ich habe immer gerne ausgeteilt. Rote Karten wegen dreimal zwei Minuten waren jedenfalls keine Seltenheit.
Unvergesslicher Sieg gegen die Füchse Berlin
Ein Freund von Ihnen, Grün-Weiß-Trainer Hannes Prothmann, meinte, ich solle Sie unbedingt auf ein Spiel gegen die Füchse Berlin ansprechen. Wissen Sie, worum es geht?
Natürlich. Wir sind in der Saison 2006/2007 als totaler Außenseiter nach Berlin gefahren. Die Füchse hatten 40:0 Punkte und in der Max-Schmeling-Halle waren über 4.000 Zuschauer. Am Ende stand es 29:27 für uns. Ich habe fünf oder sechs Tore erzielt und außer uns hat in der Halle niemand gejubelt. Auch Füchse-Manager Bob Hanning war von unserer Leistung schwer beeindruckt und ich muss sagen – dieser Sieg bleibt für immer unvergesslich.
Station Flensburg: Der Liebe wegen
2008 haben Sie ihre Heimatstadt Schwerin verlassen. Es zog Sie nach Flensburg, richtig?
Stimmt. Der Grund war aber nicht sportlicher Natur. Vielmehr folgte ich meiner heutigen Frau Anne, die dort Lehramt, Germanistik und Philosophie studierte. Ich studierte dann ebenfalls Lehramt, Germanistik und katholische Theologie. Handball spielte ich vier Jahre in der 2. Mannschaft der SG Flensburg-Handewitt. Anne spielte in der 2. Liga beim TSV Nord Harrislee.
Rückkehr nach Schwerin und Neustart
Nach der Insolvenz von Post Schwerin kehrten Sie zum Neustart in der Saison 2013/14 zurück. Wie genau lief das damals?
Was Sie sagen, stimmt nicht ganz. Holger Antemann war damals Trainer des Mecklenburger HC. Er hatte mich zurückgeholt. Nach dem Zwangsabstieg gehörte ich dann zu der Truppe, die in der 3. Liga Nord mit ihm einen Neustart hinlegen sollte. Stefan Riediger, Kay-Peter Larisch, Ingo Heinze und Hannes waren dabei. Teo Evangelidis kam dazu.
Zweites Comeback bei den Stieren
Es würde nun zu weit führen, hier auch auf ihre Zeit beim Doberaner SV einzugehen. Erzählen Sie stattdessen bitte von Ihrem zweiten Comeback bei den Stieren vor rund drei Jahren.
Das ist relativ schnell erzählt. Eines Tages riefen mich überraschend Teo und Robert Schneidewind an. Sie fragten, ob ich mir vorstellen könnte, wieder für die Stiere aufzulaufen. Da musste ich als Ur-Schweriner nicht lange überlegen. Das war Ehrensache und außerdem sollte mich mein Sohn in Action erleben.
Wie war das für Sie? Einige Spieler sind 15 und mehr Jahre jünger als Sie. Was hat sich rückblickend im Handball verändert?
Die Änderungen in unserer Gesellschaft spiegeln sich im Sport wider. Früher war der Trainer unantastbar. Es wurde gemacht, was von oben angesagt wurde. Heute versteht sich ein Trainer mehr als Teil der Mannschaft. Eine funktionierende Kommunikation ist immens wichtig. Rein sportlich sind die Schnelligkeit und die Athletik von heute überragend.
Kommunikation und Kritikfähigkeit
Können Sie das Thema Kommunikation noch etwas näher erläutern?
Lassen Sie es mich so formulieren: Ich finde, dass die Kritikfähigkeit bei einigen jungen Leuten nachgelassen hat. Ich glaube, dass sich manche die Kritik, die sie ja nach vorne bringen soll, zu sehr zu Herzen nehmen. Sie fühlen sich angegriffen und dann staut sich schnell Frust auf. Probleme werden runtergeschluckt, statt sie klar anzusprechen.
Abschied und Dank
Vielen Dank für das offene Gespräch...
Moment. Eines noch. Der Handball in Schwerin hat mir viele Freundschaften beschert. Hannes, Tobi, Zufi. Über Teo bin ich zum Griechenland-Freund geworden, Bevan Calvert ist der Patenonkel von Pepe und ich bin umgekehrt der seines Sohnes. Was ich damit sagen will – Handball verbindet. Das bleibt, auch nach der aktiven Zeit.



